Glyphosat "Möchte nicht die Aufmerksamkeit auf die Toxizität unseres Produkts lenken"

Aus den Firmendokumenten geht zudem hervor, dass Monsanto sich durchaus Sorgen machte, kritische Studien könnten den Ruf von Glyphosat beschädigen. Ein ganz besonderes Augenmerk galt dabei den Krebsforschern der WHO. Schon etliche Monate bevor diese ihre Krebswarnung veröffentlichten, warnte die Monsanto-Toxikologin Donna Farmer am 18. August 2014 in einer E-Mail: "Ich wollte Sie nur wissen lassen, was uns schon lange Sorgen gemacht hat. Glyphosat ist im März 2015 für eine IARC-Überprüfung vorgesehen." In anderen Mails heißt es, weitere Studien wären "zu riskant". Oder: "Möchte nicht die Aufmerksamkeit auf die Toxizität unseres Produkts lenken."

Den Unterlagen zufolge versucht Monsanto offenbar gezielt Einfluss auf die Wissenschaft zu nehmen. So wurden zum Bespiel "200 000 bis 250 000 Dollar" in die Hand genommen, um als Gegenoffensive gegen das erwartete IARC-Urteil ein Glyphosat-freundliches Expertenpanel zu installieren. Genannt wird in diesem Zusammenhang auch der emeritierte deutsche Toxikologe Helmut Greim.

Beruhigende Berichte

Ein Monsanto-Mitarbeiter schlägt in einem Mailwechsel vor, die Namen von Experten in pseudo-wissenschaftliche Arbeiten aufzunehmen, um Monsanto-Statements glaubwürdiger zu machen: "Eine Option wäre, Greim und Kier oder Kirkland hinzuzufügen, aber wir könnten die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben übernehmen und sie würden nur bearbeiten und mit ihrem Namen zeichnen."

Greim fiel während seiner langjährigen Tätigkeit an der TU München immer wieder durch beruhigende Berichte zu Umweltrisiken auf, darunter die giftigen Substanzen Dioxin und PCP. Auch Glyphosat hielt er stets für unbedenklich. Er habe Glyphosat in seinen Veröffentlichungen aber nie verteidigt, betont Greim auf Anfrage. Vielmehr sei er "nach Auswertung der vorhandenen Informationen zu dem Ergebnis gekommen, dass Glyphosat nicht kanzerogen ist". Er habe für eine Veröffentlichung nur einmal 3000 Euro von Monsanto bekommen und für die Teilnahme an dem genannten Experten-Panel etwa das Doppelte von einer von Monsanto beauftragten Agentur, erklärt Greim. "Sonst habe ich nichts bekommen." Außerdem stehe er mit seiner Meinung zu Glyphosat nicht allein da.

Monsanto weist alle Vorwürfe zurück, es habe versucht, auf wissenschaftliche Ergebnisse Einfluss zu nehmen. Wenn es um die Frage der Sicherheit gehe, müsse die Wissenschaft betrachtet werden, nicht einzelne E-Mails, die aus dem Zusammenhang gerissen seien, heißt es dort. Die Verfahren in den USA dürften sich noch über Jahre hinziehen. Doch der Europäischen Union bleibt nicht mehr viel Zeit in Sachen Glyphosat.

Spätestens bis zum 15. Dezember muss sie entscheiden, ob das Pflanzenschutzmittel weiter eingesetzt werden darf. Voraussichtlich am 9. November sollen die 28 Mitgliedstaaten über einen neuen Vorschlag der EU-Kommission abstimmen. Die strebt nun an, die Zulassung nur um fünf Jahre statt der bisher anvisierten zehn Jahre zu verlängern, nachdem der alte Vorschlag nicht die notwendige Zustimmung fand. Auch bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin ist Glyphosat ein großer Streitpunkt. Während die Grünen auf ein Verbot pochen, lehnt die Union dies strikt ab.

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