Kampf gegen Ärztemangel Denn auf dem Land, da ist was los

Die Zahl der Allgemeinmediziner geht seit Jahren zurück, viele Krankenhäuser können freie Stellen nicht besetzen. Nach langem Streit über den richtigen Lösungsansatz ziehen Bund und Länder die Notbremse - und setzen eine Expertenkommission ein.

Von Guido Bohsem

Bund und Länder wollen einem Ärztemangel in Deutschland vorbeugen. Die Gesundheitsminister setzten am Montag in Berlin eine Expertenkommission ein. Diese soll ausarbeiten, wie die medizinische Versorgung auch künftig sichergestellt werden kann. Die Vorschläge sollen dann in ein neues Gesetz münden, das Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) spätestens im kommenden Jahr vorlegen möchte. Im Zentrum stehe das Ziel, wieder mehr junge Mediziner für eine Praxis auf dem Land zu gewinnen, sagte er.

Die Zahl der Allgemeinmediziner in Deutschland nimmt ab.

(Foto: dpa)

Obwohl die Zahl der Mediziner stetig steigt, warnen die Ärzteverbände seit Jahren über einen Medizinermangel. Dieser zeichnet sich am deutlichsten in den Krankenhäusern ab. Nach einer kürzlich veröffentlichen Erhebung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundesärztekammer suchen die deutschen Kliniken derzeit insgesamt 5000 Mediziner. 80 Prozent der Krankenhäuser hätten 2009 ihre Stellen nicht besetzen können. Drei Jahre zuvor hätten lediglich 26 Prozent vergeblich nach neuen medizinischem Personal gesucht.

Anders sieht es bei den Medizinern mit eigener Praxis aus, den niedergelassenen Ärzten. Hier ist der Medizinermangel derzeit nur ein regionales Problem. Betroffen sind meist ländliche Gebiete, insbesondere, wenn sie im Osten der Republik liegen. Unterschiede gibt es aber auch zwischen den Fachbereichen. So fehlt es nach Angaben der Ärzteschaft vor allem an den klassischen Hausärzten. Ihre Zahl sinkt schon seit Jahren kontinuierlich. Derzeit praktizieren etwa 52.000. Weil viele der Doktoren aber 60 Jahre oder älter sind, werden es bald deutlich weniger sein. Ihre Zahl wird nach Aussagen von KBV-Chef Andreas Köhler bis 2020 um 7000 auf 45.000 sinken.

Paradox daran ist, dass die Zahl der Ärzte in den vergangenen 20 Jahren um etwa 50 Prozent gestiegen ist. Dass immer mehr Ärzte zu einem immer größeren Ärztemangel führen, hat nach Meinung der Ärzteschaft vielfältige Ursachen. So seien mehr als 60 Prozent des medizinischen Nachwuchses Frauen. Diese legten aber mehr Wert auf flexible und kürzere Arbeitszeiten, um ihren Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen. Zudem sei die Zahl der Behandlungsfälle gestiegen, weil die Bevölkerung älter werde. Schließlich ziehe es viele junge Mediziner ins Ausland, wohingegen nicht genügend Ärzte von dort kämen.

Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) wiederum machen eine ganz andere Rechnung auf. Ihrer Meinung nach ist die Klage über einen Ärztemangel nämlich weitgehend unbegründet. Ihrer Einschätzung nach gibt es genug Ärzte in der Bundesrepublik. "Sie sind nur falsch verteilt", argumentiert etwa der stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg.

Es gebe bundesweit 25.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten mehr als nach der Bedarfsplanung benötigt. Diese praktizierten aber in Gebieten, die ohnehin bestens medizinisch versorgt seien. In den Landkreisen, wo es Ärztemangel gebe, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Thüringen und in ländlichen Räumen in Hessen und Niedersachsen, fehlten hingegen, gemessen am eigentlichen Bedarf, etwa 800 Mediziner.

Bund versus Länder

In Bund und Ländern ist man völlig unterschiedlicher Ansicht, wie das Problem in den Griff zu bekommen ist. So gab es auf der Gesundheitsministerkonferenz einen Streit darüber, wer die ärztliche Versorgung in Zukunft planen soll. Einige Länder forderten von Rösler ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht. Rösler hatte dies in seinen ersten Vorschlägen jedoch nicht vorgesehen.

Derzeit wird der Bedarf an medizinischer Betreuung in Verhandlungen zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen und den gesetzlichen Krankenkassen festgelegt. Entsprechend viele Ärzte sind dann vorgesehen. Die beiden Organisationen setzen dabei Vorgaben um, die auf Bundesebene vereinbart werden. Die Länder sind also nicht beteiligt.

Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) sagte: "Wir brauchen größere Spielräume. Die Länder wollen nicht nur mitreden, sondern auch mitentscheiden." Dies gelte nicht nur bei der Verteilung der Ärzte, sondern auch bei deren Honorargestaltungen. Die Länder müssten unbedingt in die Verhandlungen des dafür zuständigen Ausschusses einbezogen werden.

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