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Europäische Ratingagentur:Nessie taucht auf

Die Kritik an den US-Ratingagenturen in der alten Welt ist massiv und reicht bis zur Verschwörungstheorie. Politiker fordern eine europäische Ratingagentur - bisher ohne Folgen. Doch nun kommen die Initiatoren voran: In ein paar Wochen könnte es bereits losgehen.

Die Aufregung war groß, als die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's vor anderthalb Wochen die Kreditwürdigkeit Frankreichs nach unten korrigierte. Verschwörungstheorien kochten hoch: Wollen die USA systematisch den Euro kaputt machen? Um weniger abhängig vom Urteil amerikanischer Bonitätswächter zu sein, planen europäische Investoren und Konzerne, eine eigene Ratingagentur aufzubauen. Lange hörte man nichts mehr von diesem Vorhaben, aber nun geht es voran.

Bis Ende März wolle man die nötigen Verträge unterzeichnen, um im zweiten Quartal eine privatfinanzierte, nicht gewinnorientierte Stiftung für diese Agentur zu gründen, teilte die Unternehmensberatung Roland Berger am Sonntag mit und bestätigte damit Medienberichte. Die Münchner Beratungsgesellschaft hatte das Projekt angestoßen. Die Ratingagentur könne dann auch direkt loslegen.

Inzwischen hätten sich 30 institutionelle Investoren bereit erklärt, ein Stiftungskapital von 300 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, hieß es weiter. Es handle sich dabei vor allem um Banken, Versicherungen und Börsenbetreiber. Es gebe auch bereits viele Bewerbungen von Analysten, die bei der Agentur mitarbeiten wollten. Insgesamt plant man mit 300 Beschäftigten. Voll einsatzfähig soll die Agentur ein bis zwei Jahre nach der Gründung sein. Mit ersten Länder-Ratings könnte es aber schon Ende des Jahres losgehen, Banken-Ratings sollen Anfang 2013 folgen.

Die neue Ratingagentur soll auch transparenter arbeiten als die US-Konkurrenz und für den Fall von Fehlern selbst haften. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagte, er würde eine europäische Ratingagentur "grundsätzlich begrüßen". Es brauche aber viele Jahre, bis sie sich ein Renommee aufgebaut habe.

Derzeit gibt es in der westlichen Welt drei große Ratingagenturen, die amerikanisch dominiert sind: Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Die Kritik an den Bonitätswächtern wurde in den vergangenen Jahren immer lauter. Sie hätten in der Finanzkrise die Risiken nicht gesehen, die von strukturierten amerikanischen Immobilienkrediten ausgingen. In der europäischen Schuldenkrise wird ihnen vorgeworfen, als Brandbeschleuniger zu wirken, weil sie die Bonität der Länder immer weiter herabstufen.

Der Commerzbank-Chef Martin Blessing bezeichnete den Plan, eine europäische Agentur zu gründen, noch vorige Woche als das Ungeheuer von Loch Ness unter den Themen - also etwas, das immer wieder auftaucht, aber nie gesehen wurde und nie gesehen werden wird. Könnte sein, dass Blessing sich täuscht.