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Edelmetalle:Notenbanker verfallen einem nie dagewesenen Goldrausch

Britain's Queen Elizabeth tours a gold vault during a visit to the Bank of England in the City of London

An keinem anderen Ort der Welt lagern so viele Notenbanken ihr Gold wie in den Tresoren der Bank of England. Im Dezember 2012 kam auch Queen Elizabeth vorbei und besichtigte Hunderttausende Barren.

(Foto: Reuters)
  • Im ersten Halbjahr dieses Jahres kauften die Notenbanken 374 Tonnen Gold.
  • Das sei ein Misstrauensvotum für den Dollar, sagen Experten

Die Halle, in der gewissermaßen das Gold der Welt liegt, ist kein repräsentativer Ort. Kein Ort, an dem goldene Stickereien glänzen oder goldene Kronleuchter strahlen. Es ist ein Ort, an dem fahles Neonlicht von unverputzten Betondecken auf 400 000 Goldbarren fällt. Kaum an einem anderen Ort lagern die Notenbanken ganz unterschiedlicher Staaten so viel des edlen Metalls ein wie hier, in den Tresoren der Bank of England.

In den vergangenen Monaten müssen die Wärterinnen und Wärter die unwirtliche Lagerstätte jedoch öfter besucht haben. Denn die Notenbanken weltweit sind in einem historisch einmaligen Goldrausch. Im ersten Halbjahr dieses Jahres haben sie 374 Tonnen Gold zugekauft, so zeigen es neue Daten des World Gold Council. Die Währungshüter haben damit so viel Gold gekauft wie noch nie in einem ersten Halbjahr seit Beginn der Statistik. Dabei hatten sie das Edelmetall lange kritisch beäugt und belächelt. Manche gaben gar offen zu, von Gold keinen Schimmer zu haben. Doch jetzt schimmert das Gold auch in den Augen der Währungshüter.

Machtdemonstration

Wer verstehen will, warum Zentralbanken zunehmend dem Glanz des Goldes folgen, sollte in den Kreml schauen. Als sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin im Mai vergangenen Jahres wieder einmal an die Macht gebracht hatte, kleckerte er bei seiner Vereidigung nicht. Wächter zogen die schweren vergoldeten Flügeltüren beiseite, der Präsident schritt unter goldenen Kronleuchtern entlang, alles strahlte. Gold - für den Autokraten Putin ist es eine Machtdemonstration, nicht nur im Saal seiner Vereidigung.

Auch die Goldkäufe der russischen Zentralbank sind eine knallharte Machtgeste auf dem internationalen Parkett. 91 Tonnen des Edelmetalls haben die Moskauer Zentralbanker allein im ersten Halbjahr zugekauft. Experten sehen das als wohlkalkulierten Nadelstich in Richtung der Vereinigten Staaten. "Es ist ein klares Misstrauensvotum gegenüber dem Dollar", sagt Goldexperte Mark Valek vom Liechtensteiner Vermögensverwalter Incrementum. Denn neben Gold halten viele Zentralbanken einen Teil ihrer Währungsreserven traditionell in der Weltleitwährung.

Doch unter US-Präsident Donald Trump ist der Dollar nicht mehr bloß eine Währung, immer stärker wird aus ihm auch eine Finanzwaffe. Dann zum Beispiel, wenn die US-Amerikaner der Führung im Kreml drohen, russische Banken vom Dollarsystem abzuschneiden oder Amerikanern den Handel russischer Staatsanleihen zu verbieten. Gerade Staaten, die unter hohem Sanktionsdruck stehen, wollen daher ihre Währungsreserven breiter aufstellen.

"Gold ist eben mit keinem Land direkt verbunden"

Die Idee: weg vom Dollar, rein ins Gold. "Denn Gold ist eben mit keinem Land direkt verbunden", sagt Edelmetallexpertin Gabriele Widmann von der Deka-Bank. Länder wie Russland, die Türkei oder China können sich mit ihren Goldkäufen also politischen Manövrierraum gegenüber den Vereinigten Staaten verschaffen. Auch die Chinesen haben im ersten Halbjahr wieder zugelangt und ihrem Goldvermögen weitere 74 Tonnen hinzugefügt. Sie nutzen die Goldkäufe ebenfalls als metallene Drohung in Richtung der USA, die sich buchstäblich gewaschen hat.

Für die chinesischen Notenbanker spielt allerdings auch kühle Kalkulatorik eine Rolle. Denn die Chinesen halten in ihren Währungsreserven viele Dollaranlagen und setzen sich damit einem Währungsrisiko aus. Da Gold aber oft umgekehrt zum Dollarkurs verläuft, kann das Edelmetall auch eine Art Währungsabsicherung sein. Die größten Goldkäufer unter den Notenbankern im ersten Halbjahr waren allerdings weder die Russen, noch die Chinesen.

Ausgerechnet die polnischen Zentralbanker haben den Goldmarkt mit einer Riesenorder über 100 Tonnen geschockt. Einen so schwergewichtigen Kauf hat schon seit knapp zehn Jahren keine Zentralbank weltweit mehr bekanntgegeben. "Das ist schon was", sagt Goldexperte Mark Valek. Pikant ist es vor allem, weil Polen eigentlich als enger Freund der USA gilt.

Versteckte Agenda

Angesichts all der geopolitischen Risiken und des wachsenden globalen Schuldenbergs will aber offenbar auch die polnische Zentralbank stärker auf Gold und weniger auf herkömmliche Papierwährungen setzen, die im Falle einer Schulden- oder Finanzkrise im Zweifel weich wie Butter werden könnten.

Manche sehen hinter dem Schritt der Polen jedoch auch eine versteckte Agenda. "Es ist schon auch ein Signal an Europa", sagt Goldexperte Valek. Denn die rechtspopulistische polnische Regierung steht auf Kriegsfuß mit den Brüsseler Bürokraten, fürchtet gar mögliche Sanktionen.

Privatanleger dürften sich über die Goldlust der Zentralbanken freuen, denn ein Sechstel der gesamten weltweiten Goldnachfrage kam seit Jahresanfang von den einflussreichen Geldhütern, sie treiben mit ihren Käufen also ein Stück weit auch die Preise. Seit Jahresbeginn sind die Goldnotierungen von unter 1200 Dollar je Feinunze auf inzwischen über 1400 Dollar gestiegen. Die Käufe dürften unterdessen weitergehen: In einer Umfrage unter Zentralbankern sagten vor wenigen Wochen immerhin 54 Prozent, ihre Geldhüter-Kollegen weltweit dürften weiter zukaufen.

Nun jagt allerdings niemand geringerer als Boris Johnson den amerikakritischen Zentralbankern Angst ein. Der neue britische Premier könnte das Königreich nach einem Brexit enger an die USA binden. Viele Notenbanker sehen für ihr Gold in den Londoner Tresoren bereits ein Horrorszenario kommen: dass sie zwar Gold besitzen, es aber nicht mehr anfassen können.

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