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Nach Betrugsvorwürfen:Grenke-Chefin verlässt Unternehmen

Grenke-Vorstandsvorsitzende Antje Leminsky geht Ende Juni.

(Foto: Alexander Fischer/Grenke/oh)

Antje Leminsky geht nach monatelangem Kampf gegen einen britischen Spekulanten, der dem Konzern Bilanzmanipulationen unterstellt. Ihr Nachfolger steht schon fest.

Von Jan Diesteldorf und Nils Wischmeyer, Köln/Frankfurt

Neun Monate ist es nun her, dass ein Spekulant die Grenke-Aktien mit einem Bericht voll schwerer Vorwürfe abstürzen ließ und den mittelständischen Konzern für kurze Zeit ins Chaos stürzte. Seither haben mehrere Dutzend Prüfer den Konzern durchleuchtet, ein Vorstand dankte ab, und zwischen Gründer Wolfgang Grenke und der Vorstandsvorsitzenden Antje Leminsky war ein Machtkampf entbrannt. Nun verlässt die Chefin zum Ende des Monats das Unternehmen, offiziell aus persönlichen Gründen. Einen Nachfolger hat der Konzern mit Sitz in Baden-Baden bereits gefunden: Michael Bücker, früher Vorstand der Bayerischen Landesbank (Bayern-LB), übernimmt das Amt zum 1. August. Er konnte sich offenbar gegen Finanzvorstand Sebastian Hirsch durchsetzen, der kurzzeitig auch als neuer Chef gehandelt worden war.

Damit endet für Antje Leminsky ein Karriereschritt, der deutlich ruhiger hätte verlaufen können. Meist fliegen Konzerne wie der Leasingkonzern Grenke und damit auch deren Vorstände, Chefs und die gesamte Führungsetage weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit. Gerade bei Grenke war das lange so, weil der Konzern als Leasinganbieter auch kein besonders aufregendes Geschäftsmodell hat. Firmen mieten über den Konzern Bürobedarf wie Telefone, Laptops oder Drucker, und Grenke finanziert das mit üppig kalkulierten Leasingraten. Grenke, das war ein klassischer deutscher Mittelständler.

Acht Jahre lang war Leminsky im Vorstand, drei davon als Vorstandsvorsitzende. Der Anfang vom Ende begann im September 2020. Fraser Perring, ein britischer Leerverkäufer, der sich mit seiner Kritik an Wirecard einen Namen gemacht hatte, veröffentlichte im Internet einen Bericht, in der er der Firma "eklatanten Buchhaltungsbetrug" vorwarf. Die Bank des Konzerns sei in Geldwäsche verstrickt, Barmittel seien nicht existent, und das gesamte Geschäft sei überhaupt nicht so werthaltig wie angegeben. Verstärkt durch einen Bericht des Spiegel stürzte die Aktie des Konzerns ab, und der Vorstand geriet vorübergehend in Erklärungsnot. Wo ist das Geld? Existiert das Geschäft? Was ist dran an den Vorwürfen?

Einige Anschuldigungen konnte der Konzern schnell ausräumen, andere aufzuklären dauert Monate. Die Firma engagierte Wirtschaftsprüfer, um die Vorwürfe zu widerlegen, dazu schickte die Bafin selbst die Experten der französischen Prüffirma Mazars ins Unternehmen, um alles genau zu untersuchen. Nach einigen Monaten drohte die Finanzaufsicht damit, Vorstand Mark Kindermann abzuberufen, der daraufhin tatsächlich abtrat. Der Aktienkurs fiel erneut, Perring sah sich bestätigt, und Antje Leminsky konnte nicht viel mehr machen, als die Prüfungen abzuwarten.

Während sie also versuchte, möglichst ruhig zu agieren, verschob sich der mediale Fokus auf Wolfgang Grenke. Der Mann mit der Leidenschaft fürs Schachspiel hatte das Unternehmen aufgebaut, war jahrelang Vorstandsvorsitzender und hält bis heute 40 Prozent der Aktien. Sein Einfluss im Konzern ist entsprechend groß. Im Bericht des Leerverkäufers Perring nimmt er eine zentrale Rolle ein, besonders, weil die Art und Weise, wie er Dependancen im Ausland aufgebaut hat, viele irritiert. Alte Bekannte und auch seine heutige Lebensgefährtin verdienten an den Deals, welche die Prüfer kritisieren, und die dazu führen, dass Grenke seinen Posten im Aufsichtsrat bis heute ruhen lässt.

Doch auch ohne offiziellen Posten machte er im April seinen Einfluss geltend und zählte seine Vorstandschefin an. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung ließ er durchblicken, dass er von Vorstandschefin Leminsky nicht viel hält. Als wäre die Aufklärung der Vorwürfe nicht genug, führte auch diese unterschwellige Botschaft wieder zu heller Aufregung in Baden-Baden. Leminsky forderte offenbar einen Vertrauensbeweis und bekam ein Schreiben der Familiengesellschafter, das alle Zweifel ausräumen sollte.

Fast genau zwei Monate später will sie das Unternehmen nun aus persönlichen Gründen verlassen. Dass ihr Nachfolger Michael Bücker wird, dürfte darauf hindeuten, dass sich Aufsichtsratschef Ernst-Moritz Lipp gegen Wolfgang Grenke durchgesetzt hat. Grenke hatte vor einiger Zeit durchblicken lassen, dass Vorstand Hirsch sein Favorit für die Nachfolge wäre.

© SZ
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