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Fiktion und Realität:Zehn Mythen über Ärzte

TV-Serien beeinflussen das Bild, das sich Patienten vom Arzt machen - dank unausrottbarer Klischees. Die zehn auffälligsten von ihnen.

Berit Uhlmann

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Quelle: SZ

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TV-Serien beeinflussen das Bild, das sich Patienten vom Arzt machen. Über die Soaps hinweg gibt es wiederkehrende Klischees. Wir haben die auffälligsten zehn in den - vor allem bei jüngeren Zuschauern beliebten - amerikanischen Serien gesammelt:

1. Der Arzt heilt jeden

Hierbei tut sich vor allem Dr. House hervor. Bei ihm gibt es immer die richtige Diagnose. Die Ironie dabei: Viele der bizarren medizinischen Fälle der Erfolgsserie haben die Autoren aus Autopsie-Akten ausgegraben. Die echten Patienten waren also schon tot, als die Krankheit letztlich erkannt wurde, recherchierte der amerikanische Medizinjournalist Andrew Holtz, der ein ganzes Buch über Houses Fälle verfasste.

Vor Fehleinschätzungen sind auch deutsche Ärzte nicht gefeit. Bei rund einem Drittel aller verstorbenen Klinikpatienten werden die Leiden nach Einschätzung der Bundesärztekammer falsch diagnostiziert. In rund 15 Prozent der Fälle hat die Fehldiagnose den Tod des Patienten zumindest mitverursacht.

(Foto: RTL)

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2. Der Arzt kann alles

Ob hochriskante Operation, Orthopädie oder Autopsie - der TV-Arzt praktiziert in einer Vielzahl von Feldern, als wäre seine Klinik ein Feldlazarett. In kaum einer Fernsehserie gibt es den Anästhesisten, den Radiologen und den Laborarzt. Den Zuschauer stört es nicht, er liebt die Vorstellung vom Arzt als Alleskönner, Macher und Zupacker.

In der Realität dagegen ist der Arzt umso angesehener, je spezialisierter er ist. Und ganz im Gegensatz zum Aktionismus in den Soaps ist das, was deutsche Stationsärzte über Stunden des Tages anpacken, nur ihr Stift. Hessische Ärzte gaben in einer Befragung an, lediglich etwas mehr als vier Stunden pro Tag medizinisch tätig zu sein. Mehr als drei Stunden widmen sie sich Verwaltungsarbeiten - und tragen dabei keinen aktionistisch anmutenden Mundschutz wie die Medizinerin aus "Grey's Anatomy" auf dem Foto.

(Foto: AP)

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3. Der Arzt lässt keine medizinische Möglichkeit aus

Der TV-Arzt kann nicht nur alles, er tut es auch. Wenn er nur erst genügend Strahlen, Infusionen oder Skalpelle in den Körper der TV-Patienten hat eindringen lassen, ist irgendwann auch die Heilung da. Mehr Medizin hilft mehr, ist die zweifelhafte Botschaft der Serien.

Tatsächlich sind etliche Untersuchungen und Therapien bestenfalls überflüssig. Schlimmstenfalls machen sie ihn zusätzlich krank: Drei Prozent aller deutschen Krankenhauspatienten müssen gesundheitliche Schäden als Folge ihrer Behandlung befürchten, schätzt die Schlichtungsstelle der Norddeutschen Ärztekammern. Zusätzlich ziehen sich jedes Jahr mindestens eine halbe Million Patienten im Krankenhaus Infektionen zu.

(Foto: dpa)

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4. Der Arzt heilt mit experimentellen Therapien

Fernsehärzte haben immer noch ein Ass im Ärmel: Im Notfall hilft eine ganz neue, nicht zugelassene Methode, die sie rasch an ihrem Patienten ausprobieren.

In der Realität werden neue Behandlungsoptionen nur unter strengen Auflagen geprüft. Selbst wenn es einem Patienten gelingen sollte, kurzfristig in eine geeignete Studie aufgenommen zu werden, ist dies beileibe kein Allheilmittel. Der Patient hat nicht einmal die Garantie, die neue Therapie auch zu erhalten, denn in der Regel gibt es eine Vergleichsgruppe, die die herkömmliche oder eine Scheinbehandlung bekommt. Der Kranke hat keinen Einfluss darauf, in welche Gruppe er eingeteilt wird.

