Urban Gardening Garteln mit Siri und Alexa - statt Schaufel und Schere

Der Besitzer dieses Balkons hat Blumen mitten in München gepflanzt - auch, um den Bienen Nahrung zu bieten.

(Foto: Corinna Guthknecht)
  • Immer mehr Menschen schaffen sich ihre Grünflächen in der Großstadt. Urban Gardening nennt man das.
  • Deutschland ist europaweit der wichtigste Gartenmarkt - und der Markt wächst weiter.
  • Um die Zielgruppe der jungen Großstädter zu bedienen, entwickelt Gardena jetzt Programme, mit denen Gießen und Mähen automatisiert werden.
Von Stefan Mayr, Ulm

Pär Åström ist ein Naturmensch: Im Winter fährt er Alpin-Ski und betreibt Langlauf, den Rest des Jahres geht er wandern. Oder er pflegt - natürlich - seinen Garten. In seiner Heimat Schweden hatte er sogar eine kleine Farm, jetzt in Ulm ist es nur ein Gärtlein plus Vorgarten. Vor und hinter dem Haus kurvt jeweils ein Mähroboter umher. "Ich habe hier zwar einen kleineren Garten als in Schweden, aber ich vermisse das Selbstmähen nicht", sagt der Geschäftsführer des Gartengeräteherstellers Gardena und lacht.

Der 46-Jährige mit der dunkelblonden Stoppelfrisur ist gut gelaunt, kein Wunder, die Geschäfte laufen bestens. Dabei profitiert das Ulmer Unternehmen gleich von zwei Trends: Erstens werden die Sommer immer heißer und trockener. Zweitens genießen es immer mehr junge Stadtbewohner, auf Balkonen, Terrassen oder gar auf öffentlichen Grünstreifen zu buddeln und Pflanzen heranzuziehen.

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Åström und seine 1850 Mitarbeiter haben dieses Phänomen aufgegriffen. Deshalb ist Gardena mehr als nur ein Hersteller von Heckenscheren, Harken und Gartenschläuchen. Längst sind auch Computer, Sensoren und Handy-Apps im Angebot. Garteln mit Siri und Alexa - statt mit Gießkanne und Rasenmäher. Dazu muss man nicht mal ins Freie gehen. Ein Sprachbefehl an die digitale Haus-Assistentin genügt, schon legt der Rasensprenger los.

"Die Zwanzigjährigen haben heute mehr Lust auf Gardening als vor 20 Jahren", sagt Pär Åström. Die Bewegung hat bereits die Schrebergarten-Anlagen erreicht. Was einst als Hort des spießigen Rentner-Daseins galt, wird nun von jungen Familien überrannt. "In den deutschen Kleingartenvereinen findet ein rasanter Generationenwechsel statt", schreibt der Industrieverband Garten (IVG). Bundesweit gibt es etwa eine Million Schrebergärten, davon werden laut IVG etwa 45 Prozent an "junge Menschen und Familien mit Kindern" verpachtet. Die Nachfrage wachse stetig, "in Ballungsgebieten führen 60 Prozent aller Vereine eine Warteliste". Inzwischen ist der Hype auch in den deutschen Wortschatz eingesickert. Früher sagte man Gärtnern oder in Bayern Garteln. Neudeutsch heißt es jetzt: Gardening. Gerne versehen mit weiteren englischen Attributen; urban, smart oder easy Gardening.

Viele Jüngere ziehen vom Land in die Stadt - und schaffen sich dort grüne Oasen

Sogar im Duden ist das Phänomen schon angekommen: Schlag nach unter U wie "Ur­ban Gar­de­ning, das". Das Nomen wird definiert als "ertragsorientierte gärtnerische Erschließung und Nutzung von innerstädtischen Flächen (als alternative Wirtschaftsform)". Dieses Stadtgarteln ist eine Folge der zunehmenden "Urbanisierung". Überall auf der Welt ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Und immer mehr schaffen sich dort ihre grünen Oasen. "Der grüne Markt floriert, und unsere Branche profitiert derzeit vom guten Image der Gartenarbeit", sagt Verbandschef Christoph Büscher vom IVG. 2018 wuchs der Gesamtumsatz im deutschen Gartenmarkt um etwa 130 Millionen Euro auf 18,5 Milliarden - neuer Rekord. Deutschland ist damit europaweit der wichtigste Markt vor Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien. Als Grund für den Anstieg nennt Büscher den "Wunsch nach Ruhe und Erholung" der gestressten Menschen. Und das wachsende Bestreben, "nachhaltige Nahrungsmittel selbst anbauen und ernten zu können".

Was früher selbstverständlich war, der Anbau von Obst und Gemüse im eigenen Garten, war zuletzt in den Städten angesichts omnipräsenter Supermärkte fast verschwunden. Aber nun ist es wieder in, sich die Finger schmutzig zu machen und bei der Party selbst gezogene Zucchini zu servieren. Den Rest macht das wachsende Gesundheitsbewusstsein: Bei der Tomate aus dem eigenen Beet weiß man wenigstens, dass kein Gift gespritzt wurde.