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Euro-Krise:Verzweifelte Rufe der Wirtschaft

Verzweifelt ruft die Wirtschaft nach einer sofortigen Schocktherapie, um den Teufelskreis zu unterbrechen. Bevor es zu spät ist. Einem Drittel der Unternehmen mangelt es heute an Liquidität, warnt der Industrieverband Confindustria. Weil es an Geld fehlt, müssen Firmen auch vielversprechende Vorhaben begraben.

Statt eines zaghaften Aufschwungs in der zweiten Jahreshälfte, befürchtet man eine Verschärfung der Rezession. Der Überlebenskampf wird von Monat zu Monat härter. Jede zweite kleine Firma bezahlt ihre Mitarbeiter heute in Raten, meldet das Forschungsinstitut CGIA aus Mestre. Drei von fünf Firmen nehmen heute in Italien einen Kredit auf, um ihre Steuern zu bezahlen, ermittelte der Verband Unimpresa. Die notleidenden Kredite der Unternehmen explodierten 2012 um 165 Prozent auf 95 Milliarden Euro.

Je länger der Abschwung anhält, desto mehr verschlechtert sich die Kreditqualität. Die hohen Zinsen hemmen auch das Wachstum. So zahlen kleine Unternehmer in Italien 14 Milliarden Euro mehr für Bankkredite als ihre deutschen Kollegen, errechnete der Handwerkerverband Confartigianato. "Killer-Spread" nennen italienische Zeitungen den Wettbewerbsnachteil.

Lähmung im Alltag

Im Alltag der Italiener schlägt sich die Lähmung deutlich nieder. Sie geben drei Prozent weniger fürs Essen aus. Besuchen immer häufiger Volksküchen. Kaufen erstmals mehr Fahrräder als Autos. Sie verzichten öfter auf den traditionellen Familienausflug am Wochenende, wie die Mautunternehmen in ihren Geschäftsberichten beklagen.

Auch für den Weg zur Arbeit lassen viele das Auto stehen. Dem Fiskus werden 2013 vermutlich 2,6 Milliarden Euro aus der Spritsteuer fehlen. Einschalt-Rekorde an Sylvester zeigten, dass noch nie so viele Italiener den Jahreswechsel vor der Glotze verbracht haben.

Konsum ist eingebrochen

Der Konsumeinbruch ist die Hauptursache der Misere. "Die Industriekrise ist keineswegs auf den Rückgang der internationalen Nachfrage oder auf den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen, sondern auf den Niedergang des italienischen Konsums", meint der Mailänder Ökonom Marco Fortis. Wie ernst die Lage ist, zeigte jetzt das Eingreifen von Giorgio Napolitano.

Der Staatspräsident empfing am Mittwoch Industriellenchef Giorgio Squinzi zu einem Krisengipfel. Dabei plagt sich Napolitano gerade mit seiner sehr schwer zu erfüllenden Aufgabe ab, einen Weg zur Bildung einer neuen Regierung zu finden. Der Staatschef mahnte eindringlich, die Probleme der Unternehmen in den Mittelpunkt der Institutionen und der Regierung zu stellen.

Vor allem forderte er den Staat auf, den Firmen ausstehende Rechnungen zu begleichen. Insgesamt schuldet die öffentliche Hand den Privatunternehmen mehr als 100 Milliarden Euro. Im Schnitt überweist der Staat den Zulieferern und Auftragsnehmern ihr Geld nach 180 Tagen. Im Gesundheitswesen warten viele Firmen vier oder fünf Jahre auf die Bezahlung von den Regionen. Wenn sie solange überleben.