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Gründerwelle in New York:Lichtjahre von der Welt der Hochfinanz entfernt

Die Folge: Investmentbanker ist kein attraktiver Beruf mehr. Und Tech-Firmen beginnen, den Finanzkonzernen die besten Leute abzuwerben.

Bis vor Kurzem war das noch umgekehrt. Davide Rossi wollte an die Wall Street und zwar mit aller Macht. Darum begann der Ferrari-Ingenieur ein sündhaft teures Wirtschaftsstudium am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, darum absolvierte er als 30-Jähriger noch ein Praktikum in London und darum bewarb er sich bei Citigroup, obwohl der Staat Citi kurz zuvor vor dem Zusammenbruch hatte retten müssen. Er wurde vertröstet: Einstellungsstopp. Doch Rossi gab nicht auf. Schließlich kam er 2010 bei der Deutschen Bank unter. Er war am Ziel seiner Träume, so glaubte er.

Zwei Jahre lang pendelte Rossi zwischen New York und San Francisco, half Internetfirmen wie Paypal dabei, Geld bei Investoren einzusammeln. An guten Tagen verließ er das Büro um zehn Uhr abends, meistens viel später. "Es war eine intensive, lehrreiche Zeit", sagt er heute. Noch immer verblüfft ihn das Vertrauen, das die Klienten in ihn setzten. "Ich kam doch frisch von der Uni." Genau das machte einst den Reiz der Wall Street aus. Die Verantwortung, welche die Banken selbst Neulingen übertrugen. Das Gefühl, auf einen Schlag ganz wichtig zu sein.

Krisenstimmung, Entlassungen, Sparprogramme

Wohin das führen kann, hat die Finanzkrise gezeigt, in der 30-Jährige fast das Weltfinanzsystem in die Luft gesprengt hätten. In Rossis Bankerleben gab es nichts Vergleichbares, nicht den großen Skandal. Alles lief seinen gewohnten Gang - gerade das war das Problem. Als der Zauber des Neuanfangs verflogen war, zeigten sich Schattenseiten seiner Branche: Die nicht enden wollende Krisenstimmung, die Entlassungen, die Sparprogramme. Rossi beschloss: Es reicht. Er wollte etwas Eigenes aufbauen. Gemeinsam mit seiner Schwester gründete er sein eigenes Unternehmen, Fitbark heißt es und basiert auf einer Idee, die Lichtjahre von der Welt der Hochfinanz entfernt ist.

Es geht um Hunde.

Als Rossi nach New York gezogen war, hatte er Freud in Italien zurücklassen müssen, seinen kleinen Terrier. Auch seine Schwester konnte sich nicht um Freud kümmern. Blieb sein Vater. "Aber ich vertraute ihm nicht, ich wurde das Gefühl nicht los, dass Freud nicht genug Auslauf bekommt." Die Lösung ist ein kleiner Plastikknochen, den Rossi an Hundebesitzer in aller Welt verkaufen will. Darin steckt ein Fitnesscomputer, der, einmal ans Halsband montiert, aufzeichnet, ob sich der Hund genug bewegt und die Daten auf ein Smartphone lädt. Großstädte wie New York seien der ideale Markt für seine Geschäftsidee, glaubt Rossi: Herrchen und Frauchen sind oft den ganzen Tag im Büro und müssen sich auf die Dienste von professionellen "Dog Walkern" verlassen. Da ist Kontrolle besser als Vertrauen.

Rossis Wandlung vom Banker zum Gründer zeigt, wie sich New York ändert. Die Wall Street ist nicht mehr der übermächtige Magnet, der Elitestudenten anzieht und sie erst wieder loslässt, wenn sie ein Vermögen angehäuft haben oder in die Politik gehen. Die Wall Street ist zur Zwischenetappe geworden. Eine Talentschmiede, die man durchläuft, kein Lebensentwurf, dem man sich verschreibt. Wer etwas werden, etwas bewegen will, kommt hierher, um ein paar Jahre später weiterzuziehen.