Fisch im Supermarkt Streit um die Glaubwürdigkeit des MSC-Siegels für Fisch

Umstrittener Fang von Thunfischen - hier in Spanien: Umweltschützer kritisieren, dass nicht alle Betriebe, die das Siegel bekommen, auch tatsächlich die hohen Naturschutz-Standards erfüllen.

(Foto: Christina Quicler/AFP)
  • Die Organisation MSC zertifiziert Fischgerichte, bei deren Fischfang das Ökosystem geschont und internationale Mindeststandards eingehalten werden.
  • Mittlerweile sollen 60 Prozent des Fischs aus Wildfang auf dem deutschen Markt MSC-zertifiziert sein.
  • Die Industrie erzielt jährlich einen Milliarden-Umsatz mit den Siegel-Produkten- und ohne wird es schwierig, Angebote ins Regal zu bringen.
Von Janis Beenen

Die Silhouette eines kleinen Fischs soll bei Verbrauchern für ein reines Gewissen sorgen. Wenn die Zeichnung auf eine Verpackung gedruckt ist, bedeutet das: Dieses Fischgericht ist von der Organisation Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert.

Die Überfischung der Meere soll verhindert, das Ökosystem geschont und ein internationaler Mindeststandard eingehalten werden. Regelmäßige Prüfungen durch unabhängige Wissenschaftler sollen das gewährleisten. Um die Glaubwürdigkeit der Zertifizierung ist allerdings ein Streit ausgebrochen. Der Konflikt hat das Potenzial, das Vertrauen in Kooperationen von Industrie und Umweltschützern nachhaltig zu belasten.

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Der MSC geht auf eine gemeinsame Initiative der Naturfreunde des World Wildlife Fund (WWF) und des Konsumgüterkonzerns Unilever zurück.

Im Jahr 1997 wurde die Organisation gegründet. Solche Kooperationen gibt es häufig. Auch das FSC-Siegel für Holzprodukte und das RSPO-Label für Palmöl werden von Organisationen vergeben, an deren Entwicklung Herstellerfirmen und Umweltschützer beteiligt sind. Der WWF macht oft mit.

"Ohne MSC hätten die Verbraucher gar keinen Richtwert", sagt Heike Vesper, Verantwortliche für das Thema Meeresschutz beim WWF. Bei anderen Produkten ist die Lage ähnlich.

Die Siegel werden rasch zum beliebten Qualitätsmerkmal. Mittlerweile seien 60 Prozent des Fischs aus Wildfang auf dem deutschen Markt MSC-zertifiziert, erklärt Vesper: "Der MSC ist an einem kritischen Punkt. Denn jetzt gibt es wirtschaftliche Interessen, das Siegel zu bekommen." Die Industrie erzielt jährlich einen Milliarden-Umsatz mit MSC-Siegel-Produkten. Ohne Siegel wird es schwierig, Angebote ins Regal zu bringen.

Ohne das Siegel gäbe es allerdings für die Betriebe kaum Druck, sich zu bemühen

Naturschützer halten einen großen Teil der Zertifizierungen für richtig. Doch die umstrittenen Ausreißer sind aus ihrer Sicht mittlerweile zu zahlreich, um von unglücklichen Einzelfällen zu sprechen. 66 Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler forderten den MSC deshalb kürzlich in einem offenen Brief auf, bei den Vergabestandards nachzubessern.

Es geht um Fälle wie den einer mexikanischen Thunfischfischerei. Der WWF kritisiert den Beifang von Delfinen als zu groß. Die Prüfer könnten nicht nachweisen, dass die Fischerei keinen dauerhaft schädigenden Einfluss auf deren Population habe. Eine Sprecherin des MSC widerspricht und verweist auf die positive Entwicklung des mexikanischen Betriebs. Perfekte Fischereien zu identifizieren, sei nicht das einzige Ziel der Organisation.

Auch ernsthaftes Bemühen um Nachhaltigkeit werde belohnt, heißt es. Etliche Zertifizierungen sind an Aktionspläne gebunden. Die Mexikaner seien angehalten, den Beifang weiter zu senken und in die Forschung zu investieren. "Wir haben nun ein gewisses Maß an Kontrolle über die zukünftige Entwicklung dieser Fischerei - eine Kontrolle, die wir andernfalls nicht gehabt hätten", so die Sprecherin.

