Kapitalerhöhung Krupp-Stiftung verliert Sperrminorität bei Thyssen

Ein Arbeiter im ThyssenKrupp-Werk in Duisburg

Machtverschiebung beim Traditionskonzern: ThyssenKrupp hat für neue Aktien fast 900 Millionen kassiert. Die einst so mächtige Krupp-Stiftung hat ihre dominante Position verloren, mit der sie Übernahme und Zerschlagung verhindern konnte. Gestärkt wird ein Firmenhändler, den Schwedens Presse den "Schlachter" schimpft.

Ein Batzen Geld gegen den Schuldenberg: Der hochverschuldete Industriekonzern ThyssenKrupp hat sich bei Investoren frisches Geld zum Abbau seiner Schulden besorgt. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben knapp 51,5 Millionen neue Aktien zum Preis von je 17,15 Euro ausgegeben. Damit steige das Grundkapital des Konzerns um ein Zehntel. In die Kassen des Unternehmens seien durch die Kapitalerhöhung 882,3 Millionen Euro geflossen. Die neue Verteilung der Anteile bedeutet eine massive Machtverschiebung im Konzern. Die Krupp-Stiftung hat ihre dominante Position verloren.

ThyssenKrupp hat unter anderem wegen hoher Verluste mit seinen Stahlwerken in den USA und Brasilien einen immensen Schuldenberg angehäuft. Im Geschäftsjahr 2012/2013, das bis Ende September lief, machte der Konzern einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro. Insgesamt belasten Schulden in Höhe von fünf Milliarden Euro das Unternehmen.

Die Aktien des Konzerns waren am Montag nach Bekanntgabe der Pläne für eine Kapitalerhöhung um mehr als acht Prozent eingebrochen.

Die Krupp-Stiftung hat sich nicht an der Kapitalerhöhung beteiligt. Damit hat sie ihre Sperrminorität verloren. Ihre Beteiligung sei auf 22,99 Prozent gesunken, sagte eine Sprecherin in Essen.

Die Stiftung galt mit ihrem bisherigen Anteil von 25,3 Prozent als Garant für den Erhalt des Konzerns mit 150.000 Mitarbeitern und als Verteidiger gegen eine feindliche Übernahme oder Zerschlagung. Sie kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Sinkt ihr Anteil unter die Marke von 25 Prozent, wären es wohl nur noch zwei. Davon profitieren könnte der Finanzinvestor Cevian.

Der ist einer der profitabelsten Hedgefonds der europäischen Private-Equity-Branche, dem Reich der Firmenhändler. Er versucht, seine Macht im Konzern weiter auszubauen und soll nach der Aktienausgabe mehr als zehn Prozent halten. Im September hatte Cevian mitgeteilt, seinen Anteil am Konzern auf 6,1 Prozent erhöht zu haben. Der Hedgefonds lehnte eine Stellungnahme ab, verwies aber auf frühere Aussagen. "Cevian schließt nicht aus, sich an einer Kapitalerhöhung zu beteiligen", hatten die Schweden erklärt. Es gilt als wahrscheinlich, dass Cevian auch Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden will.

Das 20-Mann-Team von Cevian leiten die schwedischen Investoren Christer Gardell und Lars Förberg. Sie investieren üblicherweise in Firmen, versuchen in wenigen Jahren den Aktienkurs in die Höhe zu treiben und steigen dann wieder aus. Gardell kämpft gegen den Vorwurf, das Wohl der Unternehmen zu ignorieren und oft auf deren Zerschlagung aus zu sein. Teile von Schwedens Presse nennen ihn deshalb "den Schlachter" oder "Schwedens Gordon Gekko" - nach dem skrupellosen Investor, den Michael Douglas in dem Film Wall Street spielt. Das Unternehmen verwahrt sich aber gegen die Bezeichnung "Hedgefonds".

Gardell will aber nicht nur Aktien kaufen, sondern auch oben mitbestimmen: 2006 machte er beim schwedischen Autobauer Volvo Druck, das Management umzubauen. Einsteigen und Druck machen - das hat er mit seinem Tenniskumpel Carl Icahn gemeinsam, dem mächtigen US-Investor und Milliardär. Der ist berühmt dafür, als "aktivistischer" Investor Druck auf Unternehmenschefs auszuüben. Cevian hielt zwischenzeitlich schon drei Prozent am deutschen Rückversicherer Munich Re. Damals sah sich Försberg gezwungen zu dementieren, dass Cevian den Vorstand zu einem Verkauf der Tochter Ergo drängte. Derzeit ist Cevian auch Großaktionär beim deutschen Baukonzern Bilfinger.

Der Konzern hatte kürzlich den Verkauf seines verlustträchtigen Stahlwerks in den USA bekanntgegeben. Der Standort in Alabama wird von einer Gruppe von Unternehmen um die Konzerne ArcelorMittal und Nippon Steel zum Preis von 1,1 Milliarden Euro übernommen. ArcelorMittal ist der größte Stahlkonzern der Erde. ThyssenKrupp hatte lange nach einem Käufer für die Fabrik gesucht.

Das Schwesterwerk im brasilianischen Rio de Janeiro, für das ebenfalls lange Käufer gesucht wurden, gehört weiter ThyssenKrupps brasilianischer Gesellschaft CSA. Das Käuferkonsortium um ArcelorMittal sagte aber zu, bis 2019 jährlich zwei Millionen Tonnen Rohstahl aus dem brasilianischen Werk abzunehmen. ThyssenKrupp zufolge ist die Anlage in Rio de Janeiro mit der Vereinbarung für die kommenden Jahre zu mindestens 40 Prozent ausgelastet.