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Interview mit Schriftsteller Nir Baram:"Bei uns hat keiner je was von Geld verstanden"

Konnte sich früher sehr für Glücksspiel und Pferdewetten begeistern - aus Protest: Nir Baram.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nir Baram ist einer der bekanntesten Schriftsteller Israels - und bekennender Linker. Ein Gespräch über guten und bösen Kapitalismus.

Von Peter Münch

In Nir Barams Wohnung in Tel Aviv mischen sich Bücher und Bälle zu einem kreativen Ganzen. Hier schreibt er seine Romane, während der kleine Sohn im Nebenzimmer spielt. Mit 40 Jahren zählt er heute zu den erfolgreichsten Schriftstellern Israels, er gilt als Frontmann einer jungen Generation nach Amos Oz und David Grossman. In diesem Sommer ist in Deutschland bei Hanser sein neuer Roman "Weltschatten" erschienen, in dem er sich kritisch mit den Folgen der Globalisierung auseinandersetzt. Für das Interview hat Nir Baram sich Zeit genommen, obwohl er gerade mitten im Umzug steht. Die neue Bleibe ist größer, aber wieder nur gemietet. Für eine Eigentumswohnung hat das Geld immer noch nicht gereicht.

Dabei hat Baram nicht nur Erfolg mit seinen Büchern. Er entstammt einer durchaus bekannten und erfolgreichen Familie in Israel. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater hatten für die Arbeitspartei Ministerposten inne. "Doch bei uns hat keiner je was von Geld verstanden", sagt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Es ging eher darum, wichtig zu sein."

Er wuchs in Jerusalem mit den alten sozialistischen Kibbuz-Idealen auf: "Wer sich bei uns im Viertel ein dickes Auto gekauft hätte, den hätten die Leute wie einen lächerlichen Bourgeois betrachtet", meint er. Er lehnte sich dagegen auf, zum Beispiel mit einer frühen Begeisterung für Glücksspiel und Pferdewetten. "Ums Geld geht es mir dabei gar nicht", bekennt er, "es geht um innere Ruhe." Auch heute erlaubt er es sich gern, von einem Lamborghini zu träumen oder einer Weltreise. "Dieses ganze Gerede über den Kibbuz und über Bescheidenheit fand ich schon damals ganz furchtbar", sagt er.

Für einen bekennenden Linken dreht sich in seinem Leben tatsächlich viel ums Geld. Er spricht im Interview vom guten und vom bösen Kapitalismus, über eine "wachsende Ungleichheit, die nicht mehr zu stoppen ist" - und von den Sorgen und Ängsten, die ihm das persönlich bereitet als junger Vater. "Seit mein Sohn vor anderthalb Jahren geboren wurde, hat sich alles verändert", erzählt er. "Ständig frage ich mich selbst, ob ich genügend Geld verdiene und ob ich mich als Schriftsteller genügend anstrenge."

© SZ.de/jps/vit
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