Den Verbraucher lässt das ratlos zurück - aber nicht nur ihn. Um im Einzelfall Klarheit zu bekommen, genügen nicht einmal grundsätzliche meeresbiologische Kenntnisse. Das Studium von Hunderten Seiten aus Gutachter-Berichten wäre notwendig. Und die Streitpunkte lassen sich fortsetzen. Mal geht es um die Fangmethoden, mal um die Frage, welche Art wie geschützt werden muss.

Nicht nur die wissenschaftlichen Standards des MSC sind umstritten. Auch für ihre Finanzierung muss sich die Organisation rechtfertigen. Fakt ist, dass 73 Prozent der Einnahmen aus Lizenzgebühren stammen. Das Geld kommt von Händlern und Produzenten für die Nutzung des MSC-Logos. Die Aktivisten von Greenpeace sehen darin einen Interessenskonflikt mit der Industrie. Dieser Interessenskonflikt bestehe nicht, schließlich könne man als gemeinnützige Organisation keinen Gewinn erzielen, erwidert der MSC. Egal ob beim Geld oder bei den Standards: Allzu oft offenbart sich, dass der realpolitische Ansatz des MSC mit dem Idealismus vieler Umweltschützer schwer zu vereinbaren ist.

"Kann ich Labeln wie MSC vertrauen?"

Kunden bringt das Hin und Her wenig. Genau wie das überschwängliche Lob, das es nun von einigen Industriekonzernen mit zertifizierten Produkten für den MSC gibt. Für die Konsumenten stellt sich die grundsätzliche Frage: "Kann ich Labeln wie MSC vertrauen?" "Vertrauen ja, aber nicht glauben, dass alles perfekt ist", sagt Vesper vom WWF. Sie und ihre Kollegen befinden sich in einem Dilemma. Ohne Siegel gebe es wenig Druck, sich um Ökologie und Nachhaltigkeit zu bemühen. Die Umweltschützer würden Einfluss auf die Industrie verlieren. Viele wünschen sich daher strengere Gesetze, um Konstruktionen wie den MSC überflüssig zu machen.

Doch ist das bei einem global gehandelten Produkt überhaupt möglich? Dass sich etliche Staaten auf gemeinsame Standards einigen, ist erfahrungsgemäß ein langwieriger und komplizierter Prozess. Zumal die Politik bei möglichen Beschränkungen neben der Ökologie zum Beispiel die Folgen für Tausende Beschäftigte bedenken muss. Schon die nationale Gesetzgebung kritisieren etliche Umweltverbände und auch Fischereiforscher als zu lasch. Die Lobby der Unternehmen nennen sie immer wieder als entscheidendes Hindernis für strengere Regeln. Hinzu kommt, dass flächendeckende Kontrollen der Betriebe enorm aufwendig sind.

Vesper glaubt, dass mehrere Label für ein Produkt - also unterschiedlich strenge Standards mit entsprechendem Preisgefüge - das Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsniveau heben können. Das käme einem Wettbewerb der Siegel gleich. Dagegen wehrt sich der Handel: Für die Kunden sei eine Vielzahl von Siegeln verwirrend, so das Argument.

So bleibt umweltbewussten Fischessern vorerst nur die Hoffnung, dass die MSC-Standards Schritt für Schritt verbessert werden. Anzeichen, dass die Kritik der Naturschützer etwas bewirken kann, gibt es. Ein Streitpunkt soll in diesem Frühjahr besprochen werden: die Unabhängigkeit der Prüfer. Zwar übernehmen bereits jetzt externe Gutachter die Zertifizierung entsprechend der MSC-Richtlinien. "Doch die Prüfer werden von den Fischereien bezahlt", sagt Vesper und fordert: "Der MSC sollte sie finanziell unabhängiger machen." Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen und weiteren Standardsetzern will der MSC diskutieren, wie die Zusammenarbeit mit den Zertifizierern optimiert werden kann. Es geht auch darum, mit allen Parteien im Gespräch zu bleiben.

Es ist ein schwieriger Balanceakt. Organisationen wie der MSC, die verschiedene Interessengruppen zusammenbringen, habe alle das gleiche Problem: Meist wird lange diskutiert und am Ende nur ein Minimal-Kompromiss erreicht. Fraglich, ob das Industrie, Naturschutz und Verbraucher dauerhaft zufrieden stimmt.

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