Süddeutsche Zeitung

Joseph Stiglitz wird 70:Der kluge Populist

Er ist Kult. Sein Einfluss auf politische Debatten ist enorm, nicht zuletzt, weil der Sohn einer politisch engagierten Mittelklasse-Familie aus Indiana 2001 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat. Zum 70. Geburtstag des Ökonomen Joseph Stiglitz, der seinen Ruhm als Nobelpreisträger nutzte, um die weltweite Kapitalismuskritik zu befeuern.

Am 3. Oktober 2011 zog Joseph E. Stiglitz seine rote Wetterjacke über, setzte sich bei der Columbia University in die U-Bahn und fuhr hinunter in den Finanzdistrikt Manhattans. Dort, am Zuccotti-Park, hatten sich zwei Wochen vorher ein paar hundert junge Leute mit Decken und Zelten niedergelassen; sie nannten ihre Aktion "Occupy Wall Street". Eine Solidaritätsadresse dort war Pflicht für Stiglitz, schließlich gehörte der linke Wirtschaftsprofessor zu den Helden dieser Bewegung.

Zunächst schien es ihn zu irritieren, dass seine Zuhörer jeden Satz, den er sagte, im Chor wiederholten (Das war Brauch damals bei Occupy, man nannte es "mike check"). Dann aber nutzte er die Situation für seine Botschaft. Megaphone seien in New York verboten und das zeige, "dass es strengere Regeln gegen Fehlverhalten bei Demonstrationen gibt als gegen Fehlverhalten an der Wall Street".

Das war typisch Stiglitz: am richtigen Ort zur richtigen Zeit den richtigen Satz sagen. Dank dieses Talents wurde Stiglitz, der an diesem Samstag 70 Jahre alt wird, eine Ikone der Kapitalismuskritik und einer der populärsten Ökonomen der Gegenwart. Er war bei den ersten Protesten gegen die Globalisierung dabei, er stellte sich gegen die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Sparpolitik Europas in der Schuldenkrise und schließlich den schrankenlosen Kapitalismus. Sein Charaktergesicht mit Denkerstirn, Professorenbrille und Philosophenbart sieht man auf Podien in Davos ebenso wie unter Protestierern.

Systemkritik in populärwissenschaftlichen Büchern

Seine Systemkritik legte er in vielen populärwissenschaftlichen Büchern dar: "Die Schatten der Globalisierung" (2002), "Die Roaring Nineties" (2003), und "Die Chancen der Globalisierung" (2006). Sie zeichnen sich durch eine Mischung aus kluger Kritik und ebenso grober wie populistischer Vereinfachung aus. Das jüngste Buch "Der Preis der Ungleichheit" (2012) ist sein Tribut an "Occupy Wall Street". Der Wissenschaftler ersprach sich viel von der Bewegung. Er glaubt, dass es den Besetzern zu danken war, dass Präsident Barack Obama in seiner Rede zur Lage der Nation so viel über Ungleichheit gesprochen hat.

Tatsächlich wird die extreme Kluft zwischen Arm und Reich offener diskutiert. Stiglitz' Analyse wird, anders als die Mehrzahl seiner Politikvorschläge, auch von vielen außerhalb der Linken geteilt: "Grob ungleiche Gesellschaften funktionieren nicht effizient, ihre Volkswirtschaften sind weder stabil noch auf lange Sicht nachhaltig. Wenn eine Interessengruppe zu viel Macht hat, gelingt es ihr politische Entscheidungen durchzusetzen, die ihr selbst nützen, nicht aber der Gesellschaft als Ganzes."

Der Einfluss des Professors auf politische Debatten rührt auch von dem Prestige her, das ihm der Wirtschaftsnobelpreis 2001 brachte. Sein wissenschaftliches Werk ist wichtig für das Verständnis des Aktivisten Stiglitz. Im Kern geht es um "asymmetrische Informationen". Wie kommen Märkte zustande, wenn der Verkäufer eines Gebrauchtwagens alles über seine Ware weiß, der Käufer aber fast nichts? Wie entsteht ein Versicherungsmarkt, wenn Versicherer zu wenig über die Versicherten wissen?

Wie funktionieren die Märkte?

Solche Asymmetrien kamen früher in den Modellen nicht vor, ohne sie kann man aber das Verhalten von Marktteilnehmern nicht verstehen. Stiglitz fand zum Beispiel heraus, dass sich Banken gegen das Risiko säumiger Schuldner am besten dadurch schützen, dass sie den Kredit verknappen. Die Standardmodelle hätten eine Erhöhung des Zinses vorausgesetzt.

Der Wissenschaftler selbst brachte seine Erkenntnisse so auf den Punkt: Effiziente Märkte setzen voraus, dass man Versicherungen für die Ewigkeit abschließen kann. "Wenn Stabilität und Effizienz es erfordern, dass es Märkte gibt, die unendlich weit in die Zukunft reichen - und diese Märkte existieren offensichtlich nicht -, wie können wir dann die Stabilität und die Effizienz des kapitalistischen Systems gewährleisten?"

Stiglitz wuchs als Sohn einer politisch engagierten Mittelklasse-Familie in der Industriestadt Gary (Bundesstaat Indiana) auf. Diese Wurzeln waren ihm immer wichtig. In einer autobiografischen Notiz beschrieb Stiglitz seine Mutter als "New-Deal-Demokratin", was bedeutet: Sie war Anhängerin des Reformpräsidenten Franklin D. Roosevelt. Sein Vater habe in der Tradition des Gründervaters Thomas Jefferson gestanden; er habe immer sein eigener Chef sein wollen und die Tugend der Selbstverantwortung hochgehalten.

Stiglitz und Martin Luther King

Stiglitz wurde politisiert durch die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre, er kämpfte in Schule und College gegen Rang- und Rassenunterschiede und war Zeuge, als Martin Luther King am 28. August vor dem Lincoln Memorial in Washington seine berühmte "I have a dream"-Rede hielt.

Seine Ausbildung bekam Stiglitz auf sehr unterschiedlichen Hochschulen: Er startete im Amherst College und wechselte an das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Von dort ging er an die marktorthodoxe Universität von Chicago und dann an die damals linke Universität Cambridge (England). Heute lehrt er an der Columbia University. Früh engagierte er sich als politischer Berater.

1997 wurde Stiglitz Chefvolkswirt der Weltbank in Washington. Dort lieferte er sich einen erbitterten Streit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über dessen Methoden im Kampf gegen die Asienkrise. 2000 wurde er zum Rücktritt gezwungen - auf Druck des damaligen US-Finanzministers Larry Summers, wie Stiglitz selber glaubt. Heute ist er Mitglied im Weltklimarat IPCC. Während der Finanzkrise saß er einer Kommission der Vereinten Nationen vor, die Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für den Wohlstand eines Landes finden sollte. In einer anderen UN-Kommission kümmerte er sich um Reformen im Finanzsystem. Die Regierung Obama kritisierte er scharf wegen deren Politik zur Rettung der Wall Street.

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Quelle:
SZ vom 09.02.2013/mike
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