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Handel:Tengelmann-Streit: "Auf dem Dudel" geht's rund

Edeka hat die Sparte gekauft, die Läden der Tengelmanns sind verschwunden. Der Streit bleibt.

(Foto: Imago)

Wer hat im Tengelmann-Konzern künftig das Sagen?  Darüber streiten die Gesellschafterstämme der schwerreichen Familie Haub bei einem Treffen in Mülheim.

Von Michael Kläsgen, München

Der Name "Auf dem Dudel" klingt erstmal ulkig. So heißt eine Straße, die in Mülheim parallel an der Ruhr entlang führt. Es ist ein Ort, der dem Underdog-Image des Ruhrgebiets perfekt entspricht. Eigentlich ist es ganz schön hier, aber kaum einer von außerhalb will das wahrhaben. Die meisten Mitarbeiter der neuen Holding mit dem zukunftsträchtigen Namen Tengelmann Twenty One arbeiten jedenfalls längst in einem Hochhaus in München. Der Sitz der alten Warenhandelsgesellschaft Tengelmann liegt hingegen immer noch in einem herrschaftlichen Haus in Mülheim Auf dem Dudel.

Hier ist auch der Ort, an dem sich die drei zerstrittenen Gesellschafterstämme der schwerreichen Familie Haub, flankiert von ihren Anwälten, am Mittwoch trafen. Im Vorfeld war von einem Showdown der Firmenerben die Rede. Aber ganz so schlimm kam es dann doch nicht.

Vordergründig ging es um etwas, was früher in der 150-jährigen Geschichte des Unternehmens als Formalie abgehakt worden wäre: die Wahl eines neuen dreiköpfigen Beirats. Im Hintergrund schwebte aber die Frage im Raum, wer künftig die Macht hat in der Holding, die Beteiligungen an Firmen wie Obi, Kik, Tedi, Zalando, Delivery Hero und Klarna hält. Und ob die offiziell in Köln ansässige Familie des 2018 in den Schweizer Bergen verschollenen Tengelmann-Chefs Karl-Erivan Haub aus dem Gesellschafterkreis demnächst ausscheidet? Und wenn ja, wie: auf eigenen Wunsch oder gedrängt und ausbezahlt vom Bruder des Verschollenen, dem heutigen Tengelmann-Chef Christian Haub. Zu welchem Preis? Und von wem bezahlt?

Auch wenn sie versteuert werden müssen: 300 Millionen mehr oder weniger auf dem Konto machen einen Unterschied

Für Durchschnittsverdiener mag es ein Luxusproblem sein, ob man mit 1,1 Milliarden oder mit 1,4 Milliarden Euro abgefunden wird. Andererseits machen 300 Millionen Euro mehr oder weniger auf dem Konto schon einen Unterschied, auch wenn sie versteuert werden müssen. Nur vor diesem Hintergrund sind die Scharmützel zu verstehen, die sich die Anwälte der gegnerischen Parteien im Vorfeld lieferten.

Schon Anfang des Monats hatte Christian Haubs Anwalt Mark Binz gegenüber den Medien angekündigt, drei hochkarätige Unternehmerpersönlichkeiten für den Beirat zu benennen, "die sich nur en bloc zur Wahl stellen". Binz fügte hinzu: "Sollte der Kölner Stamm auch diese Kandidaten ablehnen, werden wir anschließend Ausschließungsklage erheben." Sollte heißen: Dann werde der Kölner Stamm "wegen gesellschaftsschädigendem Verhalten" aus dem Gesellschafterkreis verbannt.

Die Kinder des Verschollenen, Viktoria und Erivan Haub, beide 27, reagierten irritiert auf den Vorstoß. Sie, und nicht ihre Mutter, sind die Erben des Holdinganteils, wenn ihr Vater für tot erklärt wird. Und der liegt mit 34 Prozent an der Holding genauso hoch wie der von Christian Haub. Deshalb teilten sie vor der Sitzung mit: "Es ist verwunderlich, dass ein Gesellschafter, der nur 34 Prozent der Gesellschaftsanteile hält, meint, die Zusammensetzung des Beirats bestimmen zu können - und anderen Gesellschaftern über die Presse mit einer Ausschließung droht, wenn sie sich nicht mit seinen Vorschlägen einverstanden erklärten sollten." Zudem sei eine Wahl en bloc im Gesellschaftsvertrag nicht vorgesehen.

Der Chef der Modemarke Lagerfeld verschwand wieder von der Liste

Schließlich setzten sie sich mit dieser Argumentation durch. Christian Haub zog einen seiner drei Kandidaten zurück. Pier Paolo Righi, Chef der Modemarke Lagerfeld, verschwand wieder von der Liste. Die Kölner hielten den Repräsentanten einer Luxusmarke für inkompatibel mit dem Discounter-Image, das Tengelmann etwa dank der Billigkette Kik hat. Stattdessen könnte nun mit der Unternehmensberaterin Barbara Lambert, die auch Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Börse ist, eine Kandidatin der Kölner Einzug in den Beirat halten. Christian Haub hat sie bereits persönlich kennengelernt und soll sie damals als geeignet empfunden haben. Der Vermögensverwalter Carl-Thomas Epping wäre aus Sicht der Kölner eine Alternative zu Lambert.

Die von Christian Haub vorgeschlagene Unternehmerin und CDU-Funktionärin Astrid Hamker heißen auch die Kölner gut. Thomas Ingelfinger, Vorstandsmitglied von Beiersdorf, soll den Vorsitz im Beirat übernehmen.

Soweit war "Auf dem Dudel" doch Kompromissbereitschaft zu verspüren. In den wirklich wichtigen Fragen, wie es zwischen den Gesellschaftern weitergeht, herrschte jedoch weiterhin keine Einigkeit. Christian Haub hatte den Kölnern am Vortag in einem Interview mit der WAZ noch schwere Vorwürfe gemacht: "Leider geht es meiner Schwägerin schon seit geraumer Zeit nicht mehr um das Unternehmen", klagte er, "sondern einzig und allein um finanzielle Vorteile."

Die Kölner werfen ihm wiederum vor, sich auf ihre Kosten persönlich bereichern zu wollen. Nach dem Treffen teilten sie mit: "Ein Verkauf der Anteile kommt für unsere Familie allenfalls dann in Betracht, wenn Christian Haub dies als einzige Lösung für eine Beilegung des Familienstreites sieht und uns ein angemessenes, faires Angebot zur Übernahme unterbreitet." Vielleicht sollte Christian Haub einfach noch ein paar Hundert Millionen drauflegen.

© SZ

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