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Gründerin:"Wir sind sehr naiv gestartet"

Therese Köhler: "Diese Angst, in einer aussterbenden Branche zu arbeiten, treibt mich an."

(Foto: Sonni Frej/OH)

Therese Köhler will das Catering-Geschäft digitaler machen. Ihr Start-up "Heycater!" ist eine Art Plattform, auf der man ein Catering zusammenstellen kann.

Von Max Müller

Die Vollkatastrophe passiert an einem Freitagabend gegen 22 Uhr. Am nächsten Tag steht eine Hochzeit an, für die Therese Köhler das Catering organisiert hat. Es soll türkisches Essen geben, Dürüm und Börek. Doch nun ist die Köchin abgesprungen. Und Köhler sitzt im Auto, in einer Mitfahrgelegenheit von München nach Berlin. Sie ruft Freunde an, telefoniert mit einem türkischen Supermarkt und fleht um eine Ausnahme, ausnahmsweise jetzt noch einkaufen zu dürfen. Um Mitternacht steht sie in einer 2-Zimmer-Wohnung und kocht, um 8 Uhr morgens ist das Essen fertig.

"Das Rezept hatte ich von chefkoch.de.", sagt sie. "Geschmeckt hat es nicht wirklich, bei den Mengen an Alkohol war das aber egal." Therese Köhler kann viele solcher Geschichten über ihr Start-up erzählen. "Heycater!" heißt ihre Firma, eine Art Plattform, auf der man ein Catering zusammenstellen kann. "Wir sind sehr naiv gestartet. Ich musste googeln, was eine GmbH ist", sagt sie. Um sich am Anfang zu finanzieren, übernachtete Köhler bei Freunden. Damit sie ihre Wohnung über Airbnb vermieten konnte.

Dass die 30-Jährige sich selber nur schwer bremsen kann, merkte sie schon in der Schule. "Mir sind die Haare ausgefallen, weil ich zu viel gelernt habe", sagt sie. In den Niederlanden, Italien und der Schweiz hat Köhler später "International Management" studiert. 2014 zog sie nach Berlin. Dort musste sie ein Catering für einen Fototermin organisieren, was sich schwierig gestaltete. Ein Catering nach den eigenen Wünschen zu bestellen, das müsse einfacher gehen, dachte sie sich.

So entstand die Idee für ihr Start-up. Das Konzept: Köhler und ihre Kollegen helfen den Kunden dabei, aus vielen Wünschen eine Entscheidung zu formen. Wer ein Catering bestellen möchte, gibt auf der Homepage an, ob es für ein Frühstück oder eine Firmenfeier sein soll, welches Essen gewünscht ist, wie hoch das Budget ist - und vieles mehr. Am Ende meldet sich "Heycater!" mit Angeboten. Verfügbar ist der Service bislang in 30 Städten.

Köhler möchte sich zusätzlich noch stärker auf Technologien konzentrieren, zum Beispiel Software für Caterer bereitstellen, die dabei hilft, Speisekarten zu digitalisieren. Sie denkt lieber groß als zu klein. "Im Prinzip wollen wir das Airbnb für Catering werden", sagt Köhler. Bis dahin ist es natürlich noch ein weiter Weg. Und wie bei anderen Start-ups gab es auch bei "Heycater!" einige Startschwierigkeiten. Vor ein paar Jahren war das Geld schon weg. Köhler drückt es drastisch aus: "Wir haben Scheiße gefressen." Das Jahr 2017 war der absolute Tiefpunkt, das Start-up lag am Boden. "Innerhalb von 48 Stunden musste ich 29 Mitarbeitern kündigen. Von 35 waren noch sieben übrig, inklusive mir", erzählt sie. Neue Office-Möbel habe sie auf Ebay Kleinanzeigen gesucht; den Suchfilter habe sie auf "zu verschenken" eingestellt.

Nach vielen Personalwechseln und mit neuen Investoren setzt "Heycater!" heute laut eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag um. Gewinn wirft das Geschäft bisher nicht ab. Doch Köhler ist überzeugt, dass der Markt Zukunft hat. Durch die Corona-Folgen habe das Start-up einen Schub bekommen. "Plötzlich sind viele sensibilisiert, wie wichtig Digitalisierung für Kantinen und Caterer ist, damit man die Mitarbeiter zum Beispiel auch im Homeoffice versorgen kann", sagt sie.

Geprägt hat Köhler eine Geschichte aus der Kindheit. Sie sei neun Jahre alt gewesen, als ihr Vater, der bei Quelle arbeitete, entlassen wurde. "Diese Angst, in einer aussterbenden Branche zu arbeiten, treibt mich an", sagt sie. "Und essen wird niemals aussterben. Wer in seiner Firma ein cooles Café hat oder exotisches Essen anbietet, hat einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um gute Mitarbeiter."

© SZ vom 22.09.2020

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