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Joseph Stiglitz wird 70:Wie funktionieren die Märkte?

Solche Asymmetrien kamen früher in den Modellen nicht vor, ohne sie kann man aber das Verhalten von Marktteilnehmern nicht verstehen. Stiglitz fand zum Beispiel heraus, dass sich Banken gegen das Risiko säumiger Schuldner am besten dadurch schützen, dass sie den Kredit verknappen. Die Standardmodelle hätten eine Erhöhung des Zinses vorausgesetzt.

Der Wissenschaftler selbst brachte seine Erkenntnisse so auf den Punkt: Effiziente Märkte setzen voraus, dass man Versicherungen für die Ewigkeit abschließen kann. "Wenn Stabilität und Effizienz es erfordern, dass es Märkte gibt, die unendlich weit in die Zukunft reichen - und diese Märkte existieren offensichtlich nicht -, wie können wir dann die Stabilität und die Effizienz des kapitalistischen Systems gewährleisten?"

Stiglitz wuchs als Sohn einer politisch engagierten Mittelklasse-Familie in der Industriestadt Gary (Bundesstaat Indiana) auf. Diese Wurzeln waren ihm immer wichtig. In einer autobiografischen Notiz beschrieb Stiglitz seine Mutter als "New-Deal-Demokratin", was bedeutet: Sie war Anhängerin des Reformpräsidenten Franklin D. Roosevelt. Sein Vater habe in der Tradition des Gründervaters Thomas Jefferson gestanden; er habe immer sein eigener Chef sein wollen und die Tugend der Selbstverantwortung hochgehalten.

Stiglitz und Martin Luther King

Stiglitz wurde politisiert durch die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre, er kämpfte in Schule und College gegen Rang- und Rassenunterschiede und war Zeuge, als Martin Luther King am 28. August vor dem Lincoln Memorial in Washington seine berühmte "I have a dream"-Rede hielt.

Seine Ausbildung bekam Stiglitz auf sehr unterschiedlichen Hochschulen: Er startete im Amherst College und wechselte an das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Von dort ging er an die marktorthodoxe Universität von Chicago und dann an die damals linke Universität Cambridge (England). Heute lehrt er an der Columbia University. Früh engagierte er sich als politischer Berater.

1997 wurde Stiglitz Chefvolkswirt der Weltbank in Washington. Dort lieferte er sich einen erbitterten Streit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über dessen Methoden im Kampf gegen die Asienkrise. 2000 wurde er zum Rücktritt gezwungen - auf Druck des damaligen US-Finanzministers Larry Summers, wie Stiglitz selber glaubt. Heute ist er Mitglied im Weltklimarat IPCC. Während der Finanzkrise saß er einer Kommission der Vereinten Nationen vor, die Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für den Wohlstand eines Landes finden sollte. In einer anderen UN-Kommission kümmerte er sich um Reformen im Finanzsystem. Die Regierung Obama kritisierte er scharf wegen deren Politik zur Rettung der Wall Street.

© SZ vom 09.02.2013/mike
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