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ETF-Anbieter:Kampf der Giganten

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Die Zentrale von Blackrock in New York. Die Tochter iShares dominiert den Markt hierzulande – und weltweit.

(Foto: Mark Lennihan/AP)

Der Boom der börsengehandelten Fonds hat Vermögensverwalter von gewaltiger Größe hervorgebracht. Der Konkurrenzdruck ist enorm.

Von Jan Willmroth

Als Tim Buckley vor wenigen Monaten in Frankfurt die Bühne trat, sagte er einen Satz, an dem man seinen Erfolg einmal wird messen können. Börsengehandelte Fonds, sagte der Chef der Fondsgesellschaft Vanguard, "are just getting started" - sie legen gerade erst richtig los. Jetzt sei die Zeit gekommen, in der ETF allmählich vom weithin empfohlenen Produkt, das seit Jahren immer beliebter wird, zu einem Anlagevehikel für die Massen werden. Während sich die größten Anbieter Blackrock, Vanguard und State Street den weltweit größten Markt in den USA längst weitgehend aufgeteilt haben, geht der Kampf um Marktanteile in Europa gerade erst richtig los.

Ein Signal dafür war der Markteintritt von Vanguard in Deutschland im vergangenen Jahr. Gegründet im Mai 1975, hat die Firma als Erfinder der ETF-Idee eine lange Tradition des Abwartens. Schaltet kaum Werbung, zahlt keine Provisionen, erzeugt keinen Vertriebsdruck, um möglichst viele Fondsanteile unter die Leute zu bringen, lässt allein ihren Markennamen für sich sprechen. Vanguard entscheide sich immer erst dann, auf einem Markt aktiv zu werden, wenn die Firma ihn für reif genug halte, heißt es in der Branche. Hierzulande war es offenbar so weit, nachdem vor nunmehr 18 Jahren der erste ETF in Deutschland zugelassen wurde. "Wir können in Zeiträumen planen, an die viele Unternehmen nicht einmal denken würden", sagt James Norris, der bei Vanguard das internationale Geschäft leitet. "Deren Aktionäre haben einfach nicht die Geduld. Wir brauchen nicht den Erfolg über Nacht."

Ohne die Finanzkrise hätte es den starken Anstieg der ETF nicht gegeben

Zehn Jahre sind nun vergangen, seitdem das weltweite Banken- und Finanzsystem am Rande des Desasters stand, Banken untergingen, Milliarden an Börsenwert sich in Luft auflösten und die Große Rezession dies- und jenseits des Atlantiks Millionen Häuser wertlos machte und Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit schickte. Ohne dieses Ereignis hätte es den so starken Aufstieg der ETF als kostengünstige, effiziente Form der Geldanlage kaum gegeben. In Gesprächen mit Branchenvertretern dauert es nie lange, bis jemand das Jahr 2009 erwähnt, das den Wendepunkt für die Branche bedeutete. 700 Milliarden Dollar waren damals in den Produkten investiert, von denen es nur einen Bruchteil der heutigen Auswahl gab. Heute sind es mehr als 5,1 Billionen Dollar, etwa 14 Prozent des globalen Anlagevermögens in Investmentfonds. Vanguard, Blackrock und andere Fondshäuser wurden erst mit dem Wachstum dieses Marktes zu jenen Giganten, als die man sie heute kennt.

Und das Wachstum ist ungebrochen, selbst wenn 2018 wohl kein Rekordjahr wird. Noch ist längst nicht ausgemacht, wer den europäischen Markt am Ende beherrscht. Immer wieder entscheiden sich traditionelle Vermögensverwalter zur Auflage eigener ETF, nachdem sie jahrelang abgewartet oder sich dem Trend verschlossen hatten. Vom kommenden Jahr an wird auch die Vermögensverwaltungs-Tochter von Goldman Sachs als neuer Konkurrent mit dabei sein, nachdem mit JP Morgan, Fidelity International und Franklin Templeton in jüngerer Zeit bereits Fondshäuser auf den europäischen Markt drängten, die seit Jahrzehnten für aktives Fondsmanagement stehen. "Die Konkurrenz war schon immer riesig, seitdem der Markt nach der Finanzkrise so richtig groß wurde", sagt Eric Wiegand, Leiter der ETF-Strategie bei der DWS-Tochter X-Trackers, die sich sowohl europaweit als auch in Deutschland mit Marktanteilen von elf beziehungsweise 25 Prozent als zweitgrößter Anbieter hinter Blackrock etabliert hat. Nennenswerte Marktanteile haben außerdem die Société Générale-Tochter Lyxor, die Schweizer Bank UBS und der französische Vermögensverwalter Amundi. Trotz dieses Konkurrenzdrucks gebe es immer wieder neue Anbieter, große wie kleine, die neu auf den Markt kämen, sagt er, "wobei Deutschland der wettbewerbsintensivste Markt in Europa ist."

