Süddeutsche Zeitung

Inventur von Wald und Wiese:Wie die Natur kapitalisiert wird

  • Die Natur vollbringt enorme Leistungen, doch deren Wert ist nur schwer zu bemessen.
  • Deshalb arbeitet ein weltweites Netzwerk daran, Bäume, Flüsse und Moore mit Preisen zu versehen - in Deutschland weitgehend unbemerkt.
  • Die einen erhoffen sich durch eine Ökonomisierung der Natur Geld für den Umweltschutz. Die anderen sehen Chancen, ihr Kapital zu mehren.
  • Die marktwirtschaftliche Logik erobert damit den letzten Raum. Es drohen perverse Folgen.

Von Jan Willmroth

Wo früher Regenwald die Erde bedeckte, sind heute rostrote Krater

So sieht es aus, wenn die Gier nach Rohstoffen blutende Wunden in die Erdoberfläche reißt. Rostrote Krater von gigantischem Ausmaß baggert der Bergbaukonzern Vale seit Jahrzehnten in die Berge von Carajás. Mitten im Amazonas-Gebiet in Nordbrasilien, dort, wo einst nichts als tropischer Regenwald die Erde bedeckte, liegt das beste Eisenerz der Welt. 7,2 Milliarden Tonnen davon könnte Vale noch abbauen, 120 Millionen Tonnen schaffen die Züge im Jahr, die das Erz zu den Häfen an der Atlantikküste bringen. Es ist die weltweit größte Erzmine, an einem der Orte mit der größten Artenvielfalt.

Das Erz hat einen Vorteil gegenüber dem Wald: Es ist ein wichtiger Rohstoff, der überall gebraucht wird. Seinen Preis bestimmen die Händler an den Rohstoffbörsen. Der Abbau kostet Geld für Arbeitskräfte, Bagger und Kipplader, für Straßen und Fabriken - und er kostet den jahrtausendealten Regenwald.

Bäume, Tiere, Stoffkreisläufe - sie stehen in keiner Bilanz

Dessen Wert aber ist schwer zu bemessen. Seine Funktion als CO2-Speicher, sein Artenreichtum, sein Wert als Lebensraum für Menschen: Wie viel sollte das kosten? Dem Erzabbau fallen Bäume, Tiere und ganze Stoffkreisläufe zum Opfer, die in keiner Bilanz stehen. Würde man diesen Wert sichtbar machen, ließe sich das Ausmaß der Zerstörung beziffern. Mehr noch: Man könnte Instrumente schaffen, von denen Investoren profitieren, wenn sie diese Zerstörung verhindern helfen. Genau daran arbeitet ein weltweites Netzwerk aus Vereinten Nationen, Unternehmensgruppen, Wissenschaftlern und NGOs seit einigen Jahren. Die einen, weil sie Geld für den Umweltschutz brauchen - die anderen, weil sie Chancen sehen, ihr Kapital zu mehren.

Die Inventur der Natur ist in vollem Gange, weithin unbemerkt in Deutschland und nur wenig diskutiert. Wildbienen, die Felder bestäuben, oder Mangrovenwälder, die Fischen Lebensraum und den Anwohnern Holz und Hochwasserschutz bieten - ohne Zutun des Menschen vollbringen Ökosysteme enorme Leistungen, für die niemand zahlen muss. Zwei Begriffe stehen für eine Entwicklung, die dabei ist, das Verständnis von Umwelt und deren Schutz grundlegend zu verändern. Man spricht von "Ökosystemdienstleistungen", die Natur wird zum Unternehmen; Bäume, Flüsse und Moore heißen jetzt "Naturkapital" - die marktwirtschaftliche Logik erobert gerade den letzten Raum.

Versuche, die Natur in ökonomische Werte zu übersetzen, gibt es schon länger. Der Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten ist ein Beispiel, bei dem eine maximale Menge an Emissionen festgelegt wird und Industrieunternehmen ihren Anteil daran bezahlen müssen - ein System mit bisher durchwachsenem Erfolg. Auch der Beitrag von bestäubenden Insekten gilt zwar schon lange als wirtschaftlich wichtig. Aber erst in jüngster Zeit haben Organisationen rund um den Globus angefangen, die Leistungen von Bienen, Vögeln oder Flüssen in monetären Werten auszudrücken.

Wie viel ist ein intakter Wald wert?

