Hambacher Forst Warum ein Boykott von RWE schwierig ist

  • RWE hat alle Stromverträge - mit mehr als sechs Millionen Endkunden allein in Deutschland - in die Tochterfirma Innogy ausgelagert.
  • Wer ein Zeichen gegen die Abholzung in Hambach setzen möchte, könnte also höchstens seinen Innogy-Stromvertrag kündigen.
  • Doch lange wird auch dieser passive Widerstand nicht mehr greifen, denn RWE will das Vertriebsgeschäft von Innogy an den Konkurrenten Eon abgeben.
Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Der Appell von Umweltaktivisten ist eindeutig: Boykott! Weg von RWE! Einen Konzern, der den Hambacher Wald der klimaschädlichen Braunkohle opfern will, dürfe man nicht unterstützen, indem man bei ihm Strom kauft. Auch Politiker der Grünen fordern den Wechsel. Bei Twitter kursiert der Hashtag #RWEBoykott.

Doch so richtig es sein mag, einen jeden an seine ökologische Verantwortung zu erinnern: Praktisch ist es ganz schön knifflig geworden, RWE zu boykottieren. Bald wird es gar unmöglich sein. Denn der Konzern aus Essen ist drauf und dran, seinen direkten Draht zu Privatkunden aufzugeben. Diesen überlässt RWE mittlerweile lieber anderen.

Schon vor zwei Jahren hat der Konzern alle Stromverträge - mit mehr als sechs Millionen Endkunden allein in Deutschland - in die Tochterfirma Innogy ausgelagert. Dazu gehören auch die vielen Beteiligungen, die RWE an regionalen Versorgern wie Envia-M, Süwag oder Westnetz hält. Seitdem ist Innogy ein eigenständiges Unternehmen, an der Börse notiert.

Wer jetzt bei Innogy kündigt, wird künftig Eon schädigen

Zwar gehört Innogy derzeit noch zu 76 Prozent zu RWE. Wer ein Zeichen gegen die Abholzung in Hambach setzen möchte, könnte also seinen Innogy-Stromvertrag kündigen - und hoffen, dass der Boykott in Form einer niedrigeren Dividende beim Mutterkonzern durchschlagen würde. Doch lange wird dieser passive Widerstand nicht mehr greifen. Denn RWE will das Vertriebsgeschäft von Innogy im nächsten Jahr an den Konkurrenten Eon abgeben. Das haben die Konzerne im Frühjahr vereinbart.

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Seit vier Tagen laufen die Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst. Tausende Braunkohlegegner halten die Polizei auf Trab. Auch am Montag könnte es wieder zu Auseinandersetzungen kommen.

Wer jetzt bei Innogy kündigt, würde also künftig den Konkurrenten Eon schädigen. Der verheizt aber gar keine Braunkohle und lässt auch keine Wälder roden. Vom Jahr 2022 an wird Eon überhaupt keinen Strom mehr erzeugen, nur noch einkaufen, transportieren und verkaufen.

Freund und Feind sind in der Energiewelt der Zukunft nicht mehr leicht zu unterscheiden. Denn im selben Zug will der bisherige Kohlekonzern RWE sämtliche Ökostromkraftwerke von Eon und Innogy übernehmen. Auch das haben die Unternehmen entschieden. Mithin steigt RWE im nächsten Jahr zum drittgrößten Grünstromanbieter Europas auf.

Den Konzern zu boykottieren, wird dann noch schwieriger: RWE versteht sich künftig als reiner Erzeuger, der seine Kilowattstunden über die Strombörse und an große Abnehmer verkauft. Wer nun aus Protest zur Ökostrom-Konkurrenz wechselt, müsste also genau forschen, ob sein Strom nicht doch von einem Windrad oder Wasserkraftwerk stammen könnte, das vom nächsten Jahr an RWE gehören wird. Ein einigermaßen aufwendiges Vorhaben.

RWE wird somit grüner, als viele Aktivisten glauben: Schon in zwei Jahren will der Konzern sein Geld zu 60 Prozent mit Ökostrom verdienen. Umso unverständlicher mag sein, warum RWE bislang darauf pocht, vorher noch den Hambacher Wald zu roden. Der Konzern verweist auf die bezahlbare Stromversorgung, die ohne Braunkohle nicht mehr sicher sei. Und auf Tausende Arbeitsplätze in Tagebau und Kraftwerken. Einen Boykott der Privatkunden muss der Konzern indes nicht mehr fürchten: Spätestens nach der Trennung von Innogy wird RWE schlicht keine mehr haben.

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