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Gesundheits-Apps:Wenn das Handy zum Arzt wird

Joggen macht eh erst so richtig Spaß, wenn die Smartphone-App mitzählt, wie weit man läuft.

(Foto: David GoldmanAP)

Die Zahl der Smartphone-Helfer zu Vorbeugung, Impfung, Sport und Fitness nimmt immer weiter zu. Noch halten die meisten davon nicht, was sie versprechen. Doch der Trend ist unaufhaltsam.

Das Smartphone zählt die Schritte, rechnet Kalorien aus, erinnert an Vorsorgeuntersuchungen. Man kann damit seinen Puls kontrollieren oder die Steigungen seiner Jogging-Strecke vermessen. Wer einen Schnupfen kommen fühlt, kann online suchen, ob er womöglich Opfer einer Grippewelle geworden ist. Die Gesundheits-Apps sind allgegenwärtig, Krankheit ist im Netz ein gigantisch großes Thema. Nach einer Studie der Universitätsklinik Freiburg und der Bewertungsplattform Healthon gibt es derzeit insgesamt etwa 379 000 Anwendungen für Smartphones. Relevant seien hiervon insbesondere die Apps, die sich mit den Themen Gesundheit und Fitness (65 642 Apps) und mit Medizin (41 152 Apps) beschäftigen.

Zugleich wachse die Nachfrage nach den Angeboten, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ergeben hat. Immer mehr Menschen suchen zunächst im Internet Rat, wenn es um Fragen zu Krankheit, Gesundheit oder Vorsorge geht. 71 Prozent der Befragten gaben an, sich dabei sogar ausschließlich, zumindest aber meistens auf Informationen aus dem Netz zu verlassen. Insgesamt 400 000 Versicherte hätten im vergangenen Jahr eines der Online-Angebote der TK genutzt, sagte der Vorstandschef der Kasse, Jens Baas: "Die Zahlen zeigen, dass wir es beim Thema digitale Gesundheit nicht mit einer Modeerscheinung zu tun haben".

Wer Gesundheits-Apps nutzt, kann selten überprüfen, was mit seinen Daten passiert

Allerdings müssten die Nutzer mit einigen Unsicherheiten leben. So gebe es nur selten eine Kontrollmöglichkeit darüber, ob die angebotenen Informationen tatsächlich korrekt seien oder aus unabhängigen Quellen stammten, heißt es in der Studie der Uni Freiburg. Zudem bestehe auch stets das Risiko, dass die Betreiber der Anwendung vor allem daran interessiert seien, die anfallenden Daten der Nutzer zu erfassen. Ein Sicherheitskriterium sei daher immer die Frage, ob die Daten vor einem unerlaubten Zugriff geschützt seien. "Wenn der App eine Datenschutzerklärung fehlt, oder nicht klar ist, wie sich diese finanziert, ist man sicher gut beraten, nach einer Alternative zu schauen", sagte Ursula Kramer, eine Mitautorin der Untersuchung. Baas rief dazu auf, die digitale Versorgung massiv voranzutreiben. Allerdings entwickle sich die Technik deutlich rasanter als die Gesetzgebung. Das sei bei der Gesundheit nicht anders als beim automatischen Fahren, das von Google in den USA vorangetrieben werde, und wofür hierzulande der rechtliche Rahmen fehle. Es sei Zeit für einen kritischen Dialog über die Chancen und Risiken der Digitalisierung des Gesundheitswesens, forderte der TK-Chef. Es müsse ein Weg gefunden werden, wie die Verbraucher die neuen Funktionen nutzen könnten und gleichzeitig vor Datenmissbrauch geschützt seien. "Der Schutz der Sozialdaten ist extrem wichtig." Das derzeit im Bundestag beratene E-Health-Gesetz sei dazu nur ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Jeder Dritte kann sich vorstellen, seiner Krankenkasse die Gesundheitsdaten mitzuteilen

Laut Untersuchung der Uni Freiburg fänden sich bei den wenigsten Apps Angaben darüber, woher sie ihre Informationen bezögen. Eine solchen Hinweis lieferten etwa nur 25 Prozent der angebotenen Vorsorge- oder Impf-Apps, bei den Anwendungen für Diabetes geschehe dies nur bei vier Prozent. Ein wenig besser sehe es bei Datenschutzhinweisen aus. Hier erfüllten zwar 60 Prozent der Impf- und Vorsorge-Apps die notwendigen Auflagen. Doch bei den Entspannungs-Apps liege dieser Wert nur bei vier Prozent, bei den Anwendungen für Raucher bei sieben und bei denen für Diabetes-Patienten bei vier Prozent. "Die Studie zeigt, dass die meisten Apps auf dem Markt entweder für die Nutzer keinen richtigen Mehrwert haben, nicht nachhaltig angelegt sind oder dahinter ein rein kommerzielles Interesse steckt", sagte Baas.

Jeder Dritte kann sich laut Forsa-Umfrage inzwischen vorstellen, seine über das Smartphone gesammelten Daten an seine Krankenkasse weiterzugeben - unter der Auflage, dass dahinter ein erkennbarer Nutzen steckt. Zugleich hätten sich aber auch 41 Prozent entschieden dagegen ausgesprochen. Nach Baas Worten müsse man auf diese unterschiedlichen Einstellungen eingehen. "Es geht nicht darum, eine Lösung passend für alle zu finden." Seiner Kasse gehe es um eine freiwillige Teilnahme und Nutzung etwa der Apps, die man selbst anbiete.