mRNA-Firmen:Was die Kurse bewegt

FILE PHOTO: A handout photo of an experimental COVID-19 treatment pill, called molnupiravir and being developed by Merck & Co Inc and Ridgeback Biotherapeutics LP

Er neige nicht zu Übertreibungen, aber diese Pille könnte ein "Game Changer" im Kampf gegen Covid-19 sein, so ein Aktienexperte.

(Foto: OH)

Bei der Vergabe des Nobelpreises für Medizin gingen Impfstoffentwickler wie Uğur Şahin und Ingmar Hoerr leer aus. Das schert die Anleger nicht: Sie schauen auf die Zukunft.

Von Elisabeth Dostert

Sind Nobelpreise kursrelevant? Martin Weber, Professor an der Universität Mannheim, muss nicht lange nachdenken: "Nein. Der Nobelpreis honoriert vergangene Leistungen", sagt Weber, der sich mit dem Verhalten von Anlegern beschäftigt: "Für die zukünftige Kursentwicklung hat so ein Preis keine Relevanz. Für die Anleger zählen Zukunft und Erwartungen." Bei der Vergabe des Nobelpreises für Medizin am Montag in Stockholm gingen die Wissenschaftler Uğur Şahin, Özlem Türeci, Katalin Karikó (alle Biontech), Ingmar Hoerr (Curevac), und Drew Weissman (University of Pennsylvania) leer aus. Alle - und noch ein einige mehr - haben wesentlich zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus beigetragen.

Um die Kurse zu bewegen, reicht manchmal eine kurze Nachricht, so geschehen am Freitag. Da veröffentlichte der US-Konzern Merck & Co, der aus namensrechtlichen Gründen außerhalb der USA und Kanadas unter dem Namen MSD auftritt, und sein Partner Ridgeback Biotherapeutics Daten aus einer klinischen Studie mit ihrem antiviralen Medikament mit dem Wirkstoff Molnupiravir. Er reduziere bei Erwachsenen mit leichtem bis mittelschwerem Covid-19 das Risiko, ins Krankenhaus eingewiesen werden zu müssen oder zu sterben, um etwa die Hälfte. Der Konzern will nun bei der US-Arzneimittelbehörde FDA und anderen Behörden eine beschleunigte Zulassung beantragen. Der US-Chefinfektiologe Anthony Fauci, der US-Präsident Joe Biden berät, zeigte sich von den Daten beeindruckt.

Und die Anleger griffen zu. An der New Yorker Börse legte die Aktie am Freitag um 8,4 Prozent auf 81,40 Dollar zu. Er neige nicht zu Übertreibungen, aber diese Pille könnte ein "Game Changer" im Kampf gegen Covid-19 sein, ein Medikament, das alles verändert, zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg Umer Raffat, Aktienexperte der auf Investmentbanking spezialisierten Beratungsfirma Evercore. Schon vor Veröffentlichung der Daten hatte die Analystin Mara Goldstein vom Wertpapierhaus Mizuho das Marktvolumen auf "ein bis zehn Milliarden Dollar geschätzt". So etwas nennen Pharmafirmen Blockbuster.

Das Medikament könne womöglich "sehr preiswert" hergestellt werden zitiert die Nachrichtenagentur Andrew Hill einen Wissenschaftler der University of Liverpool. Schon vor Monaten hat MSD Lizenzabkommen mit Generika-Herstellern in Indien geschlossen, die das Präparat für Länder mit niedrigem und mittleren Einkommen herstellen können. "Wir planen einen gestaffelten Preisansatz auf Basis von Daten der Weltbank zu implementieren, der die relativen Möglichkeiten der Länder zur Finanzierung der gesundheitlichen Folgen der Pandemie berücksichtigt", sagte eine Sprecherin von MSD Deutschland.

Auf "eigenes Risiko" produziert MSD nach Unternehmensangaben bereits. Bis Ende 2021 wolle MSD zehn Millionen Therapiezyklen herstellen. Der Therapiezyklus, also die Behandlung, die derzeit geprüft wird, sieht eine Dosis von 800 Milligramm alle zwölf Stunden über fünf Tage hinweg vor. Mit der US-Regierung hat MSD schon die Lieferung von 1,7 Millionen Therapiezyklen vereinbart.

"Was für den einen eine gute Nachricht ist, ist für andere eine schlechte", sagt Experte Weber: "Gute Nachrichten über neue Konkurrenten belasten die Aktienkurse der Anbieter von Alternativen." Die Aktienkurse von Biontech, Moderna und anderer Pharmafirmen, die an Impfstoffen und Covid-Medikamenten arbeiten, gaben am Freitag kräftig nach. Der Aktienkurs von Moderna fiel um 11,4 Prozent, der von Biontech um 6,7 Prozent. Ende vergangener Woche war Biontech an der Börse knapp 62 Milliarden Dollar wert, also etwa 53 Milliarden Euro. Das ist immer noch mehr als gestandene alte deutsche Dax-Konzerne wie etwa Bayer oder Fresenius. Moderna, der Konzern aus Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts, ist an der Börse knapp 138 Milliarden Dollar wert. Sein mRNA-Impfstoff heißt Spikevac und wurde in den USA und der EU kurze Zeit nach Biontechs Comirnaty zugelassen.

Von den Höchstständen am 9. August 2021 haben sich die Kurse weit entfernt. Eine Moderna-Aktie kostete damals knapp 485 Dollar, eine Biontech-Aktie gut 447 Dollar. Beide Firmen haben bislang nur ein Produkt auf dem Markt, ihren Corona-Impfstoff. "Das macht die Aktienkurse anfällig für starke Schwankungen", sagt Weber: "Für weiter steigende Kurse müssen sie neue, gute Nachrichten liefern."

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