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Euro-Krise:Warum Deutschland eine historische Führungspflicht hat

Es ist nicht übertrieben, die Euro-Krise die schwierigste Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg zu nennen. Deutschland muss bei ihrer Bewältigung die Führung übernehmen - das Land steht moralisch, historisch und verfassungsrechtlich in der Pflicht. Doch Kanzlerin Merkel sollte aufpassen: Der Euro krankt nicht nur an den Schulden Südeuropas.

Die Euro-Krise erinnert an zwei europäische Flächenbrände, die je drei Jahrzehnte dauerten: an den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 und an die beiden Weltkriege zwischen 1914 und 1945. Beide Male stand Deutschland im Zentrum, beide Kriege verwüsteten Europa und die Welt. Auch die gegenwärtige Euro-Krise entscheidet sich in Deutschland, und für die Europäische Union ist sie existenzbedrohend. "Fällt der Euro, fällt Europa", hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt; die Herausforderung sei die schwierigste seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine Übertreibung ist das nicht.

Sie muss den Weg weisen - Bundeskanzlerin Merkel steht in der Euro-Krise in der Pflicht.

(Foto: AFP)

Der Westfälische Frieden 1648 brachte einen Vertrag, der die Unverletzlichkeit staatlicher Souveränität begründete; er bestimmte für vier Jahrhunderte die internationalen Beziehungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen bestimmend. Nun ist Europa mit der Euro-Krise konfrontiert - und da bekommen die Deutschen überraschenden Beistand vom polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski, der die Euro-Krise mit Kriegen vergleicht.

In seiner Berliner Rede am 28. November erinnerte Sikorski an ein Gespräch mit dem einstigen Vorsitzenden der kroatischen Staatsbank in Jugoslawien. Der Banker erzählte, wie das serbische Parlament zu Beginn der neunziger Jahre dafür stimmte, eigenmächtig große Mengen der gemeinsamen Währung Dinar zu drucken. Er sagte zu Sikorski: "Das war das Ende von Jugoslawien. Als die Dinar-Zone zusammenbrach, brach Jugoslawien zusammen." Das entsetzliche Schicksal Jugoslawiens, fügte er hinzu, erinnere daran, dass Geld, so sehr es ein technisches Instrument sein möge, doch auch Einheit oder Trennung symbolisiere.

Sikorski zitierte den deutschen Philosophen Jürgen Habermas: "Scheitert das europäische Projekt, bleibt die Frage, wie lange es dauern wird, bis der Status quo wieder erreicht sein wird. Erinnern wir uns an die deutsche Revolution von 1848: Ihr Scheitern kostete 100 Jahre, bis derselbe Grad an Demokratie wieder erreicht war." An Angela Merkel gerichtet, fügte Sikorski hinzu: "Ich fürchte die Macht der Deutschen weniger, als ich die deutsche Untätigkeit zu fürchten beginne. Sie sind für Europa unverzichtbar geworden. Sie dürfen nicht versäumen zu führen. Nicht zu dominieren - aber zu führen bei den Reformen."

Ob die EU langfristig ein Erfolgsmodell wird, hängt davon ab, wie sehr Europas Politiker zur politischen Einheit bereit sind. Deutschland muss hierbei vorangehen. In der Geschichte ist eher das Scheitern die Regel gewesen: Pierre Werners Versuch von 1970, eine Wirtschafts- und Währungsunion zu schaffen, scheiterte an mangelndem politischen Willen.