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Hauptversammlung von Thyssen-Krupp:Hiesinger trifft der Zorn der Aktionäre

HV ThyssenKrupp

René Obermann auf der Hauptversammlung der ThyssenKrupp AG. Er soll in den Aufsichtsrat.

(Foto: dpa)

Er kam als Aufräumer, nun fällt das Wort "Versager" im Zusammenhang mit Heinrich Hiesinger und der Konzernspitze. Die Aktionäre auf der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp sind wütend - auch über die Personalie René Obermann. Nur ein mächtiger Investor ist auffallend still.

Heinrich Hiesinger schaut angestrengt geradeaus, dann kurz an die Decke der Versammlungshalle. Der Thyssen-Krupp-Chef wirkt heute bleicher als sonst. Sein Gesicht nimmt sich fast maskenhaft auf dem Podium aus. Gerade hat der erste Aktionär auf der diesjährigen Hauptversammlung des strauchelnden Ruhrkonzerns das Wort ergriffen.

Es ist Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er ist ein routinierter Redner, seine Organisation tritt für den Schutz von Aktionären ein. Hechtfischer ist keiner, der die Stimmung in einem Saal anheizen kann oder will. Wohl auch aus diesem Grund darf er an diesem Freitag im Bochumer RuhrCongress als erster ans Rednerpult treten. Erwartet unaufgeregt trägt Hechtfischer seine Kritik vor, Punkt für Punkt. Aber ganz am Ende kommt er doch noch, der direkte Angriff: "Jetzt beginnt bei den Vorstandsverträgen die zweite Halbzeit: Sie müssen nachlegen." Zurzeit überwögen die schlechten Nachrichten eindeutig die guten. "Nur Schlimmeres verhindert zu haben, das kann es nicht sein."

Die Situation ist ungewohnt für Konzernchef Hiesinger. Noch vor einem Jahr schienen die Rollen klar verteilt. Hier Hiesinger, der Hoffnungsträger. Der Aufräumer, der alles zum Besseren wenden wird. Der mutig genug ist, Seilschaften zu durchtrennen, Traditionen aufzubrechen und den Konzern konsequent zu sanieren.

Dort Gerhard Cromme, der selbstgewisse, mächtige Aufsichtsratschef. Der tatenlos zusah, wie sich der Traditionskonzern einen Fehler nach dem anderen leistete und stets rechtzeitig zur Seite trat, wenn es für ihn gefährlich wurde.

Jetzt ist Cromme weg, und die alten Muster haben ausgedient. Nur wenige Monate vor seinem Tod ließ der 99-jährige Konzernpatriarch Berthold Beitz seinen Ziehsohn fallen und brachte ihn damit um sein Lebenswerk. Von Cromme spricht an diesem Freitag in Bochum kaum noch jemand.

Dafür ziehen die Aktionäre erstmals Hiesinger zur Rechenschaft für das, was er in den letzten zwölf Monaten geleistet hat. Lange hielten sie dem 53-Jährigen zugute, dass die Altlasten zu schwer wogen, um den Konzern nach vorn zu bringen. Doch nach drei Jahren an der Spitze taugt diese Entschuldigung längst nicht mehr allen.

Und längst nicht allen Aktionären gelingt es, angesichts der existenzbedrohenden Lage bei Thyssen-Krupp sachlich zu bleiben.

Bernd Günther etwa, dessen Gesellschaft Idunahall seit Jahren ein größeres Aktienpaket verwaltet, hält sich nicht zurück. "Es sind viele taktische Fehler gemacht worden", ruft er dem Vorstand entgegen, "das Fiasko geht weiter". Der strategische Umbau des Konzerns gehe nicht voran, es gebe nur Verkäufe, und die zum falschen Zeitpunkt. Zwar habe Hiesinger einen großen Teil der Probleme geerbt, "aber ob schnell genug gedreht wurde, das ist die Frage." Wenn nächstes Jahr keine Dividende gezahlt werde, gehöre der Vorstand in die Rubrik "Versager".