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Gipfelstürmer:Honig für den Jobmarkt

Das Berliner Start-up Honeypot vermittelt IT-Kräfte an Unternehmen - und wurde für 22 Millionen Euro vom Berufsnetzwerk Xing übernommen. Nun wollen die Gründer international wachsen. Die Experten, die sie vermitteln, sind sehr gefragt.

Sie sind hoch begehrte Arbeitskräfte, brauchen sich um einen Job keine Sorgen machen: Für Software-Entwickler und andere IT-Fachleute bietet der Arbeitsmarkt viele Chancen. Und das wird sich so schnell nicht ändern - rund 55 000 IT-Stellen sind derzeit unbesetzt, Tendenz steigend, schätzt der Branchenverband Bitkom. Doch zu welchen Konditionen und bei welchem Arbeitgeber soll man sich bewerben, etabliertes Unternehmen oder Start-up, festangestellt oder freiberuflich?

Bei der Entscheidungsfindung möchte das Berliner Unternehmen Honeypot helfen, selbst ein Start-up, gegründet im Oktober 2015 von Kaya Taner und Emma Tracey. Tracey bringt das Dilemma der Entwickler und Programmierer auf den Punkt: "Ich nenne das immer: im Lotto gewinnen, aber nicht in der Währung des eigenes Landes." Die IT-Experten bekommen zu viele Angebote, die aber etwa nicht zum Profil des jeweiligen Bewerbers passen oder zum falschen Zeitpunkt kommen. Honeypot dreht das Verfahren daher um. Auf der gleichnamigen Plattform bewerben sich Unternehmen mit Bedarf bei interessanten Kandidaten.

Schon jetzt ist die IT-Branche der größte Arbeitgeber in Deutschland - und der Bedarf an Experten für Serverräume wie diesen steigt.

(Foto: Peter Granser, laif)

"Was unsere Marke ausmacht, ist vor allem die Kommunikation mit den Entwicklern", sagt Tracey. Die Kandidaten registrieren sich auf der Website des Start-ups, geben ihren beruflichen Hintergrund an. Außerdem tragen sie ein, in welchem Umfeld sie arbeiten möchten und ab wann. Ein Mitarbeiter von Honeypot, genannt "Talent Rep", führt die Nutzer durch das Programm, hilft bei Fragen und begleitet den Prozess bis hin zu Anfragen für Vorstellungsgespräche. Außerdem prüft der Talent Rep, ob das Profil des Kandidaten ausreichend ist: Jener muss nachweisen können, dass er in einem bestimmten Technikbereich ein Mindestniveau an Kenntnissen und Erfahrungen mitbringt. Rund zehn Prozent der Profile werden in "Batches" gebündelt und sind für drei Wochen auf der Website zu finden. Die weiteren Kandidaten werden zu einem für sie passenden Zeitpunkt sichtbar. Diese Begrenzung soll sicherstellen, dass nur die Arbeitskräfte Jobangebote bekommen, die aktiv suchen und nicht nur die Lage sondieren wollen. Außerdem ist es durch die Bündelung für Unternehmen leichter zu koordinieren, welchen Kandidaten sie schon Anfragen geschickt haben. Für die Nutzer ist der Service kostenlos, die Unternehmen zahlen eine Kommission an das Start-up.

Honeypot möchte Europas größte Jobbörse für IT-Experten werden, schon jetzt sind rund 100 000 von ihnen registriert. Berufsplattformen und -netzwerke gibt es einige. Da sind Linkedin, Xing, Monster und Stepstone, sowie die Websites Stack Overflow und Github, die sich ebenfalls an Programmierer und Entwickler wenden. Stack Overflow und Github allerdings sind vor allem Foren, in denen sich Informatiker aus aller Welt austauschen und gemeinsam Projekte erarbeiten - Jobvermittlung ist jeweils nur ein Nebenaspekt des Geschäftsmodells.

Zum vierten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb "Gipfelstürmer" die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese dürfen im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer

Wie interessant der Markt für die IT-Kräfte ist, zeigt sich auch daran, dass das Berufsnetzwerk Xing Honeypot im April dieses Jahres übernommen hat: für 22 Millionen Euro. Je nach Erfolg des Start-ups in den nächsten drei Jahren kommen nochmal 35 Millionen Euro hinzu. Es ist der größte Kauf in der Geschichte von Xing. "Wir hatten nie Risikokapital", sagt Emma Tracey. "Daher können wir das Geld von Xing jetzt dafür nutzen, andere Unternehmen zu akquirieren. Wir wollen unser Tech-Team vergrößern und als Unternehmen international wachsen." Für sie und Kaya Taner hat sich seit der Übernahme wenig geändert; es war Teil der Vereinbarung mit Xing, dass die beiden Gründer Honeypot weiter führen.

Tracey, 31, ist ohnehin international zuhause. Die gebürtige Irin studierte Literatur und Film am Trinity College in Dublin, arbeitete als Journalistin und PR-Agentin in Kolumbien, Ghana und Südafrika. In Berlin schloss sie einen Master in Chinesisch und Wirtschaft ab. Die Gründerin hatte sich zum Ziel gesetzt, mal auf allen Kontinenten der Erde gelebt zu haben - mit Ausnahme der Antarktis hat sie dieses Ziel längst erfüllt. Ihre Erfahrungen aus der Kommunikationsbranche bringt Tracey auch im Start-up ein. Es gibt einen Blog, Dokumentarfilme über Projekte sowie Konferenzen mit mehr als 800 Entwicklern. Jene machten Honeypot per Mund-Propaganda bekannt. Heute arbeiten Tracey und Taner mit 1700 Kunden, darunter Unternehmen wie Zalando, ProSieben Sat.1 oder der Bezahldienstleister Adyen; ihr Team besteht aus 70 Mitarbeitern aus 38 Nationen, je zur Hälfte Männer und Frauen, worauf das Start-up sehr stolz ist.

In den kommenden drei Jahren wollen die Gründer zehn neue Märkte erschließen. Der Sitz bleibt in Berlin, neben einem Standort in Amsterdam. Tracey, die auch schon mal in San Francisco gelebt hat, schätzt die Arbeit in der Hauptstadt. "Die Start-up-Szene in Berlin und Deutschland allgemein ist sehr gut in der Ausführung von Ideen. Die Gründer sind gut darin, einen Zeitplan zu entwickeln und die einzelnen Punkte umzusetzen." Was ihnen eher fehle, sei, einen emotionalen Zugang zu ihren Produkten zu vermitteln. Außerdem könne Deutschland noch offener werden für internationale Bewerber. Die Irin selbst zieht es aber vorläufig nicht zurück in die Welt: Ihr Fokus sei zu hundert Prozent bei Honeypot.