Immobiliengeschäfte:Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Millionendeals mit Seniorenresidenzen

Augustinum München-Neufriedenheim

Das Augustinum München-Neufriedenheim.

(Foto: Augustinum)
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung wegen Betrug und Korruption bei Immobiliengeschäften der gemeinnützigen Unternehmensgruppe Augustinum.
  • Das Augustinum hatte von 2010 bis 2013 elf seiner Seniorenstifte an eine kleine Immobilienfirma aus Norddeutschland verkauft und anschließend wieder angemietet.
  • Augustinum sieht sich im Nachhinein bei diesen Geschäften "systematisch getäuscht" und habe die Immobilien deshalb unter Wert verkauft.

Von Bernd Kastner und Klaus Ott

Die Seniorenresidenz Aumühle bei Hamburg bietet ihren Bewohnern Sicherheit und Pflege rund um die Uhr. Sie ist eines von insgesamt 23 Altenstiften der christlich geprägten Unternehmensgruppe Augustinum. Wer es sich leisten kann, zu Preisen von 1430 bis 4740 Euro im Monat dort einzuziehen, ist bestens versorgt. Service, Sport, Kultur: alles inbegriffen, dazu Ärzte im Haus.

Doch nun ist beim Landgericht Lübeck eine Räumungsklage anhängig. Eine norddeutsche Immobilienfirma, die das Seniorenstift Aumühle 2011 vom Augustinum gekauft und sogleich an das Unternehmen zurückvermietet hat, pocht auf ihr Eigentum - und würde, wenn sie mit der Klage durchkäme, die Senioren vielleicht sogar zum Auszug zwingen können.

Es ist ein hässlicher Streit, der mitten hineinführt in merkwürdige Geschäfte rund um das Augustinum. Bei komplizierten Immobiliendeals wanderten Immobilien und Millionenbeträge hin und her, ohne dass die 7400 Bewohner der Residenzen davon etwas ahnten - schon gar nicht von den möglichen Folgen für sie.

Die in München ansässige gemeinnützige Unternehmensgruppe, einer der größten und führenden Betreiber von Seniorenheimen in Deutschland, soll bei diesen Deals auf Betrüger hereingefallen sein. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt deswegen, Gerichte sind eingeschaltet. Es geht um viele Hundert Millionen Euro und auch um den Verdacht der Korruption. Ein Ex-Geschäftsführer des Augustinums soll geschmiert worden sein, was er bestreitet; der Mann saß fast ein Dreivierteljahr in Untersuchungshaft und kam erst Anfang Mai frei.

Erstaunlich, dass so eine Klitsche 14 große Immobilien kaufen kann

In den Jahren 2010 bis 2013 wechselten 14 der 23 Residenzen den Eigentümer. Das Augustinum will diese Häuser nun zurückhaben - und sich mit Hilfe der Justiz den dauerhaften Zugriff darauf sichern. Elf Häuser hat die Unternehmensgruppe an die Firma aus dem Norden verkauft, die vom geschätzten Partner zum erbitterten Gegner geworden ist. Drei weitere Häuser, in denen das Augustinum schon vorher nur Mieter war, hat die Nord-Firma von anderen Eigentümern übernommen; mit Einverständnis des Augustinums.

Heute aber sind die damaligen Absprachen offenbar nichts mehr wert. Die von dem evangelischen Pfarrer Georg Rückert von 1954 an geschaffene Unternehmensgruppe sieht sich "systematisch getäuscht". Und das ausgerechnet vom eigenen ehemaligen Aufsichtsratschef Artur Maccari und von dem früheren Geschäftsführer, der in U-Haft saß. Diese beiden hätten die Immobiliendeals "massiv vorangetrieben". Sie hätten nicht nur den Aufsichtsrat in die Irre geführt, sondern auch Markus Rückert, einen der Söhne von Gründer Georg Rückert, der als Vorsitzender der Geschäftsführung das Erbe seines Vaters wahren will.

Dass das Augustinum in einen mutmaßlichen Kriminalfall verwickelt werden könnte, damit hat niemand gerechnet. Aber ist das Unternehmen vielleicht auch ein bisschen selbst schuld daran? War man naiv?

Käufer mit 25 000 Eigenkapital

Der Käufer der Immobilien, die Firma aus dem Norden, hatte bei Beginn der Deals 25 000 Euro Eigenkapital. So steht es für das Jahr 2011 öffentlich nachlesbar im Handelsregister. Dass so eine Klitsche 14 große Immobilien kaufen kann, ist erstaunlich. Doch die kleine Firma verfügte über einen großzügigen Geldgeber: das Augustinum selbst.

Die christliche Unternehmensgruppe gewährte nach eigenen Angaben der Firma aus dem Norden ein Darlehen über 728 Millionen Euro für den Kauf der Häuser. Der Verkäufer selbst gab also dem Käufer das Geld dafür, dass dieser die Residenzen kaufen konnte. Eine interessante Konstruktion. Größtenteils sei aber kein Bargeld geflossen, teilte das Augustinum mit. In der eigenen Bilanz seien "Anlagegüter gegen Darlehensbestände" getauscht worden.

Die Zinsen für die Darlehen beglich die Firma aus dem Norden bislang mit den Mieten, die das Augustinum zahlte. Von dem Geldkreislauf erhoffte sich wohl mancher Beteiligte später schöne Gewinne. Die Immobilienfirma aus Norddeutschland sollte die Objekte rund zehn Jahre halten und dann teurer weiterverkaufen. Doch diese Rechnung dürfte kaum noch aufgehen. Das Augustinum hat nahezu alle Verträge mit der Firma angefochten oder gekündigt und die Mietzahlungen eingestellt. Man streitet um alles.

