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Nachruf auf Klaus Tipke:Der Steuergerechte

Klaus Tipke blieb auch im hohen Alter engagiert und im allerbesten Sinne ein steuerlicher Moralist.

(Foto: privat)

Er war ein Kämpfer gegen das Steuerchaos und konnte dessen Kompliziertheiten verständlicher machen, als sie es sind. Nun ist Klaus Tipke im Alter von 95 Jahren gestorben.

Nachruf von Heribert Prantl

Er war einer der ganz großen deutschen Steuerrechtler; nein, er war der große Steuerrechtler. Er war der Nestor, er war der Altmeister der Wissenschaft vom Steuerrecht. Und er war kein abgehobener Spintisierer, sondern ein wissenschaftlicher Praktiker und ein Kämpfer gegen das Steuerchaos. Diesen Kampf führte er furios, er war sein Lebensinhalt und er spiegelt sich in seinem Werk, vor allem in seiner dreibändigen "Steuerrechtsordnung".

Als in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Finanzämter erst einmal so weitermachten wie gewohnt, hat er - zuerst als junger Finanzrichter, dann als Wissenschaftler - die Maßstäbe des Grundgesetzes auch zu den Maßstäben des Finanzrechts gemacht. Er hat Begriffe wie "Steuergerechtigkeit" und "Leistungsfähigkeit" mit Leben gefüllt. Er hat seinen Studenten ebenso wie den Politikern beizubringen versucht, wie Fairness im Steuerrecht aussieht und dass der Steuergesetzgeber, wenn er ein System einführt, sich auch selbst daran halten muss. Bei seinen Studenten ist ihm das gelungen, bei der Politik, so sein eigenes Fazit, nicht. Am Donnerstagnachmittag ist Klaus Tipke im 96. Lebensjahr in Köln gestorben.

Klaus Tipke wurde 1925 als ältester Sohn auf einem Bauernhof bei Stade geboren, besuchte die Oberschulen in Buxtehude und Hamburg-Altona, wurde zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht eingezogen, mit seinem Regiment in Kurland von der Roten Armee eingekesselt und 1944 schwer am Kopf verwundet; er verlor das linke Auge. Das Schicksal des Kriegsversehrten teilte er mit einem weiteren ganz großen Juristen der jungen Bundesrepublik, dem fünf Jahre älteren Tübinger Verfassungsrechtler Günter Dürig. Beide haben sie das bundesdeutsche Recht grundrechtlich durchdrungen.

Tipke hat nach dem Krieg erst Philosophie, dann Jura studiert, weil er davon ausging, dass Recht etwas mit Gerechtigkeit zu tun habe. Und von diesem Ideal wollte er nicht lassen: nicht als Richter, nicht als Wissenschaftler, nicht als Lehrer ganzer Generationen von Steuerberatern und hohen Steuerbeamten, nicht als Mahner und Warner der Politik. Klaus Tipke war der jüngste Finanzrichter in der jungen Bundesrepublik und er wurde - das war eine Sensation - direkt von seiner Position als Vorsitzender Richter am Hamburger Finanzgericht auf den Lehrstuhl für Finanzrecht an der Universität Köln berufen. Als Leiter des Instituts für Steuerrecht sorgte er dafür, dass aus einem juristischen Orchideenfach ein juristisches Kernfach wurde. Die Steuerberater forderte er immer wieder auf, als unabhängige Organe der Rechtspflege zu wirken und die Rechte der Mandanten selbstbewusst und unerschrocken wahrzunehmen.

Er hinterlässt ein wichtiges politisches Testament

Tipke war nicht nur ein profunder Kenner, sondern auch ein furioser Schreiber und hochengagierter Redner. Er konnte die Kompliziertheiten des Steuerrechts verständlicher machen, als sie es sind. Er attackierte die Steuergesetze als chaotisch-kompliziert und ungerecht. Da war er als alter Herr fast so agil wie als junger Wilder. Und wenn die Politik ihm einfach nicht folgen wollte und ihm die Unschlüssigkeiten und Stümpereien der Steuerpolitik keine Ruhe mehr ließen, dann klagte Tipke bis zum höchsten Gericht - und erzielte beim Bundesverfassungsgericht schöne Erfolge; zuletzt bei der Spekulationssteuer, die er als "Dummensteuer" kritisiert hatte. Das Gericht gab dem Professor recht: Die mangelhafte Durchsetzung der Steuerpflicht verletze das "verfassungsrechtliche Gebot tatsächlich gleicher Steuerbelastung durch gleichen Gesetzesvollzug".

Die letzte Lebensphase war beschwerlich für Tipke. Die Neuauflagen seiner Steuerrechtsbücher schrieb der greise Herr bei erlöschendem Augenlicht, aber geistig klarsichtig, mithilfe eines Lesegeräts. Auch hörte er immer schlechter, die Kommunikation wurde schwierig. Aber er blieb engagiert und im allerbesten Sinne ein steuerlicher Moralist. Er hinterlässt ein wichtiges politisches Testament: Vereinfacht das Steuerrecht! Tipke hat sein Leben lang dafür geworben.

© SZ
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