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Inventur von Wald und Wiese:Naturkapital als Anreiz, noch mehr abzuholzen

Wie aber soll man nun berechnen, was zerstört wird, wenn ein Stück Regenwald einer Plantage weichen muss? Wie viel ist Artenvielfalt Wert? Ökonomen behelfen sich mit einem Ansatz, den sie "Meritorisierung" nennen: Nicht die exakten Schäden sollen kalkuliert, sondern politische Ziele vorgegeben werden, anhand derer bemessen wird, wie viel Umweltzerstörung kosten sollte. Die Ökosteuer auf Benzin folgt dieser Logik - niemand weiß genau, wie schädlich Autoabgase sind, aber wer sie verursacht, soll dafür draufzahlen.

Wenn Umweltschutz sich lohnt, wie die Naturkapital-Theorie lehrt, ermöglicht das interessante Geschäfte: Dann könnte es klappen, Marktwirtschaft und den Erhalt der Natur zu verzahnen. Dann könnten Finanz- und Rohstoffkonzerne in den Erhalt der Arten investieren, so ihre Schäden begleichen und zugleich eine positive Rendite erwirtschaften. Ein Gewinn für alle, hört man die Befürworter sagen.

Investitionen in sauberes Wasser für die Wall Street schick machen

Die größte Umweltorganisation der Welt, The Nature Conservancy aus Virginia mit mehr als einer Million Mitgliedern, hat sich dieser Vorstellung verschrieben. Anfang vergangenen Jahres gründete sie eine Investment-Abteilung namens NatureVest, deren Hauptsponsor die größte Bank der USA ist: JP Morgan Chase. Chef der Organisation ist Marc Tercek, 58, auch er ein Banker, bis vor sieben Jahren in Diensten von Goldman Sachs.

Mehr als eine Milliarde Dollar privates Investorengeld will er mit NatureVest binnen drei Jahren in den Umweltschutz investieren. JP Morgan lotet derzeit aus, wie solche Deals aussehen könnten: Investitionen in sauberes Wasser, gesunde Fischgründe oder intakte Wälder sollen für die Wall Street schick gemacht werden. Noch fehlen geeignete Wertpapiere, von grünen Anleihen einmal abgesehen, bei denen Investoren mit einer festen oder variablen Verzinsung belohnt werden, wenn sie etwa in den Küstenschutz investieren.

Wie es schon heute funktioniert, wenn Konzerne die Natur bewahren, lässt sich am Beispiel der teuersten Fliege der Welt studieren. Die "Blumen liebende Delhi-Sands-Fliege", beheimatet in der kalifornischen Prärie, war 1993 die erste ihrer Gattung, die in den USA als bedrohte Art eingestuft wurde. In den Delhi Dunes nahe der kleinen Stadt Colton gibt es die letzten Reste ihres ursprünglich großen Lebensraums. Einer der größten Baustoffkonzerne des Landes, Vulcan Materials, hat dort ein 61 Hektar großes Gebiet gekauft und als Heimat der Fliege ausgewiesen. Wenn nun ein Unternehmen im natürlichen Lebensraum der Fliege ein Gebäude errichten will, kann es pro Acre etwa 150.000 Dollar bezahlen: So viel kosten umgerechnet zweieinhalb Hektar Schutzgebiet. Dann wird woanders in der Region Schutzraum für die Fliege ausgewiesen, und Vulcan Materials erhält das Geld von Unternehmen, die Bauland kaufen.

Perverse Folgen drohen

Die Natur wird in Ökosystemdienstleistungen von unterschiedlichem Nutzen eingeteilt, in deren Bewahrung Unternehmen investieren können. Palmöl-Hersteller, die in der Vergangenheit den Regenwald auf Borneo zerstört haben, können heute Zertifikate kaufen, die ihnen jeweils den Erhalt eines Waldstücks garantieren. Mindestens ein Öko-Siegel springt dabei heraus, das kommt bei den Kunden gut an. In Brasilien können Landbesitzer wählen: Entweder sie lassen einen festgelegten Teil ihres Regenwaldgebietes "naturnah" intakt, oder sie kaufen "Aufforstungskredite" und damit das Versprechen, dass jemand an anderer Stelle den Wald bewahrt - unabhängig davon, ob er dort überhaupt jemals bedroht war. Für solche handelbaren Zertifikate sind mit den Jahren eigene Börsen entstanden.

Doch Kritiker sind alarmiert. Die Natur in Ökosystemdienstleistungen einzuteilen und nur in Kategorien zu betrachten, die einen erkennbaren wirtschaftlichen Wert haben, könnte perverse Folgen haben: Es könnte der Anreiz bestehen, noch mehr Wald abzuholzen, weil die verbliebenen Schutzgebiete dann wertvoller werden. Es wäre denkbar, Urwälder abzuholzen und durch Monokulturen zu ersetzen, die möglichst viel Kohlendioxid speichern. Und was, wenn Länder bewusst ihre Ökosysteme zerstören, um mehr Geld für Renaturierung und Aufforstung abzuzweigen?

Sind Ökonomie und Ökologie vereinbar?

Der britische Journalist und Umweltaktivist George Monbiot warnte im vergangenen Jahr scharf vor dieser Ökonomisierung: "Die Natur wird immer weiter in das System gepresst, das sie bei lebendigem Leib auffrisst." Großbritannien gilt als Vorreiter bei der monetären Bewertung von Natur.

Derart fatalistische Rhetorik hält Bernd Hansjürgens für verkehrt. Der Ökonom leitet das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ), berät die Bundesregierung und koordiniert "Naturkapital Deutschland - TEEB DE", ein an die Unep-Initiative angelehntes Projekt. "Ökonomische Bewertung ist mehr als reine Monetarisierung", sagt er. Viel wichtiger sei der durch die ökonomische Betrachtung angestoßene Prozess der Erfassung, der darauf abziele, die Vor- und Nachteile von Umweltveränderungen gegeneinander abzuwägen. Er argumentiert, die Ökonomie liefere zusätzliche Argumente für den Naturschutz, keinesfalls solle sie ihn so umkrempeln, dass der Wert der Umwelt nur noch in Form von Ökosystemdienstleistungen gemessen und die Natur ausverkauft wird. "Es ist ein instrumenteller Ansatz, um die Dinge zu betrachten. Ein solcher Ansatz kann immer gut oder schlecht genutzt werden."

Es ist unzweifelhaft, dass die Finanzwelt gerade dabei ist, den Umweltschutz völlig neu zu definieren. Bislang bleiben die Unterstützer des Naturkapital-Konzepts allerdings eine Antwort darauf schuldig, ob so der Naturschutz endlich gelingen kann. Den Beweis, dass Ökonomie und Ökologie vereinbar sein können, werden sie so schnell nicht erbringen.

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© Süddeutsche.de/ratz/hgn/rus
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