Seniorenstifte als Gewerbeimmobilien - eine seltsame Wortwahl

Immobiliengeschäfte: Seniorenresidenz in München: Nun ist ein heftiger Streit um das Eigentum an 14 der 23 Stifte entbrannt. Bewohner müssen sich allerdings keine Sorgen machen.

Seniorenresidenz in München: Nun ist ein heftiger Streit um das Eigentum an 14 der 23 Stifte entbrannt. Bewohner müssen sich allerdings keine Sorgen machen.

(Foto: PR)

Wer sich auf die Suche nach dem Sinn der ungewöhnlichen Immobilien-Deals begibt, der stößt auf den Rechtsanwalt Artur Maccari. Dieser ist eine Größe in seiner oberschwäbischen Heimat. Er beriet das Augustinum seit 2000 rechtlich, gehörte seit 2005 dem Aufsichtsrat an und leitete das Kontrollgremium von 2008 an bis zu seinem Tod. Er starb Anfang 2014 im Alter von 66 Jahren. Maccari sei die "Spinne im Netz" gewesen, sagt ein Insider.

Wie der Jurist die Immobilien-Deals vorantrieb, ist schriftlich dokumentiert. Bei einer Aufsichtsratssitzung im November 2011 sprach Maccari laut Protokoll davon, dass man "Gewerbeimmobilien" heutzutage nicht mehr besitze, sondern miete, um "flexibler auf Veränderungen im Markt (Lage, Anspruchsverhalten der Nutzer) reagieren zu können". Maccari malte die geplanten Deals in schönsten Farben. Das Augustinum werde eine "sehr viel attraktivere Bilanz" haben.

Seniorenstifte als Gewerbeimmobilien? Das ist eine seltsame Wortwahl, zumal für ein christlich geprägtes Unternehmen. Doch der Aufsichtsrat folgte Maccari und genehmigte die Deals. Der später inhaftierte Geschäftsführer setzte sie zusammen mit Co-Chef Markus Rückert um, der sich heute getäuscht sieht.

7400 Senioren

Der Augustinum-Konzern zählt zu den führenden Sozial-Dienstleistern in Deutschland. In den 23 Seniorenresidenzen leben rund 7400 Menschen. Im Bereich des gehobenen Seniorenwohnens gilt das Augustinum als Marktführer. Insgesamt beschäftigt die Gruppe mit der Zentrale in München, mehr als 4300 Mitarbeiter und machte 2013 einen Umsatz von 326 Millionen Euro. Der Konzern betreibt neben den Wohnstiften zwei Sanatorien, eine Klinik, heilpädagogische Einrichtungen, Schulen und Internate. Gegründet wurde das Unternehmen 1954 vom evangelischen Pfarrer Georg Rückert, es entwickelte sich aus einem evangelischen Studienheim in München-Pasing. Sohn Markus Rückert, 63, führt seit 1988 den gemeinnützigen Konzern, dessen Hauptgesellschafter die Augustinum Stiftung ist. Das Augustinum ist Mitglied im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche.

Immobilienfirma aus dem Norden habe sich als seriös und finanzkräftig präsentiert

Das Augustinum beteuert, die Immobilienfirma aus dem Norden sei als seriöses und finanzkräftiges Hamburger Unternehmen präsentiert worden. Ein "Gefälligkeitsschreiben" einer Bank mit, wie man jetzt wisse, "falschen Angaben" habe diesen Eindruck verstärkt.

Ein von Maccari präsentierter, in der Schweiz ansässiger Vermittler habe hohe Provision für den Immobilienhandel kassiert, aber davon habe man erst im Jahr 2014 erfahren, beteuert das Augustinum. Fast 40 Millionen Euro sollen die Provisionen insgesamt betragen haben. Einen Teil davon soll Maccari selbst erhalten haben, ein anderer Teil soll in eine Villa geflossen sein, die der frühere Augustinum-Geschäftsführer bewohnt. Der Staatsanwaltschaft fällt es allerdings angeblich schwer, Belege zu finden, dass die Villa mit Geld aus dem Immobilienhandel finanziert worden sei.

Die Münchner Staatsanwaltschaft äußert sich nicht im Detail. Sie bestätigt nur die Ermittlungen. Diese richten sich außer gegen den Ex-Geschäftsführer vom Augustinum auch gegen den Mittelsmann sowie gegen die beiden Betreiber der norddeutschen Immobilienfirma. Die Beschuldigten weisen alle Vorwürfe zurück.

Zu den beiden Betreibern der norddeutschen Immobilienfirma, die 728 Millionen Euro Darlehen bekam, hatte das Augustinum nach eigenen Angaben kaum Kontakt. Der eine sei nur ein einziges Mal da gewesen, der andere sei dem Augustinum nur als Beschuldigter in den laufenden Ermittlungen bekannt. Das ist sehr ungewöhnlich für ein so großes Geschäft.

Das Augustinum ist zuversichtlich, mit den beiden Herren fertig zu werden. Deren Firma wolle mit der Räumungsklage in Aumühle nur die Bewohner verunsichern, so das Augustinum. Die Senioren bräuchten sich nicht zu sorgen.

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