Inflation:Preise steigen um 2,3 Prozent

Symbolbild - Inflationsrate

Immer teurer: Die Preise für Lebensmittel sind auch im Juni wieder gestiegen.

(Foto: Fabian Sommer/picture alliance/dpa)

Die Rückkehr der Inflation in diesem Jahr ist ein Politikum. Besonders betroffen sind einkommensschwache Haushalte.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Die Inflation in Deutschland ist auch im Juni gestiegen. Die Preise lagen um 2,3 Prozent höher als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt in seiner vorläufigen Schätzung am Dienstag mitteilte. Im Mai lag die Teuerungsrate noch bei 2,5 Prozent. Erneut sind mit knapp zehn Prozent besonders die Energiepreise geklettert. Der Kostenanstieg der vergangenen sechs Monate ist markant, denn noch im Dezember waren die Preise um 0,3 Prozent gesunken. Experten rechnen damit, dass die Teuerungsrate in diesem Jahr bis auf vier Prozent steigen könnte. Allerdings spielen Sonderfaktoren eine Rolle. In Deutschland sind die Mehrwertsteuersätze zum Jahreswechsel wieder auf das übliche Niveau angehoben worden, nachdem sie im Vorjahr wegen der Corona-Pandemie gesenkt worden waren. Zudem wird seit Anfang 2021 eine CO₂-Abgabe von 25 Euro je Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid fällig. Das treibt die Preise fürs Heizen und Tanken nach oben. Darüber hinaus gibt es Angebotsengpässe in bestimmten Sektoren, was den Preisdruck kurzfristig verstärkt.

Die steigenden Inflationsraten sind ein globales Phänomen. In der Euro-Zone lag der Zuwachs im Mai bei zwei Prozent, in den USA gar bei fünf Prozent. Die Notenbanken sind alarmiert. Die EZB wird womöglich dem Beispiel der amerikanischen Federal Reserve folgen und künftig Inflationsraten über der selbst gesteckten Marke von zwei Prozent tolerieren. Die Debatten zu diesem Strategieschwenk laufen derzeit. Auch bei der BIZ in Basel, der Zentralbank der Zentralbanken, beobachtet man die Preisentwicklung sehr genau. "Das größte Risiko für die globale Finanzstabilität ist die Inflation", sagte der Forschungschef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Hyun Song Shin, der SZ in einem Interview. "Wenn die Preise dauerhaft steigen, hätte das Auswirkungen auf die Anleihemärkte, den Grundpfeiler des Finanzsystems", so Shin. Der Experte befürchtet für diesen Fall höhere Anleiherenditen. Diese könnten die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzierung beeinträchtigen, weil die Zinsen für die Schuldenaufnahme steigen würden.

"Wir können nicht ausschließen, dass es einen permanenten Anstieg der Inflation gibt. Aber das ist derzeit nicht das wahrscheinlichste Szenario", so Shin weiter. "Es ist wahrscheinlicher, dass die Inflation im nächsten Jahr wieder abklingt, weil dann die Basiseffekte nicht mehr wirken und Angebotsengpässe behoben sind. Nur wenn wir einen Anstieg der Preise bei allen Gütern und Dienstleistungen erleben würden, müssten wir uns Sorgen machen."

Bürger empfinden die Preiserhöhungen viel stärker

Die Rückkehr der Inflation ist ein Politikum, sowohl in Deutschland, als auch in Europa. Die EU-Kommission stellt jedes Jahr in Umfragen fest, dass die Bürger die Preiserhöhungen viel stärker empfinden, als es die EU-Statistikbehörde Eurostat ausweist. So lag die offizielle Teuerungsrate Anfang dieses Jahres bei rund einem Prozent, die Menschen taxierten ihre persönliche Inflation jedoch auf 4,5 Prozent. Dazu kommt der Effekt, dass notwendige Ausgaben, zum Beispiel für Nahrung, Mieten und Energie, bei weniger finanzkräftigen Familien einen größeren Anteil des Budgets ausmachen als bei reicheren Familien. Steigende Preise betreffen einkommensschwache Haushalte tendenziell härter.

Besonders die Gewichtung und Messung der Wohnkosten im Warenkorb decken sich wenig mit der Realität der Verbraucher. Die Häuserpreise sind zwischen 2015 und 2020 in den europäischen Großstädten um bis zu 50 Prozent gestiegen, und wer umzog, merkte: Auch die Mieten zogen deutlich an. Große Teile der Bevölkerung müssen fast die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufbringen, meldet das Statistische Bundesamt. Im Inflationswarenkorb sind nach Ansicht von Experten vor allem die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum zu gering gewichtet. Dieses Problem soll nun behoben werden.

Die Diskrepanz zwischen offizieller Inflationsmessung und Inflationsempfinden könnte das Vertrauen der Bürger in die Zentralbank schwächen, und das zu einer Zeit, da die EZB um Vertrauen wirbt für die Entwicklung des digitalen Euro, der in einigen Jahren das klassische Bargeld ergänzen soll. "Digitales Zentralbankgeld ist eine Weiterentwicklung des bestehenden Finanzsystems. Es ist eine Evolution, keine Revolution", sagte BIZ-Forschungschef Shin. Die Nutzung von Bargeld sei ein herausragendes Zeichen für das Vertrauen in die Zentralbanken. Digitales Bargeld werde dieselbe Rolle haben, nur dass man es anstatt im Portemonnaie auf dem Smartphone mit sich tragen werde.

"Digitales Zentralbankgeld ist kein technologisches Gimmick, es ist ein Grundbaustein, wie man ein solides Finanzsystem aufbauen würde", sagt Shin, der von der Kryptowährung Bitcoin wenig hält: "Der Bitcoin hat keine Geldfunktion, er ist ein spekulativer Vermögenswert. Das ist inzwischen sehr klar. Im wirklichen Leben erleichtert der Bitcoin zudem die Geldwäsche und das Abwickeln von Erpressungen durch Softwaretrojaner."

© SZ
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