Handwerk - Schwerin:Mehr Zuspruch für Lehre im Handwerk: Aber 700 offene Stellen

Handwerk - Schwerin: Eine Mitarbeiterin fertigt Lehmziegel im Lehmwerk Kleinfahner. Foto: Martin Schutt/dpa
Eine Mitarbeiterin fertigt Lehmziegel im Lehmwerk Kleinfahner. Foto: Martin Schutt/dpa (Foto: dpa)

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Schwerin (dpa/mv) - Das Handwerk findet bei Schulabgängern in Mecklenburg-Vorpommern wieder mehr Interesse, doch kann das die Personalnot vieler Betriebe kaum lindern. Wie die beiden Handwerkskammern am Dienstag mitteilten, waren zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres am 1. August landesweit 1239 Ausbildungsverträge unterzeichnet. Das seien 12 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Dennoch blieben bislang mit etwa 700 noch offenen Stellen ähnlich viele angebotene Plätze unbesetzt wie im Vorjahr.

"Das ist eine Momentaufnahme. Wir rechnen damit, dass bis in den September hinein noch weitere Verträge abgeschlossen werden", sagte der Schweriner Handwerkskammer-Präsident Uwe Lange. Auch die Industrie- und Handelskammern des Landes meldeten einen leicht positiven Trend bei der Nachwuchsgewinnung.

Besonders groß ist der Zuwachs laut Lange bei den Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. In diesem Zweig, in dem Berufsnachwuchs wegen der angestrebten Heizungsumstellungen dringend gesucht wird, wurden etwa 130 Lehrlinge eingestellt. Eine Steigerungsrate im Vergleich zum Vorjahr von 36 Prozent. Den realen Bedarf an jungen Fachkräften bezifferte Lange für diesen Bereich mit knapp 1000 Azubis.

Ähnlich sehe es bei Elektrotechnikern aus. Auch in diesem Zweig sei mit gut 100 neuen Azubis ein überdurchschnittlicher Zuwachs erzielt worden, der Bedarf in der Branche sei aber acht Mal höher. "Nur wir Handwerker werden es schaffen, die Transformation im Energiebereich umzusetzen", hob der Präsident der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern, Axel Hochschild, hervor.

Wie Lange machte auch Hochschild die Schulpolitik in Bund und Land maßgeblich verantwortlich für das über Jahre hinweg geschwundene Interesse an Handwerksberufen. Mit der einseitigen Orientierung auf die akademische Ausbildung sei die duale Berufsausbildung immer mehr ins Hintertreffen geraten. Die Kammerpräsidenten forderten Reformen in der schulischen Berufsorientierung.

So müssten die Information über Tätigkeiten und Chancen in Handwerk und Industrie mehr Raum bekommen und auch das praktische Erleben von Berufen. "Wir müssen Schüler zu Praktika in die Betriebe locken und dann versuchen, sie in die richtigen Berufe zu bringen, die ihnen auch Spaß machen", sagte Hochschild. Sachsen-Anhalt mit vergüteten ein- bis vierwöchigen Schülerpraktika in Handwerksbetrieben oder Bayern mit einem verpflichtenden Tag des Handwerks an Schulen seien dabei beispielgebend.

Die Wirtschaft im Nordosten klagt schon länger über fehlenden Berufsnachwuchs. Nicht nur im Handwerk, auch in Industrie, Handel und Gastronomie sind die Lücken groß. Wie die Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit mitteilte, sind im Nordosten aktuell 4200 gemeldete Ausbildungsplätze unbesetzt. Dem stehen 2000 noch unversorgte Jugendliche gegenüber. Diese könnten aus zahlreichen attraktive Ausbildungsangeboten wählen, sagte Regionaldirektionschef Markus Biercher. Insbesondere im Einzelhandel, im Handwerk sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe seien noch viele Lehrstellen frei.

Biercher rief Schulabgänger ohne Lehrvertrag auf, sich bei der Berufsberatung zu melden. An die Arbeitgeber appellierte er, auch Jugendlichen eine Chance zu geben, die auf den ersten Blick nicht dem Anforderungsprofil entsprechen. "Schauen Sie sich diese Bewerber persönlich an und beurteilen Sie deren Kompetenzen nicht nur nach ihren Zeugnisnoten", erklärte der Agenturchef. Zudem könnten mit zusätzlichen Anreizen Interessenten gewonnen werden. So böten Betriebe vielfach bereits Monatsbeiträge für das Fitness-Studio oder beteiligten sich an der Finanzierung des Führerscheins.

Der Deutsche Mittelstands-Bund forderte angesichts des zunehmenden Personalmangels eine Aufklärungsoffensive in den Schulen, damit junge Menschen eine solide Vorstellung von ihrem zukünftigen Berufsleben bekommen. Nicht nur das Fehlen von Bewerbern sei ein Problem. Die Zahl der Ausbildungsabbrüche habe eine alarmierende Größenordnung erreicht. Bei den 20- bis 34-Jährigen sei inzwischen jeder Sechste ohne abgeschlossene Berufsausbildung, hieß es. Für viele Betriebe im Mittelstand stehe die Zukunftsfähigkeit auf dem Spiel.

© dpa-infocom, dpa:230801-99-643788/3

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