Gewerkschaften Machtlosigkeit und "Feedback"-Gespräche wegen Gähnens

Lektion 3

Wer austauschbar ist, der hat wenig Macht: beim Versandhändler, in Bad Hersfeld

Amazon ist die Firma, die immer sagt, man könne auch ein ordentlich zahlender Arbeitgeber ohne Tarifvertrag sein. Verdi ist die Gewerkschaft, die dort seit drei Jahren einen solchen durchsetzen will. Ein Verdi-Flugblatt vergleicht: Wer bei Amazon im Monat jetzt 2212 Euro bekommt, der bekäme 2507 Euro, würde die Firma nach dem Tarif des Einzel- und Versandhandels bezahlen. Der Nachtzuschlag wäre um 30 Prozentpunkte höher. Es gäbe 30 statt 28 Urlaubstage.

Sitzung im Verdi-Büro von Bad Hersfeld. In einer Stunde ist Betriebsversammlung bei Amazon, an deren Ende wird Verdi zu einem jener unangekündigten Streiks aufrufen, mit denen die Gewerkschaft den Betrieb zu piesacken versucht. Seit dreieinhalb Jahren wird gestreikt, seit dreieinhalb Jahren gibt sich Amazon unbeeindruckt, doch Betriebsrat Christian Krähling sagt: "Der Punkt, an dem das nicht mehr funktioniert, rückt näher." Vielleicht aber müssen sie noch jahrelang streiken; Verdi zahlt bei Amazon ein viel höheres Streikgeld als sonst üblich. Weil die Marktmacht des Konzerns so groß ist, fürchten die Gewerkschafter, dass er eines Tages auch die Tarifverträge der Branche "nach unten zieht", wie DGB-Chef Hoffmann sagt. Warum gelingt Verdi bei Amazon bislang nicht, was für die IG BAU bei Rinn und für die IG Metall bei Norma so selbstverständlich ist?

Erstens: Wenn Norma morgen 100 Facharbeiter verlöre, stünde die Produktion der Schlauchschellen still. Fallen bei Amazon 100 oder noch mehr Arbeiter aus, zum Beispiel durch Streik, wie an diesem Tag, disponiert das Unternehmen einfach um; dann werden Bücher, Thermoskannen und Fahrräder eben von einem anderen Lager geliefert, aus Deutschland, aus Polen, aus Frankreich. Die Arbeit kann jeder machen; Betriebsrat Krähling, 38, hat als Ausbildung nur ein abgebrochenes Politikstudium.

Zweitens: Es haben sich in Bad Hersfeld nicht 60 oder 70 Produzent zur Mitgliedschaft bei Verdi entschlossen, sondern nur 30 Prozent. Krähling sagt: "Die große Mehrheit steht dem Streik mehr oder weniger gleichgültig gegenüber."

Drittens: Viele Mitarbeiter scheinen zwar persönlich wenig von ihrem Arbeitgeber zu halten. Ein Streikender, der vor der Halle steht, berichtet von den berüchtigten "Feedback"-Gesprächen bei Amazon; er habe mal eines bekommen, weil er morgens um halb sieben beim Gähnen gesehen wurde. Er mokiert sich über den kostenlosen Kaffee, den die Firma nun als soziale Wohltat ausgebe.

Aber im Grunde geht es ihm so wie vielen jener Kollegen, die nicht mitmachen beim Streik: Früher waren sie, hier im ökonomisch nicht so starken Nordhessen, beschäftigt bei Arbeitgebern, bei denen die Bedingungen noch schlechter waren. Also wechselten sie zu Amazon - "bis ich was Besseres finde". Finden sie aber nicht. Jetzt streiken einige von ihnen; mal sehen, wie weit sie damit kommen. Kata Grgic, 37, ungelernt, ebenfalls Betriebsrätin, streikt übrigens, damit sie später nicht bei 800 Euro Rente landet. Privat sorgt sie nicht fürs Alter vor. Zum Thema Eigenverantwortung sagt sie nur: "Ich weiß ja nicht, wie lange ich lebe."

Im Bild: Kata Grgic, 37, Betriebsrätin.

(Foto: DGB/Eric Baumann)

Lektion 4

Wenn der Chef Tarifverträge ablehnt, darf die Belegschaft in den Kampf ziehen: beim Raststättenbetreiber bei Eisenach.

Bei der Firma Autogrill sind die Arbeitnehmer weiter als bei Amazon, aber ob sie jemals so weit kommen wie beim Rinn? Autogrill ist eine Firma aus Italien, sie gehört der berühmten Familie Benetton und sie betreibt auch in Deutschland mehrere Tank- und Raststätten an den Autobahnen. Fast ein Jahr lang hat die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) das Unternehmen mit Streiks überzogen, zunächst stundenweise, im Sommer 2015 dann nonstop, als nichts voranging. Vom 1. August bis zum 9. September zogen die Arbeitnehmer ihren Streik durch, auf der Rastanlage auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Grenzübergangs bei Eisenach.

Der Grad an Organisation war bei Autogrill bundesweit niedriger als bei Amazon in Bad Hersfeld. Aber manchmal reicht auch das - wenn an einem Standort, wie etwa in Eisenach 70 Prozent der Arbeitnehmer in der Gewerkschaft sind, nicht beliebig ersetzt werden können und den Betrieb empfindlich stören. Sechs Wochen hielt Autogrill durch, weil die Firma Führungskräfte an die Tankstellenkasse setzte, auf Verwandte und Leiharbeiter zurückgriff; dann, am 9. September, lenkte sie ein. Jetzt wird nach dem Tarif der Systemgastronomie gezahlt: Wer früher 1100 Euro im Monat erhielt, bekommt nun 1460.

Veit Otto ist in Eisenach der Betriebsratsvorsitzende, neulich hat er eine Kollegin an einem anderen Autogrill-Standort angerufen und gefragt, ob sie dort nicht auch allmählich einen Betriebsrat gründen wollten. Ein solches Gremium müssen die Beschäftigten ja fordern, von nichts kommt nichts. Am nächsten Morgen wusste es sein Chef in Eisenach. "Ah, Sie haben da eine Kollegin angerufen?", fragte er ihn. Otto konnte es sportlich nehmen, ein Betriebsratsvorsitzender ist ja qua Gesetz vor ausgesprochenen und unausgesprochenen Drohungen geschützt.

Es zeigt nur: Manchmal sind es eben die da unten, die es denen da oben recht leicht machen. Und so konservieren sie jene Machtwirtschaft, wegen derer sie dann an der Marktwirtschaft verzweifeln.

"Immer reicher, immer ärmer: Wie wächst Deutschland wieder zusammen?" Für diese Frage haben sich die SZ-Leser diesmal im Projekt Die Recherche entschieden. In einem Dossier, das Sie hier finden und als digitales Magazin hier und in Ihrer App zum Download, wollen wir sie konstruktiv beantworten - mit Beiträgen wie diesen: