Dijsselbloem-Interview im Wortlaut "Fundamentaler Wechsel im Umgang mit den Banken"

Sprechen wir über die anderen Sorgenkinder: Irland soll im Dezember aus dem Kreditprogramm entlassen werden. Wird das Land einen finanziellen Krückstock bekommen?

Das ist möglich. In der Euro-Gruppe haben wir schon besprochen, dass wir Irland in der Übergangszeit finanziell helfen, dass das Land eine Art vorsorgende Versicherung bekommt. Wir werden die Details nach der Sommerpause beschließen.

Auch Portugals Hilfsprogramm endet im April 2014. Ist das Land schon stabil genug, um auf eigenen Füßen zu stehen?

Es ist zu früh, um sagen zu können, dass Portugal das Programm beenden kann. Nach den letzten Monaten und den politischen Turbulenzen und den daraus resultierenden Unruhen an den Finanzmärkten ist derzeit jeder ein bisschen mehr vorsichtig, das vorauszusagen. Irland hat derzeit eine stärkere Perspektive als Portugal, das Programm verlassen zu können.

Für Zypern hat die Euro-Gruppe erstmals beschlossen, dass Gläubiger und Sparer für Verluste der Banken haften müssen, Sie haben das später als Vorbild für weitere Fälle bezeichnet - und viel Kritik einstecken müssen.

Zypern war eine sehr harsche Operation, ein hartes Beispiel, wie private Gläubiger für Verluste haften müssen. Aber wenn wir Zypern nur Geld gegeben hätten, wäre deren Schuldenberg untragbar geworden. Die private Haftung war unvermeidlich und politisch auch gewollt.

Warum hat man Sie dann so kritisiert?

Einige Minister und Reporter waren der Meinung, Zypern als Vorbild zu bezeichnen, das würde die Märkte verunsichern. Das war die größte Kritik, dieses ,Oh mein Gott, was wird jetzt passieren'? Aber in Brüssel haben wir damals längst darüber geredet, dass künftig Eigentümer und Gläubiger statt Steuerzahler haften sollen, nur die Welt außerhalb hatte das noch nicht gehört. Zypern hat diese Leute in einen Schock versetzt. Aber letztendlich war es ein guter Weg. Wir haben einen fundamentalen Wechsel im Umgang mit den Banken eingeleitet.

Deutschland und Frankreich wollen einen permanenten Vorsitzenden. Sie erledigen den Job bisher in Teilzeit. Wäre eine volle Stelle in Brüssel wünschenswert?

Ich bin da ganz entspannt. Man hat mich gefragt, ob ich den Vorsitz der Euro-Gruppe übernehmen will, so wie er ist, das hat mich gefreut und geehrt. Wenn man das ändern will, stehe ich dem nicht im Weg.

Unterstützt Den Haag den deutsch-französischen Vorschlag?

Als Finanzminister kann ich sagen, dass wir genaue Vorstellungen haben, wie der Job aussehen könnte. Wir wollen keinen ständigen Euro-Gruppen-Präsidenten. Einfach, weil wir keine neue Institution und nicht noch mehr Präsidenten brauchen.

Kürzlich wurde kritisiert, dass Sie als Euro-Gruppen-Chef regelmäßig dem niederländischen Parlament berichten. Erfahren die anderen 16 Parlamente nichts?

Ich bin als niederländischer Finanzminister vor und nach jedem Treffen der Euro-Gruppe ins Parlament gegangen, und ich mache das auch jetzt, wo ich zusätzlich Chef der Euro-Gruppe bin. Wenn ich das nicht mehr dürfte, würde ich zurücktreten. Und ich würde jeden in die Schranken weisen, der mir was anderes vorschreiben will. Ich jedenfalls würde niemals eine Meinung dazu äußern, was der Bundestag darf und was nicht.

Wie geht die Währungsgemeinschaft in die Sommerpause?

Ich komme aus dem Norden und wurde zu einer Zeit Präsident der Euro-Gruppe, als alle Probleme im Süden zu liegen schienen. Meine Analyse ist, dass die Lage sich in vielen Ländern ähnelt. Alle Länder müssen Strukturreformen durchführen, das betrifft die Arbeitsmärkte, die Banken, das Pensionsalter und die Kosten des Gesundheitssystems. Europa altert, wir wachsen nicht wie andere Regionen. Aber wenn wir unsere sozialen Standards aufrechterhalten wollen, wenn wir die Werte Europas bewahren wollen, müssen wir Geld verdienen und wettbewerbsfähiger werden. Deshalb müssen wir überall die Strukturen prüfen, selbst in Deutschland.

Das Interview mit Dijsselbloem erfolgte gemeinsam mit dem Guardian, dem Figaro, El País und Il Sole 24 Ore.