"Eine Ökonomisierung von Ressourcen hatten wir ja schon immer", sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und prominenteste Kritikerin des Naturkapital-Konzepts in Deutschland. "Aber wir erleben gerade eine völlig neue Welle der Ökonomisierung. Marktinstrumente sollen helfen, den Verlust von Vielfalt und Ökosystemen zu stoppen. Die Natur wird in einzelne Funktionen zerlegt und damit auf Messbares reduziert." Weil aber die Leistungen der Natur in Wirtschaftsprozessen bislang unsichtbar seien, so argumentieren wiederum die Befürworter, müsse man sie erst mal aufzeigen. Erst wenn in Zahlen ausgedrückt ist, wie viel verloren geht, wenn ein Stück Mangrovenwald einer Shrimp-Farm weichen soll, haben die Mangroven nach diesem Verständnis eine Chance. Erst dann wüssten die Menschen, wie viel ihnen intakte Küstenwälder wert sein sollten. "Erfolgreicher Umweltschutz", heißt es im TEEB-Report von 2010, "muss in solider Ökonomie gründen." TEEB ist die englische Abkürzung für "Die Ökonomik von Ökosystemen und biologischer Vielfalt", sie steht für den bisher größten Versuch, weltweit die Leistungen der Natur zu bewerten.

Die Initiative geht zurück auf ein Treffen in Potsdam im Jahr 2007, als die Umweltminister der G8+5-Staaten über den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt berieten. Sie beschlossen, die globalen wirtschaftlichen Vorteile der Biodiversität zu untersuchen, die Kosten ihres Verlusts zu beziffern und zu beantworten, warum der Umweltschutz bisher versagt habe. Versagt, das heißt etwa: Der tropische Regenwald bedeckt heute nur noch die Hälfte der ursprünglichen Fläche, seit der industriellen Revolution wuchs die Weltbevölkerung um das Sechsfache und der Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre hat sich mehr als verdoppelt. Das ölverseuchte Niger-Delta oder die riesigen Plastik-Teppiche auf den Ozeanen sind die Spuren dieses Versagens. Ist das also die Rettung: die Natur zu kapitalisieren?

Pavan Sukhdev ist davon überzeugt. Der 55-Jährige Inder gilt als einer der Wegbereiter des modernen indischen Finanzmarkts. Er hat eine Karriere bei der Deutschen Bank hinter sich, in Singapur und Mumbai arbeitete er als Manager für das Institut, bis das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) ihn zum Sonderbotschafter auserkor und zum Vorsitzenden der TEEB-Projektgruppe machte. Wie kein anderer steht Sukhdev für die Kapitalisierung der Natur. Wer ihm bei einer seiner vielen Reden zuhört, erlebt einen akkuraten Mann in perfekt sitzendem Anzug, rhetorisch klug und mit überzeugenden Argumenten ausgestattet. Wir nutzten die Natur, weil sie für uns von Wert sei, wir schadeten ihr, weil sie kostenlos sei, sagt Sukhdev. Ausgerechnet ein Banker soll also das Versprechen einlösen, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz miteinander vereinbar seien.

Naturkapital als Anreiz, noch mehr abzuholzen

Wie aber soll man nun berechnen, was zerstört wird, wenn ein Stück Regenwald einer Plantage weichen muss? Wie viel ist Artenvielfalt Wert? Ökonomen behelfen sich mit einem Ansatz, den sie "Meritorisierung" nennen: Nicht die exakten Schäden sollen kalkuliert, sondern politische Ziele vorgegeben werden, anhand derer bemessen wird, wie viel Umweltzerstörung kosten sollte. Die Ökosteuer auf Benzin folgt dieser Logik - niemand weiß genau, wie schädlich Autoabgase sind, aber wer sie verursacht, soll dafür draufzahlen.

Wenn Umweltschutz sich lohnt, wie die Naturkapital-Theorie lehrt, ermöglicht das interessante Geschäfte: Dann könnte es klappen, Marktwirtschaft und den Erhalt der Natur zu verzahnen. Dann könnten Finanz- und Rohstoffkonzerne in den Erhalt der Arten investieren, so ihre Schäden begleichen und zugleich eine positive Rendite erwirtschaften. Ein Gewinn für alle, hört man die Befürworter sagen.

Investitionen in sauberes Wasser für die Wall Street schick machen

Die größte Umweltorganisation der Welt, The Nature Conservancy aus Virginia mit mehr als einer Million Mitgliedern, hat sich dieser Vorstellung verschrieben. Anfang vergangenen Jahres gründete sie eine Investment-Abteilung namens NatureVest, deren Hauptsponsor die größte Bank der USA ist: JP Morgan Chase. Chef der Organisation ist Marc Tercek, 58, auch er ein Banker, bis vor sieben Jahren in Diensten von Goldman Sachs.

Mehr als eine Milliarde Dollar privates Investorengeld will er mit NatureVest binnen drei Jahren in den Umweltschutz investieren. JP Morgan lotet derzeit aus, wie solche Deals aussehen könnten: Investitionen in sauberes Wasser, gesunde Fischgründe oder intakte Wälder sollen für die Wall Street schick gemacht werden. Noch fehlen geeignete Wertpapiere, von grünen Anleihen einmal abgesehen, bei denen Investoren mit einer festen oder variablen Verzinsung belohnt werden, wenn sie etwa in den Küstenschutz investieren.