(Foto: Szene aus "Dr. House"/RTL)

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5. Der Arzt pflegt und umsorgt

Der TV-Arzt ist ein Rundumversorger. Nach der OP wischt er sich rasch das Blut aus dem Gesicht, um am Bett des Patienten auf dessen Erwachen zu warten und zwischendurch ein bisschen am Infusionsschlauch zu werkeln, der so oft ins Bild rückt, dass man seine Symbolik nicht übersehen kann: Hier ist die Nabelschnur. Pflegekräfte kommen in vielen in amerikanischen TV-Serien dagegen fast gar nicht vor, und wenn, dann als erotische Versuchung.

Gegen diese Darstellung sprechen die Klinikstatistiken. In deutschen Krankenhäusern gibt es mehr als doppelt so viele Pflegekräfte wie Ärzte. Sie haben deutlich mehr Patientenkontakt als die Mediziner.

(Foto: Szene aus "Dr. House"/RTL)

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6. Der Arzt sorgt für die Seele

Die Betten der TV-Patienten sind gut besucht. Ärzte setzen sich gerne auf die Kante und lösen orakelgleich die Seelennöte der Geplagten - auch die, die nicht im Krankenblatt stehen.

Die Realität zeigt eine Befragung hessischer Ärzte: Durchschnittlich 1,4 Stunden haben sie pro Tag Zeit, mit Patienten und deren Angehörigen zu sprechen. Bitte keine falschen Hoffnungen: Diese Zeit gilt nicht pro Patient, sondern für alle zusammen.

(Foto: George Clooney in "Emergency Room"/dpa)

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7. Der Arzt ist selbstlos

Irdischen Reichtümern gegenüber sind die Fernsehärzte oft merkwürdig desinteressiert. Vor allem bei "Grey's Anatomy" haben die Mediziner nicht einmal durchgängig eine eigene Wohnung, sondern hausen in WGs zusammen, bei denen schon einem Erstsemester der Spaß vergehen würde oder sie schlafen gleich freiwillig in der Klinik.

Wer neben Arztserien auch hin- und wieder Nachrichtensendungen einschaltet, dürfte die Realität kennen. Ärzte verlangen regelmäßig und wirksam bessere Arbeitsbedingungen und ordentlich mehr Geld.

(Foto: dpa)

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8. Der Arzt hat Heldenqualitäten

Man konnte schon TV-Ärzte in brennende Gebäude hineinlaufen sehen, um eine Schwangere oder ein Kind persönlich zu retten. Dr. House probierte gar Behandlungen an sich selbst aus.

Muss man noch sagen, dass dies blanker Unsinn ist? Das Strafgesetzbuch regelt, dass ein Arzt - Wie übrigens jeder andere Mensch auch - die Pflicht hat, in einem Notfall Hilfe zu leisten. Dies muss er aber nur, wenn die Hilfeleistung zumutbar ist und er sich nicht selbst in große Gefahr bringt.

(Foto: dpa)

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9. Der Arzt darf Liebesbeziehungen zum Patienten haben

Nun ja, eigentlich wissen die TV-Ärzte schon, dass sie ihren Patienten neutral gegenübertreten sollen, doch da ihre Heldenhaftigkeit sie außerhalb jedes menschlichen Maßstabes stellt, sieht man ihnen die Romanzen dann doch nach. Und erlebt, wie die ohnehin aufopfernde Behandlung beim geliebten Patienten noch aufopfernder wird - zu sehen beispielsweise bei der ehemaligen Ärztin aus "Grey's Anatomy" (auf dem Foto).

Das Verbot sexuelle Beziehungen zu Patienten zu unterhalten, ist schon im Eid des Hippokrates festgeschrieben. Noch heute gelten Liebesbeziehungen zu Patienten als unprofessionell. Nach Ansicht der meisten Mediziner schadet eine solche Bindung sowohl der Romantik wie auch der Behandlung.

(Foto: AP)

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10. Der Arzt schaut keine Arztserien

Die meisten Krankenhausserien nehmen sich toternst. Allein bei "Dr. House" ist man selbstironisch: Der Grantler versteckt sich immer wieder in abgelegenen Zimmern, um Arzt-Schmonzetten anzuschauen.

Damit dürfte er nicht der einzige Mediziner sein. In einer Befragung unter US-amerikanischen Medizinstudenten gaben 85 Prozent an, innerhalb eines Jahres mindestens einmal eine Arztserie angeschaut zu haben. Ganz oben lag "Dr. House" mit 76 Prozent, gefolgt von "Grey's Anatomy" mit 73 Prozent. Die weithin als am realistischsten geltende Serie "Emergency Room" sahen dagegen nur 40 Prozent.

(Foto: RTL)

(sueddeutsche.de/bgr)

© Süddeutsche.de/beu
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