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Glücksforschung:Auf der Suche nach dem Glück

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Richard Layard bezeichnet sich selbst als glücklichen Menschen. "Aber niemand sollte erwarten, dass er immer glücklich ist", sagt er.

(Foto: Getty Images Entertainment/Getty)

Der Brite Richard Layard ist ein bekannter Volkswirt. Jetzt sitzt er im Oberhaus und widmet sich der Frage, was die Menschen wirklich zufrieden macht. Geld ist es nicht, so viel ist klar.

Von Björn Finke, London

Kronleuchter hängen an der hölzernen Decke, Ölgemälde an den Wänden. Die gepolsterten Rückenlehnen der Stühle ziert das Wappen des britischen Parlaments: Dieses Restaurant im House of Lords, dem Oberhaus, ist sehr gediegen, allerdings zu dieser Stunde am Nachmittag auch voll und laut. Ganz hinten sitzt Lord Layard of Highgate an einem runden Tisch, trinkt Tee und isst den dazu passenden tea cake, ein Rosinenbrötchen. Richard Layard darf sich seit der Jahrtausendwende Lord oder Baron Layard nennen, denn da berief die Labour-Partei den bekannten Volkswirt und Politikberater ins Oberhaus.

Der 84-Jährige sagt, er habe sich in dem Restaurant zuletzt mit einigen Mitgliedern des Kabinetts der konservativen Regierung getroffen. "Ich fragte sie, ob sie meditieren, und überraschend viele antworteten ,ja'. Aber sie wollen nicht, dass andere das wissen", sagt der emeritierte Professor der London School of Economics (LSE). Layard bezeichnet sich selbst als "schlechten Meditierer". Dass sich einflussreiche Politiker mit ihm über Geistesübungen austauschen, hängt mit seiner Arbeit zusammen: Der Brite ist einer der Pioniere der Glücksforschung. Er untersucht, was Menschen in ihrem Leben glücklich macht und wie Regierungen das fördern können. Wichtigstes Ergebnis seiner Studien ist, dass der größte Feind von Glück und Zufriedenheit psychische Erkrankungen sind.

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Layard empfiehlt daher Regierungen, mehr in Therapieangebote zu investieren. Und er rät den Menschen, auf ihr seelisches Wohlbefinden zu achten. Ein Labour-Abgeordneter im Unterhaus bat ihn kürzlich um Hilfe dabei, Achtsamkeits-Seminare für Parlamentarier zu organisieren. Das Konzept Achtsamkeit - oder Mindfulness - beschreibt Techniken, um seine Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken anstatt ständig an anderes zu denken. "Die Seminare im Parlament sind gut besucht", sagt Layard. "Und Studien zeigen, dass Mindfulness positive Effekte hat."

"Erschreckenderweise ist es oft Zufall, ob sinnvolle Initiativen umgesetzt werden."

Dass es messbare Effekte gibt, dass also bestimmte Politikinitiativen oder bestimmte Übungen nachweislich funktionieren, ist wichtig für Layard. Als Volkswirt vergleicht er Kosten und Nutzen von Eingriffen. Dennoch gilt seine Disziplin, die Glücks-Ökonomie, vielen traditionellen Volkswirten als reichlich esoterisch. Layard selbst verwendet lieber den Begriff Wellbeing - also Wohlbefinden - anstelle von Happiness oder Glück. "Reden wir von Glück, werden wir weniger ernst genommen", sagt er.

Die allermeisten Volkswirte ermitteln den Nutzen oder Schaden von wirtschaftspolitischen Ideen, indem sie auf Konsummöglichkeiten der Bürger, auf Einkommen, Gewinne und das Bruttoinlandsprodukt schauen. Glücks-Ökonomen hingegen argumentieren, dass mehr Geld und Wirtschaftswachstum Menschen nicht viel zufriedener machen. Doch genau danach sollte Regierungspolitik beurteilt werden - und nicht danach, ob das Wirtschaftswachstum ein wenig höher ausfällt.

"Das Konzept des Bruttoinlandsprodukts wurde überhaupt nicht dafür entwickelt, den wirtschaftlichen Erfolg von Nationen zu messen", sagt Layard. "Heute gilt es als Maßstab." Der Brite betont, kein Feind des Wachstums zu sein, aber Regierungen sollten diesem Ziel nicht die Zufriedenheit der Menschen unterordnen.

Was glücklich und unglücklich macht, ermitteln die Forscher mit Umfragen. Denen zufolge sind Bürger reicher Staaten im Durchschnitt zufriedener als Bürger armer Staaten, und innerhalb eines Landes sind die Reichen ebenfalls glücklicher. Aber werden reiche Nationen über die Jahrzehnte noch wohlhabender, steigt die durchschnittliche Zufriedenheit nicht. Diese überraschende Erkenntnis heißt Easterlin-Paradox, benannt nach dem amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin. Allerdings veröffentlichten Kritiker Studien, die Easterlin zu widerlegen scheinen.

Trotz aller Debatten ist sich Layard sicher, dass Unterschiede beim Wohlstand wenig Einfluss auf die Frage haben, welche Bürger eines Landes glücklich oder unglücklich sind. Viel wichtiger als ein hohes Einkommen seien gute Beziehungen zu Freunden und Familie, ein erfüllender Beruf und Gesundheit. Vor allem psychische: "Der bedeutendste Grund dafür, dass Menschen richtig unglücklich sind, sind psychische Krankheiten. In westlichen Gesellschaften ist das ein größerer Faktor als Arbeitslosigkeit." Doch schockierenderweise würde vielen Menschen mit seelischen Leiden keine Therapie angeboten.

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