IWF-Chefin Christine Lagarde Mit breitem Lächeln in die Anhörung

Darf sie bleiben, muss sie gehen? Ganz Frankreich überschlägt sich mit Spekulationen über die Zukunft von Christine Lagarde. Als Wirtschaftsministerin soll sie dem Ex-Adidas-Haupteigner einen Millionen-Schadensersatz zugeschanzt haben. Doch die IWF-Chefin selbst geht sichtlich entspannt in die Anhörung vor Gericht - die dann mehr als zwölf Stunden dauert.

Von Michael Kläsgen, Paris

Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und wie immer elegant gekleidet, betrat Christine Lagarde am Donnerstag den Gerichtshof in Paris und verschwand dann in die nichtöffentliche Anhörung. Die dauerte mehr als zwölf Stunden und wird an diesem Freitag fortgesetzt.

Lagardes lächelnde Botschaft war klar. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", sollte es heißen. Doch zu dem Zeitpunkt überschlugen sich längst die Spekulationen im französischen Radio und Fernsehen darüber, ob die 57-jährige frühere konservative Finanzministerin Chefin des Internationalen Währungsfonds bleiben kann, wenn ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet wird. Gilt für sie die Unschuldsvermutung oder ein besonderer Ehrenkodex, da sie die ranghohe Repräsentantin einer internationalen Organisation ist?

Der IWF hat Lagarde am Donnerstag Rückendeckung gegeben. Man vertraue weiterhin darauf, dass sie effektiv ihren Pflichten nachkommen könne, sagte ein Sprecher. Andererseits gilt für die frühere Topanwältin der Kanzlei Baker & McKenzie eine kleine Vertragsänderung, die mit den Vorkommnissen um ihren Vorgänger Dominique Strauss-Kahn zu tun haben dürften. Danach dürfe sie sich keine "Unschicklichkeiten im Verhalten" vorwerfen lassen, heißt es in dem im Juli 2011 veröffentlichten Arbeitsvertrag. Ein Formulierung, die viel Raum für Interpretationen lässt.

Nicht einmal die sozialistische Regierung in Paris ist sich einig. Für die Sprecherin der französischen Regierung scheint die Sache klar: "Wäre sie Mitglied dieser Regierung, müsste sie zurücktreten, wenn formell ermittelt wird", so Najat Vallaud-Belkacem. Präsident François Hollande tut hingegen so, als halte er die schützende Hand über seine Landsmännin. Das Enthüllungsblatt Le Canard enchaîné zitiert ihn mit den Worten, dass er bei einem Ermittlungsverfahren nicht ihren Rücktritt fordern werde. Schließlich gehe es um das Ansehen der Republik. Schon Strauss-Kahns Rücktritt nach der Sexaffäre mit einem Zimmermädchen war für das Land peinlich.

Finanzminister Pierre Moscovici schloss wiederum nicht aus, die "Nichtigkeit" des vorangegangenen Richterspruchs einzuklagen, wenn sich herausstellen sollte, dass Lagarde "die Interessen des Staates verletzt hat". Würde er damit durchkommen, müsste der Geschäftsmann Bernard Tapie die gesamten 403 Millionen Euro an den Fiskus zurückzahlen, die ihm als Entschädigung zugesprochen worden waren und von denen er sich eben erst eine 75 Meter lange Yacht gekauft hat.

Mit dieser außergewöhnlich hohen Summe entschädigte ihn der Staat nach einem jahrelangen Rechtsstreit. 45 Millionen Euro davon waren Schmerzensgeld und 73 Millionen Euro Zinsen, alles bezahlt aus Steuergeldern. Lagarde sieht sich daher nun mit dem Vorwurf konfrontiert, Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder geleistet zu haben. Niemand wirft ihr vor, sich selbst bereichert zu haben. Die Topanwältin soll vielmehr die Interessen des Staates lausig vertreten haben, kurz nachdem sie nach 25 Jahren in den USA nach Frankreich zurückgekehrt war. So beauftragte die Juristin kurz nach ihrem Amtsantritt 2007 ein privates Schiedsgericht, um den leidigen Fall um den Tausendsassa Tapie nach 15 Jahren rasch zu beenden.

Die Topanwältin soll die Interessen des Staates lausig vertreten haben

Die Affäre, in die sie mit dieser Entscheidung hineingezogen wurde, ist mindestens so spektakulär wie ihr Termin vor Gericht. Tapie, der stets braun gebrannte Aufsteiger aus Marseille, Geschäftsmann, Ex-Schauspieler, Ex-Minister, Ex-Sänger und Ex-Fußball-Präsident, hatte 1990 das damals marode Sportartikelunternehmen Adidas zu einem günstigen Preis erworben.

Doch weil Tapie kurz darauf entschied, Minister für die Sozialisten zu werden, musste er Adidas wieder verkaufen. Seine Hausbank, der inzwischen abgewickelte Crédit Lyonnais, nahm Tapie die fränkische Firma dankend für etwa den gleichen Preis ab und gab sie für einen wesentlich höheren Betrag an den Unternehmer Robert Louis-Dreyfus weiter. Der brachte sie 1995 für 1,6 Milliarden Euro an die Börse. Der Rest über den Aufstieg des heutigen Weltunternehmens ist bekannt. Und Tapie? Fühlte sich übervorteilt und klagte auf Schadensersatz. Jahrelang tat sich nichts. Bis 2007. Tapie, in Umfragen stets einer der beliebtesten Franzosen, hatte zuvor Wahlkampf für den konservativen Nicolas Sarkozy gemacht.

Im Oktober nach dessen Wahl setzte Lagarde gegen heftigen öffentlichen Widerspruch das Schiedsverfahren durch. Die Generalstaatsanwaltschaft hält ihr nun vor, sich stets im Interesse von Tapie verhalten zu haben. Sie habe sich über die Zweifel im eigenen Ministerium hinweggesetzt. Sie habe keinen Einspruch eingelegt, als offenkundig war, dass die Mitglieder des Schiedsgerichts mehrheitlich aufseiten Tapies standen. Und selbst das Urteil zu dessen Gunsten habe sie nicht anfechten wollen, obwohl Ministerialbeamte ihr dazu rieten. Warum?

"Ich habe niemals auf Anweisung gehandelt", sagte Lagarde dazu. Im verschwörungsverliebten Frankreich sehen trotzdem viele Sarkozy, den Wahlsieger von 2007, als heimlichen Drahtzieher hinter der üppigen Entschädigung. "Es gab sicher Druck auf Lagarde", erklärte Bruno Le Roux, Vorsitzender der sozialistischen Fraktion im Parlament, am Donnerstag. Doch das ist nicht die Frage, die der Gerichtshof jetzt zu klären hatte. Darum kümmern sich Ermittler in einem separaten Verfahren. Dass die Affäre noch auf Sarkozy zurückfällt, ist nicht ausgeschlossen.