bedeckt München 26°

Handel, Gastgewerbe, Freiberufler:So viele Pleiten wie seit Jahren nicht

Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Kölner Innenstadt in Zeiten der Coronakrise beim zweiten Lockdown, Räumungsverk

Einzelunternehmen hatten während der Krise besonders zu kämpfen.

(Foto: Rupert Oberhäuser/imago images)

Gut 65 000 Privatleute und Firmen haben bundesweit im ersten Halbjahr Insolvenz angemeldet. Die Corona-Krise und Reformen des Insolvenzrechts haben dies verursacht.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Die Corona-Krise hat vielen Selbständigen und Betrieben vor Augen geführt, wie nahe der wirtschaftliche Abgrund liegen kann: dem Kneipier, der monatelang keine Gäste bewirten durfte. Der Boutique, die entweder gar nicht oder nur mit Einzelterminen öffnen durfte. Oder der Künstlerin, die nirgendwo auftreten konnte. Viele Unternehmer hangelten sich mit staatlicher Hilfe von Shutdown zu Shutdown - oder lösten private Ersparnisse auf, um ihr Geschäft zu retten. Doch zuweilen bleibt nur der schmerzliche Gang zum Insolvenzgericht.

In der ersten Hälfte dieses Jahres werden gut 65 000 Privatleute und Firmen in Deutschland Insolvenz angemeldet haben, schätzt die Auskunftei Creditreform anhand ihrer Datenbank. Es wäre der höchste Wert seit sieben Jahren - allerdings nicht nur infolge der Pandemie. Ganz maßgeblich sei auch, wie der Staat das Insolvenzrecht zuletzt umgekrempelt hat.

Beispielsweise hatte der Bund die Pflicht zum Insolvenzantrag für überschuldete Unternehmen einige Monate lang ausgesetzt, um eine Pleitewelle zu verhindern. Zudem unterstützt der Staat krisengeplagte Branchen mit vielen Milliarden, in manche Konzerne ist er gar als Aktionär eingestiegen. All das zeigt sich durchaus in der Statistik: Creditreform zählt im ersten Halbjahr 2021 etwas weniger Firmenpleiten als im Vorjahreszeitraum.

Vor allem Einzelunternehmen und Freiberufler sind betroffen

Dennoch macht sich die Krise bemerkbar: Vor allem Einzelunternehmen und Freiberufler haben in den vergangenen Monaten Insolvenz angemeldet, heißt es in der Untersuchung. Und die Mehrheit dieser Betriebe sei schon zehn Jahre oder länger im Markt gewesen, mithin durchaus altgestanden. Man denke etwa an die Adler-Modemärkte mit mehr als 3000 Beschäftigten, die Anfang des Jahres Überschuldung meldeten. An die Deutsche Confiserie Holding mit Marken wie Arko, Eilles oder Hussel mit etwa 300 Süßwarenläden, die Insolvenz in Eigenregie beantragten. Oder gar an die Profiabteilung des KFC Uerdingen 05 aus der dritten Fußball-Liga, dessen finanzielle Rettung scheiterte.

So meldeten vor allem der Handel, das Gast- und das Dienstleistungsgewerbe in diesem Jahr mehr Pleiten - Branchen, die schon vor der Pandemie mit geringen Gewinnspannen oder gar Verlusten zu kämpfen hatten. Im Gegensatz dazu hätten in der Industrie und im Bau im ersten Halbjahr weniger Betriebe Insolvenz angemeldet, so Creditreform.

Und keine Frage: Wenn Firmen pleitegehen, dann sorgen sich die Beschäftigten in aller Regel zu Recht um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Etwa 90 000 Mitarbeiter waren in der ersten Hälfte dieses Jahres von der Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen, meldet die Auskunftei. Zudem müssen Gläubiger meistens viel Geld abschreiben, wenn Unternehmen pleitegehen. So sei Geldgebern im ersten Halbjahr hierzulande ein Schaden von etwa zwölf Milliarden Euro entstanden.

Creditreform verzeichnet bei Privatleuten einen "Run auf die Amtsgerichte"

Während der Staat also zumindest eine Welle riesiger Firmeninsolvenzen abgewendet hat, verzeichnet Creditreform unter Privatleuten neuerdings einen "Run auf die Amtsgerichte": Etwa 46 000 Menschen in Deutschland werden in der ersten Hälfte dieses Jahres ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt haben, meldet die Auskunftei, so viele wie im gesamten Jahr 2020. Dies habe freilich weniger mit der Pandemie zu tun als vielmehr mit einer Reform des Insolvenzrechts, die der Bundestag Ende 2020 beschlossen hat. Seither können sich "ehrliche, zuverlässige, pflichtbewusste Schuldner" bereits nach drei Jahren von ihren Restschulden befreien lassen, wie das Bundesjustizministerium erklärt; bislang hatte die Frist bei sechs Jahren gelegen. Das Haus von SPD-Politikerin Christine Lambrecht verweist darauf, wie viele Menschen ohne eigene Verantwortung in eine Überschuldung geraten seien, etwa infolge einer Scheidung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit.

In der Folge hätten viele Privatleute voriges Jahr noch mit einem Insolvenzantrag gewartet, berichtet Creditreform, da die Reform bereits im Gange war. "Aktuell löst sich dieser Stau", heißt es in der Untersuchung, "und die Zahl der Verbraucherinsolvenzen steigt zeitweise stark."

Insgesamt blickt die Auskunftei mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Einerseits melden die Gesundheitsämter seit einigen Wochen deutlich weniger Corona-Neuinfektionen in Deutschland, die Impfkampagne schreitet voran. Der Staat hat viele Einschränkungen gelockert, mehrere Wirtschaftszweige können sich allmählich von der Krise erholen. Andererseits haben die Shutdowns nun einmal große Lücken aufgerissen. "Zu erwarten ist damit eine Häufung von Gewerbeabmeldungen und Insolvenzen", prognostiziert Creditreform. Die weitere Entwicklung der Pleitezahlen dürfte daher nur eine Richtung kennen, so die Autoren: "nach oben".

© SZ/shs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB