Erntebilanz:Der Klimawandel kommt bei den deutschen Landwirten an

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Erntebilanz: Schlechte Ernten in Mitteldeutschland: Die lang anhaltende Trockenheit hat die Böden ausgedorrt und teilweise zu Feldbränden geführt.

Schlechte Ernten in Mitteldeutschland: Die lang anhaltende Trockenheit hat die Böden ausgedorrt und teilweise zu Feldbränden geführt.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Hier zu trocken, dort nass, dazu stark steigende Preise: Der Bauernverband präsentiert eine Erntebilanz mit Gewinnern und Verlierern.

Von Thomas Hummel

So wechselhaft wie in diesem Anbaujahr waren die Wirtschaftsdaten im Agrarsektor selten. Durch den russischen Krieg in der Ukraine stiegen Preise in zuvor kaum vorstellbare Höhen. Dazu fehlt in Teilen des Landes der Regen. Und so bot die Erntebilanz des Deutschen Bauernverbands (DBV) Gewinner und Verlierer.

"Es gibt Betriebe, die tiefrote Zahlen schreiben. Andere haben gut verdient", erklärte DBV-Präsident Joachim Rukwied am Dienstag. Die regionalen Unterschiede seien dabei stärker ausgeprägt als in den Vorjahren. "Die in vielen Regionen lang anhaltende Trockenheit zeigt erneut, dass die Landwirte die Auswirkungen des Klimawandels sehr direkt zu spüren bekommen", sagte er. In Sachsen-Anhalt etwa beklagen Unternehmen erhebliche Einbußen. Beim Körnermais und bei Zuckerrüben drohe ein Ernteausfall von 50 Prozent. Kollegen im Norden, Nordwesten oder am Alpenrand freuten sich hingegen über Niederschläge und gute Erträge.

Dazu schwanken Kosten für Düngemittel stark, im vergangenen Herbst kostete die Tonne noch 350 Euro, Anfang März 920. Dafür bekommen die Landwirte auch mehr für Weizen, Raps oder Milch. Doch auch hier variierten Preise erheblich. Der Erlös hängt vom Zeitpunkt ab, wann Verträge unterschrieben wurden. Die Bevölkerung müsse sich jedenfalls auf höhere Preise einstellen. Rukwied: "Wir Bauern brauchen stabile und in der Tendenz steigende Erlöse, um überhaupt weiter wirtschaften zu können."

Etwa 43 Millionen Tonnen haben die Betriebe von den Feldern geholt

Insgesamt bewertet der Verband die Getreideernte in Deutschland nach einer vorläufigen Schätzung als "unterdurchschnittlich". Etwa 43 Millionen Tonnen haben die Betriebe von den Feldern geholt. Das sind eine Million Tonnen mehr als im Vorjahr, liege aber sechs Prozent unter dem Durchschnitt aus den Jahren 2014 bis 2021. Wobei der DBV das Trockenjahr 2018 nicht in die Rechnung einbezieht.

So unklar die betriebswirtschaftliche Bilanz ausfiel, so klar äußerte sich der Verband zu politischen Fragen. Dass der Mindestlohn auf zwölf Euro steigt, hält Rukwied für einen schweren Wettbewerbsnachteil. "Wenn wir weiterhin heimisches Obst und Gemüse haben wollen, brauchen wir einen europäischen Mindestlohn auf gleichem Niveau", forderte er. Etwa bei Erdbeeren, wo viel Personal benötigt wird, wandere die Produktion sonst ins Ausland ab.

Regelrecht auf die Barrikaden geht der DBV wegen des Entwurfs der EU-Kommission für eine Verordnung zur "nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln". Darin wird vorgeschlagen, den Einsatz von Pestiziden in allen Mitgliedstaaten bis 2030 zu halbieren. Plus Verbot in schutzbedürftigen Gebieten. Diese Ziele stehen in der EU-Strategie "Farm to Fork" - "Vom Feld auf die Gabel", die Rukwied für richtig halte. Umsetzen möchte er diesen Aspekt aber offenbar nicht.

Denn damit, so der Verbandspräsident, würden Ernteerträge erheblich zurückgehen, man könnte die Versorgungssicherheit nicht mehr sicherstellen und müsste mehr Lebensmittel importieren. Das würde die politische Stabilität und das geeinte Europa gefährden und Zigtausende bäuerliche Existenzen vernichten. Aus den "europäischen Glaspalästen" kämen hier nur "unsinnige Vorschläge".

Die fünf Abgeordneten der CDU und CSU im Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments stellten sich zuletzt auf die Seite des Bauernverbands und sprachen von einem "Generalangriff auf die ländlichen Räume in Europa". Umweltverbände indes lobten die Vorschläge der EU-Kommission. Und auch die Nationale Wasserstrategie, die gerade die Ressortabstimmung der Bundesregierung durchläuft, stellt fest, dass der Eintrag von Pestiziden ein Problem für Flüsse und Seen sowie das Grundwasser darstellt. In mehr als 80 Prozent der kleinen Gewässer würden demnach die Grenzwerte überschritten.

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