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Kaffee:Was erlauben, Schultz!

Der Gründer des Starbucks-Konzerns plant offenbar eine Invasion in Italien, wo er einst seine Geschäftsidee stahl. Mit seinem Plan dürfte er jedoch auf einige Probleme treffen.

Von Oliver Meiler

2016 wird, neben manch Bedeutenderem, auch ein aufregendes kulturelles Experiment bringen. Starbucks, dieser Weltbrüher von teurem Kaffee in billigen Pappbechern, kommt nach Italien, Heimat und Hochamt des "Caffè". Das erste Lokal soll bald in Mailand eröffnen, dem Labor des Landes. Mehr noch als ein Experiment: Der amerikanische Großkonzern geht da ein Wagnis ein, nahe am Tabubruch.

Howard Schultz, der Gründer und Chef von Starbucks, erzählte einmal, dass ihm die Idee für seine Kaffeehäuser vor 30 Jahren kam, als er durch Italien reiste und dabei viel Zeit in den Bars zubrachte, den Paradeinstitutionen des italienischen Gesellschaftslebens. Diese Erfahrung, sagte er, habe er nach Amerika bringen wollen. Nun, für die Legende mag die Erzählung ganz hübsch klingen. Die Nachahmung aber, mit Verlaub, missriet gründlich. Ein Laden von Starbucks hat mit einer italienischen Bar wenig gemein. Er ist in vielem das genaue Gegenteil davon - aber zunächst zu den harten Fakten.

Seit zwanzig Jahren heißt es in Italien immer mal wieder, es sei nun soweit, Schultz komme, er greife die Bastion an mit seinem "Frappuccino", "Latte" und "Chocolate Mocha". Er sei ja schon fast überall, genauer gesagt in 68 Ländern, da könne Italien nicht länger fehlen.

Bisher waren die Ankündigungen immer folgenlos. Nun aber fand Schultz einen italienischen Partner, der Erfahrung hat mit Marktinvasionen: Der Unternehmer Antonio Percassi, ehemaliger Fußballprofi und Betreiber von Supermärkten, bereitete unter anderem der spanischen Modekette Zara den Weg ins Land.

Interessant wird sein, wie Starbucks dem Original Konkurrenz machen will. Schultz, so nimmt man an, wird vor allem damit werben, dass man bei ihm gratis im Internet surfen und in tiefen, samtenen Sofas hängen kann. Vielleicht lockt er auch mit Teegetränken, Keksen, Sandwiches. Mit seinem Kaffee aber sollte er besser nicht werben. Der italienische ist unerreicht, in allen seinen Deklinationen: als Espresso im kleinen Glas oder in der Porzellantasse für 80 oder 90 Cent, als Ristretto, Macchiato caldo oder Macchiato freddo, als Cappuccino samt hingeschütteltem Schaumherz, den man in Italien nur zum Frühstück und nie nach 11 Uhr trinkt, als Caffè corretto für die Verdauung, "korrigiert" mit einem Schuss Hochprozentigem. Das sind nur die häufigsten Variationen. Sogar der Americano ist in Italien meist besser als in Amerika.

Und die Bars erst! Sie sind Orte warmer Alltagsrituale und Zwischenmenschlichkeiten unter oxidierten Jugendstilspiegeln. Jede für sich mit eigenem Ambiente, laut und lebendig. Es klacken die Kolben der Kaffeemaschinen, es fliegen die Kommentare zum Fußball, zur Politik, zu allem. Selten symphonisch, aber oftmals geistreich und sanft hämisch. Der Barista kennt die Vorlieben jedes Kunden, auch die ausgefallenen, und gießt unaufgefordert. Man sitzt da nicht, man steht an der Theke, kurz nur, und trägt dann keine Pappbecher raus. Niemand fragt an der Kasse nach dem Namen, wie bei Starbucks. Man ist Teil des Rituals. Manchmal ist man sogar Hauptdarsteller in diesem schönen, bunten, großen Theater des Lebens.

© SZ vom 02.01.2016/cag
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