Der harte Wettbewerb hinterlässt zunehmend Spuren in den Bilanzen der Fondshäuser: Er führt zu einem erbitterten Preiskampf, bei dem ein Basispunkt - ein Hundertstel Prozentpunkt - schon einen großen Unterschied macht. Denn wenn Pensionskassen große Summen bei ETF-Anbietern anlegen, ist mitunter ausschlaggebend, ob ein vergleichbares Produkt bei einem Konkurrenten anstatt 0,10 vielleicht 0,09 Prozent jährliche Gebühren kostet.

Solche Modelle zahlen sich im Massengeschäft nur über die Menge an Geld aus, die ein Anbieter verwaltet. Deshalb haben die US-Gesellschaften einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil: "Die amerikanischen Fondshäuser können hier nur so stark sein, weil sie sich im Heimatmarkt längst durchgesetzt haben", sagt Wiegand. 87 Prozent des Weltmarkts für börsengehandelte Indexprodukte entfallen nach aktuellen Daten der Deutschen Bank auf die Vereinigten Staaten, gefolgt von der Region Asien-Pazifik mit zehn Prozent. Erst dann folgt der europäische Markt ein mit inzwischen 710,5 Milliarden Euro an verwaltetem Vermögen und den übrigen drei Prozent Marktanteil. Um diese Summe konkurrieren mittlerweile etwa 50 Anbieter.

Vanguard ist dabei im Vorteil, allein, weil die Firma seit jeher ihren Ruf pflegt, stets der günstigste Anbieter zu sein. Das stimmt zwar nicht ganz, kommt ihr aber zupass. Vanguard ist genossenschaftlich organisiert und gehört ihren Fondsanlegern, die meisten davon Privatanleger. Zur Unternehmensphilosophie gehört es, Gewinne immer über niedrigere Gebühren an die Anleger zurückzugeben. "Wenn wir wachsen und Kostendisziplin bewahren, können wir in unser Geschäft investieren, oder es den Anlegern zurückgeben über niedrigere Gebühren", sagt Norris. Und Vanguard wächst beachtlich: Seit Jahresbeginn steht allein in Europa ein Plus von 20 Prozent an verwaltetem Vermögen.

"Europa hat auf der Anbieterseite mehr Vielfalt verdient"

Bei X-Trackers hat Eric Wiegand schon etliche Kostensenkungen vorangetrieben, um konkurrenzfähig zu bleiben. "Es ist keine nachhaltige Strategie, sich Wachstum durch niedrige Gebühren zu erkaufen", sagt er. Jeder Preissenkung geht also Wachstum voraus. Einige Anbieter, die entweder neu auf den Markt kommen oder nicht groß genug sind, steigen deshalb eher auf spezialisierte Angebote um. Das können Smart-Beta-Fonds sein, bei denen Algorithmen die Anlagestrategie mitbestimmen, oder exotische Marktsegmente. Für beides lassen sich höhere Gebühren berechnen als für große Fonds, die anerkannte Indizes wie den S&P 500 abbilden.

Zeit zum Ausruhen wird in diesem Machtkampf so schnell niemand haben. Zumal die Europäer ihren Markt nicht kampflos den US-Riesen überlassen wollen. Wiegand appelliert daher auch an die europäischen Kunden: "Europa hat auf der Anbieterseite mehr Vielfalt verdient", sagt er. Er finde es wichtig, dass es mindestens einen oder zwei starke europäische Anbieter gibt, die das Thema Corporate Governance anders angehen als ihre Konkurrenten aus Übersee: "Für den Kapitalmarkt in Europa ist es nicht gesund, wenn immer mehr die amerikanischen Vorstellungen von guter Unternehmensführung vorherrschen."

© SZ vom 08.11.2018
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