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Altersvorsorge:Die gesetzliche Rente ist besser als ihr Ruf

Studie zu demografischer Alterung

Die gesetzliche Rentenversicherung muss tragende Säule der Alterssicherung bleiben.

(Foto: dpa)

Zehntausende wollen hohe Summen an die staatliche Rentenkasse überweisen, um früher in Rente zu gehen. Das ist auch ein Misstrauensvotum gegen Banken, Versicherungen und Anlagegesellschaften.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt die gesetzliche Rentenversicherung als eine Art Auslaufmodell. Zu wenig Rendite, zu eingeschränkte Anlagemöglichkeit, und überhaupt: alles viel zu verstaubt und viel zu langweilig. Stammt das Prinzip der Sozialversicherung nicht noch aus Reichskanzler Otto von Bismarcks Zeiten? An den Kapitalmärkten, so die öffentlich dominierende Meinung, sei heute viel mehr zu holen.

Eine Beinahe-Kernschmelze an den Weltfinanzmärkten später, dazu eine inzwischen gefühlte Ewigkeit mit Mini-Zinsen auf Bankguthaben, und das Bild hat sich gewandelt. Plötzlich interessieren sich Zehntausende dafür, vorzeitig in Rente zu gehen - und freiwillig Teile ihres Geldvermögens ausgerechnet an die Deutsche Rentenversicherung zu überweisen, um die fälligen Abschläge zu vermeiden. Dabei geht es um ansehnliche Beträge bis in den mittleren fünfstelligen Bereich. Wenn das kein Zeichen ist, es wirkt sogar wie ein Misstrauensvotum gegen Banken, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften - auch dort könnten die Menschen ihr Geld deponieren. Doch offenbar genießt der Staat heute bei etlichen Bürgern mehr Vertrauen. Die Regierung half mit dem Flexirentengesetz ein bisschen nach. Seit 2016 können schon 50-Jährige damit beginnen, Extrageld bei der Rentenkasse einzuzahlen, um als 63-Jährige abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen.

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Doch selbst Anlageprofis geben zu, wenn auch ungern öffentlich: Der Gang zu den Beratern der DRV Bund lohnt auf jeden Fall. Zum einen, weil die Bankzinsen so unattraktiv und die Kapitalmärkte langfristig so unkalkulierbar sind. Zum anderen aber auch deshalb, weil es bei der staatlich organisierten Rentenkasse keine versteckten Gebühren oder Provisionen gibt, keine Fallstricke, die einem erst Jahre später oder nie auffallen. Hinzu kommt gewiss, dass man auch von künftigen Rentenerhöhungen profitiert; gerade erst wurde bekannt, dass die Altersbezüge zum 1. Juli in Westdeutschland um 3,18 und in Ostdeutschland um 3,91 Prozent steigen.

Wahr ist aber auch: Die meisten derjenigen, die in der gesetzlichen Rentenkasse versichert sind, können sich derart hohe Sonderzahlungen beim besten Willen nicht leisten. Für sie ist das ein Luxusproblem, vor dem sie nie stehen werden. Ihre Wirklichkeit ist eine andere. Sie fühlen sich besser aufgehoben bei SPD-Sozialminister Hubertus Heil. Der will die Grundrente deutlich aufbessern. Eine Friseurin, die 40 Jahre lang immer nur Mindestlohn verdient hat, soll nicht länger mit einer Bruttorente von 514 Euro monatlich abgefunden werden. Künftig, so das Versprechen, wird sie 961 Euro bekommen. Womit man keineswegs zu den Wohlhabenden in diesem Land zählt.

Solche Erwerbsbiografien nehmen zu, seitdem es für breite Bevölkerungsschichten viel schwieriger geworden ist, dauerhaft anständig bezahlte Arbeit zu finden. Für alle diese Menschen ist solide Alterssicherung nur noch eine Illusion. Was die Politik bisher als Alternative anbietet, die unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder eingeführte Riester-Rente, hilft kaum weiter - zu bürokratisch, zu kompliziert, zu unattraktiv.

Besonders einfallslos bei neuen Konzepten ist die Union

Und wer sich mit Banken, Versicherungen oder anderen Anlageberatern einlässt, stößt immer auf das gleiche Problem: die Informationsasymmetrie zwischen Unternehmen und Kunden. Versicherer, beispielsweise, haben viele Möglichkeiten, Verträge zu ihren Gunsten auszugestalten - bis hin zu ungünstigen Sterbetafeln. Doch auch Banken und Vermögensberater bereichern sich gern durch versteckte Gebühren und Provisionen. Zwar besteht längst die gesetzliche Pflicht, etwaige Fallstricke aufzudecken. Doch das Ergebnis sieht so oft aus: Den überforderten Kunden wird ein Stoß Papier mit einer Flut von Informationen überreicht - fertig zum Unterschreiben.

Was kann man daraus lernen? Die gesetzliche Rentenversicherung muss tragende Säule der Alterssicherung bleiben. Nach den Erfahrungen mit der Riester-Rente hat der Staat aber die Pflicht, neue Wege zu suchen, um Menschen am unteren Ende der Einkommensskala Vermögensbildung zu ermöglichen. Besonders einfallslos ist die Union, nicht einmal die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft, ihr sozialpolitischer Flügel, dringt mit vernünftigen Ideen noch durch.

Der Verweis auf üppige Ertragsmöglichkeiten an Kapitalmärkten reicht jedenfalls nicht. Wer Vermögen hat, der kann durch - ökonomisch gebotene - Risikostreuung seinen Wohlstand mehren, den trifft nicht, wenn er mit Wertpapieren mal verliert. Wer wenig Geld hat, kann sich finanzielle Abenteuer aber nicht leisten.

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