Interview mit Zygmunt Bauman "Entscheidung ohne Berufungsverfahren"

SZ: Wie verändert die Fixierung auf den Konsum die Gesellschaft?

Bauman: Ein gut trainierter Konsument - dazu gehören wir tendentiell alle und zwar mit zunehmend jüngeren Alter - neigt dazu, die Welt im Ganzen als einen Container für Konsumprodukte zu sehen. Das Muster der Beziehung zwischen Kunde und Produkt wird als Archetyp für jede Beziehung gesehen - auch für die zwischen Menschen. Dabei gelten zwei Annahmen. Erstens: Ein Konsumprodukt soll Zufriedenheit verschaffen. Zweitens: Es gibt keinen Grund, einem Produkt gegenüber loyal zu sein, wenn es seinen Zweck nicht mehr erfüllt und vielversprechendere Alternativen vorhanden sind. Da alle oder zumindest fast alle Mitglieder in unserer Gesellschaft von Konsumenten dieses Muster akzeptieren, ist es kein Wunder, dass wir auch selbst von den anderen gemäß diesem Muster behandelt werden.

SZ: Der Konsument wird zum Konsumierten?

Bauman: Wir wollen selbst nachgefragt werden und damit begehrenswert für andere sein. Darum müssen wir uns ständig in möglichst attraktiver Form präsentieren. Der Mensch verwandelt sich in eine Ware: Wir kaufen viele Produkte, um nachgefragt zu werden. Der Konsum ist der Mitgliedsbeitrag für die Gesellschaft und der Kampf um die Mitgliedschaft ist eine nicht enden wollende Aufgabe. Ja, er ist schon zur Bürgerpflicht erklärt worden. Wir erinnern uns: In den Nachwirkungen des Schocks der Terroranschläge auf das World Trade Center forderte George W. Bush seine Landsleute zuallererst auf: 'Amerikaner, geht einkaufen'!

SZ: Was ist mit denen, die sich diesem Zwang zum Konsum entziehen wollen?

Bauman: Der Markt ist ein unerbittlicher Richter, der Entscheidungen zwischen dem Drinnen- und Draußensein fällt und keine Berufungsverfahren zulässt. Unwillige Konsumenten oder aber schwache Anbieter ihrer selbst sind wie ausgestoßen. In der liquiden Gesellschaft der Konsumenten ersetzen Schwärme zunehmend hierarchisch geprägte Gruppen. Schwärme sind keine Teams, sondern existieren lediglich durch eine mechanische Solidarität . Die dort mitmachen, fühlen sich sicher. Rebellen gibt es nicht, nur Verirrte. Aber es sind fragile Gebilde, die jederzeit wieder zerfallen können. Konsum lässt keine Bindungen entstehen und ist darum eine einsame Angelegenheit - selbst wenn die Menschen ihn gemeinsam ausüben.

SZ: Gleichwohl scheint die Mehrheit zufrieden zu sein. Ist die Konsumgesellschaft also insgesamt ein Erfolgsmodell?

Bauman: Sie hat einen ganz wesentlichen Vorteil. Sie verspricht das sofortige Glück im Diesseits. Welche Gesellschaftform macht das schon? Der Nachteil ist: Die Konsumgesellschaft verspricht nicht nur das Glück, sondern sie fordert es regelrecht ein. Unglück ist nicht duldbar, die Unglücklichen verlieren ihren Platz in der Gesellschaft. Das Absurde ist freilich: Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde. Er kauft ja nichts mehr ein.