Wie es schon heute funktioniert, wenn Konzerne die Natur bewahren, lässt sich am Beispiel der teuersten Fliege der Welt studieren. Die "Blumen liebende Delhi-Sands-Fliege", beheimatet in der kalifornischen Prärie, war 1993 die erste ihrer Gattung, die in den USA als bedrohte Art eingestuft wurde. In den Delhi Dunes nahe der kleinen Stadt Colton gibt es die letzten Reste ihres ursprünglich großen Lebensraums. Einer der größten Baustoffkonzerne des Landes, Vulcan Materials, hat dort ein 61 Hektar großes Gebiet gekauft und als Heimat der Fliege ausgewiesen. Wenn nun ein Unternehmen im natürlichen Lebensraum der Fliege ein Gebäude errichten will, kann es pro Acre etwa 150.000 Dollar bezahlen: So viel kosten umgerechnet zweieinhalb Hektar Schutzgebiet. Dann wird woanders in der Region Schutzraum für die Fliege ausgewiesen, und Vulcan Materials erhält das Geld von Unternehmen, die Bauland kaufen.

Perverse Folgen drohen

Die Natur wird in Ökosystemdienstleistungen von unterschiedlichem Nutzen eingeteilt, in deren Bewahrung Unternehmen investieren können. Palmöl-Hersteller, die in der Vergangenheit den Regenwald auf Borneo zerstört haben, können heute Zertifikate kaufen, die ihnen jeweils den Erhalt eines Waldstücks garantieren. Mindestens ein Öko-Siegel springt dabei heraus, das kommt bei den Kunden gut an. In Brasilien können Landbesitzer wählen: Entweder sie lassen einen festgelegten Teil ihres Regenwaldgebietes "naturnah" intakt, oder sie kaufen "Aufforstungskredite" und damit das Versprechen, dass jemand an anderer Stelle den Wald bewahrt - unabhängig davon, ob er dort überhaupt jemals bedroht war. Für solche handelbaren Zertifikate sind mit den Jahren eigene Börsen entstanden.

Doch Kritiker sind alarmiert. Die Natur in Ökosystemdienstleistungen einzuteilen und nur in Kategorien zu betrachten, die einen erkennbaren wirtschaftlichen Wert haben, könnte perverse Folgen haben: Es könnte der Anreiz bestehen, noch mehr Wald abzuholzen, weil die verbliebenen Schutzgebiete dann wertvoller werden. Es wäre denkbar, Urwälder abzuholzen und durch Monokulturen zu ersetzen, die möglichst viel Kohlendioxid speichern. Und was, wenn Länder bewusst ihre Ökosysteme zerstören, um mehr Geld für Renaturierung und Aufforstung abzuzweigen?

Sind Ökonomie und Ökologie vereinbar?

Der britische Journalist und Umweltaktivist George Monbiot warnte im vergangenen Jahr scharf vor dieser Ökonomisierung: "Die Natur wird immer weiter in das System gepresst, das sie bei lebendigem Leib auffrisst." Großbritannien gilt als Vorreiter bei der monetären Bewertung von Natur.

Derart fatalistische Rhetorik hält Bernd Hansjürgens für verkehrt. Der Ökonom leitet das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ), berät die Bundesregierung und koordiniert "Naturkapital Deutschland - TEEB DE", ein an die Unep-Initiative angelehntes Projekt. "Ökonomische Bewertung ist mehr als reine Monetarisierung", sagt er. Viel wichtiger sei der durch die ökonomische Betrachtung angestoßene Prozess der Erfassung, der darauf abziele, die Vor- und Nachteile von Umweltveränderungen gegeneinander abzuwägen. Er argumentiert, die Ökonomie liefere zusätzliche Argumente für den Naturschutz, keinesfalls solle sie ihn so umkrempeln, dass der Wert der Umwelt nur noch in Form von Ökosystemdienstleistungen gemessen und die Natur ausverkauft wird. "Es ist ein instrumenteller Ansatz, um die Dinge zu betrachten. Ein solcher Ansatz kann immer gut oder schlecht genutzt werden."

Es ist unzweifelhaft, dass die Finanzwelt gerade dabei ist, den Umweltschutz völlig neu zu definieren. Bislang bleiben die Unterstützer des Naturkapital-Konzepts allerdings eine Antwort darauf schuldig, ob so der Naturschutz endlich gelingen kann. Den Beweis, dass Ökonomie und Ökologie vereinbar sein können, werden sie so schnell nicht erbringen.

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