Geldanlage Schluss mit der Aktien-Angst

Die fehlende Aktienkultur war über Jahrzehnte kein großes Problem. Die niedrigen Zinsen haben das geändert.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Wertpapiere sind die rentabelste Anlageform - und können vor Altersarmut schützen. Dass viele Deutsche dennoch vor ihnen zurückschrecken, ist auch Schuld der Politik.

Kommentar von Harald Freiberger

In Berlin ist gerade Sommerpause, man sollte die Politiker nicht unnötig im Urlaub stören. Aber sie könnten sich ein Thema vormerken, das dringend erledigt werden muss, wenn sie aus den Ferien zurück sind. Ein Thema, das noch wenige auf der Agenda haben, das aber immer größer und dringender zu werden droht. Es geht um die zu erwartende Altersarmut vieler Menschen.

In diesen Tagen wurde ein "Anlage-Atlas" veröffentlicht, der zeigt, wie die Deutschen ihr Geld anlegen oder, in vielen Fällen passender gesagt: nicht anlegen. In weiten Teilen der Republik besitzen die Bundesbürger praktisch keine Aktien oder Investmentfonds. Falls sie überhaupt Ersparnisse haben, sind diese anderweitig investiert: auf dem Sparbuch, in Fest- oder Tagesgeld, in Lebensversicherungen. Das gilt für die gesamten neuen Bundesländer, aber auch für den äußersten Westen mit dem Ruhrgebiet, der Pfalz und dem Saarland. In den reichen Bundesländern dagegen, in Niedersachsen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg, besitzt in vielen Landkreisen und Städten jeder Zweite Aktien oder Fonds.

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Die fehlende Aktienkultur war über Jahrzehnte kein großes Problem, weil es stets passable Zinsen von durchschnittlich drei bis vier Prozent gab. Doch damit dürfte es auf lange Zeit vorbei sein, weil die Europäische Zentralbank wegen der hohen Verschuldung einzelner Staaten in ihrer Politik der niedrigen Zinsen gefangen ist. Das bedeutet: Lebensversicherungen und Tagesgeld werden oft nicht mehr ausreichen, um für das Alter vorzusorgen.

Eine bessere Aktienkultur kann nicht das Grundproblem beseitigen. Wo es keinen Wohlstand gibt, ist auch kein Geld vorhanden, um es gewinnbringend anzulegen. Eine bessere Aktienkultur kann nicht auf die Schnelle aus einer abgehängten Region eine prosperierende machen und aus Normalverdienern Wohlhabende. Aber sie kann ein zentrales Problem abmildern. Die Politik versäumt es seit 20 Jahren, etwas für die Aktienkultur zu tun. Das liegt daran, dass in den großen Parteien falsche Vorstellungen über die Natur der Aktie herrschen. Selbst Spitzenpolitiker halten sie für ein Instrument, das sich nur für Zocker eignet, nicht aber für Menschen, die fürs Alter vorsorgen wollen.

Ein Grund dafür ist, dass der Bund mit der Privatisierung der Telekom in den 1990er-Jahren und dem anschließenden Einbruch der T-Aktie ein gebranntes Kind ist. Als nach der Jahrtausendwende der Neue Markt platzte, die Spezialbörse für schnell wachsende Unternehmen, haben viele Bundesbürger, deren Interesse für Aktien gerade erwacht war, Geld verloren. Viele stehen offenbar heute noch unter diesem Eindruck, und die Politik tut nichts dagegen.

Der Neue Markt aber war nur eine Episode, die den Blick auf das Ganze verstellt. Wenn man einige Grundsätze beachtet, gibt es keine rentablere Anlageklasse als Aktien. Wichtig ist, dass Anleger langfristig investieren, möglichst über Jahrzehnte, und dass sie dies auf breiter Basis tun, also nicht in einzelne Firmen, Branchen oder Länder, sondern am besten weltweit, wie es seit einigen Jahren mit Indexfonds möglich ist, oft ab 25 Euro im Monat.

In Deutschland regieren Politiker, die Aktien für Teufelszeug halten

Denn Aktien sind das Beste, was es im Anlagebereich gibt, in der Breite spiegeln sie die gesamte Weltwirtschaft und die Stärke der Unternehmen, die sie tragen. Es ist schwer zu erklären, dass in einem Land, das so stolz auf seine Unternehmen ist, eine solche Skepsis besteht, sich an ihnen zu beteiligen.

Deutschland könnte von Ländern mit einer besseren Aktienkultur lernen. In den USA sind in erster Linie Pensionsfonds für die Altersvorsorge zuständig, sie investieren viel in Aktien und erwirtschaften über Jahrzehnte überdurchschnittliche Renditen. Arbeitnehmer zahlen früh, automatisch und kontinuierlich in diese Fonds ein. In Norwegen hat der Staat einen Vermögensbildungsfonds für die Bürger aufgelegt, der ähnlich funktioniert.

In Deutschland aber regieren weiter Politiker, die Aktien für Teufelszeug halten und lieber den Lobbyisten der niedrigen Zinsen Geschäft zuspielen: den Banken und Versicherungen. Das beste Beispiel dafür ist die Riester-Rente, die mit viel Aufwand eingeführt wurde, den Bürgern aber weniger bringt als erhofft. Besser wäre ein Bürgerfonds, der weitgehend in Aktien anlegt, mit niedrigen Kosten, in den auch Normalverdiener mit wenig Geld steuerlich gefördert regelmäßig einzahlen können - mit klaren Regeln, die es ihnen erleichtern, langfristig dabeizubleiben und schrittweise auszusteigen, wenn sie auf die Rente zusteuern. Vorschläge für einen solchen Bürgerfonds gibt es. Die Politik muss ihn nur wollen.

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