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Erneuerbare Energien:Rettung für den Windkraft-Pionier

Electricity Prices To Rise Due To Renewable Energy Investments

Windpark mit Enercon-Turbinen in Grapzow/Mecklenburg-Vorpommern.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Der angeschlagene deutsche Marktführer Enercon will sich mit dem Energieversorger EWE zusammentun. Die beiden Unternehmen möchten für mehr Ökostrom sorgen.

Es ist schon ein Kreuz mit der Windenergie in Deutschland und insbesondere mit Enercon, einem der europaweit führenden Unternehmen in dieser Branche. Die Welt braucht mehr denn je umweltfreundlich produzierten Strom, um den schlimmsten Folgen des Klimawandels zu entgehen. Doch was geschieht hierzulande? Rund um die Windkraft herrscht Flaute, seit vielen Monaten. Und der Windkraft-Pionier Enercon aus Ostfriesland, ein Unternehmen von nationaler und internationaler Bedeutung, ist seit langem in der Krise. Auch wegen vieler hausgemachter Fehler. Doch jetzt steht ein Befreiungsschlag an.

Der norddeutsche Energieversorger EWE, der sich still und leise zu einem ernsthaften Konkurrenten für die Stromkonzerne entwickelt hat, will sich nach eigenen Angaben mit Enercon zusammentun. Genauer gesagt, mit der Aloys Wobben Stiftung, dem Inhaber von Enercon. EWE und die Stiftung planen ein Gemeinschaftsunternehmen für Windparks. Von Wachstum und Visionen für eine klimafreundliche Energiezukunft ist bei allen Beteiligten die Rede. Was niemand offiziell sagt, was aber der einstweilen wichtigste Punkt für Enercon ist: Das Bündnis könnte die Rettung sein für den Windkraft-Pionier, der Anlagen plant, baut und betreibt und längst ein stattliches Portfolio beieinander hat.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil jedenfalls jubelt bereits, das sei ein "großer Gewinn für die Energiewende". Oder jubelt da einer zu früh, aus Lokalpatriotismus, nur weil zwei große Unternehmen aus dem eigenen Lande gemeinsame Wege gehen wollen?

Das neue Bündnis könnte einen Milliardenkredit für Enercon möglich machen

Enercon verhandelt mit diversen Banken über eine neue Finanzierung; es soll um eine Milliarde Euro gehen. Ohne diese Milliarde würde es düster aussehen. Das Unternehmen steckt mitten in einer harten Sanierung, die bis 2022 dauern und 3000 Arbeitsplätze kosten soll. Das Unternehmen will weniger abhängig vom deutschen Markt werden, sich stärker internationalisieren. Das Bündnis mit EWE könnte dazu führen, dass sich die Banken leichter tun mit dem Milliardenkredit. Die Wobben-Stiftung soll in das Gemeinschaftsunternehmen mehr Wind-Geschäfte einbringen als EWE und dafür einen finanziellen Ausgleich in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro erhalten. Das Geld wiederum könnte die Wobben-Stiftung dann in Enercon stecken. Und diese Aussicht wiederum dürfte es den Banken leichter möglich machen, den neuen Kreditvertrag mit dem Windkraft-Pionier abzuschließen.

Ein Enercon-Sprecher sagt jedenfalls, man sei sehr zuversichtlich, sich mit den Banken bald über eine "längerfristige Finanzierung" einigen zu können. Details nennt Enercon nicht, ebenso wenig wie die Wobben-Stiftung. Die ist benannt nach Alois Wobben, dem Gründer und Patriarchen von Enercon. Wobben hat als junger Maschinenbauer und typischer Garagen-Tüftler bereits vor mehr als drei Jahrzehnten selbst Windräder zusammen geschraubt, als Ökostrom in Politik und Wirtschaft meist noch belächelt wurde. Mit immer neuen Erfindungen trieb Wobben den Ausbau der Windkraft voran, wurde mit Preisen überhäuft und bekam sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Enercon wurde immer größer und baute immer mehr Windparks auf dem Lande.

Die Marktanteile bei Windanlagen dieser Art betragen nach Angaben des Unternehmens derzeit mehr als 50 Prozent in Deutschland, 23 Prozent in Europa und sechs Prozent weltweit. Das kann sich sehen lassen. Doch es kam zu einer verhängnisvollen Mischung aus eigenen Fehlern und neuen politischen Weichenstellungen. Wie bei anderen Pionieren auch, wurde Enercon lange noch wie ein Familienbetrieb und nicht wie ein Großunternehmen geführt. Das passte nicht mehr, Entwicklungen wurden verschlafen. Hinzu kamen wachsende Hindernisse für den Bau neuer Anlagen sowie neue Ausschreibungsmodelle für Windparks, die für mehr und vor allem auch billigere Konkurrenz sorgten.

Harte Verhandlungen sind noch zu erwarten, bis das Gemeinschaftsunternehmen steht

Um die wenigen Anlagen, die hierzulande noch errichtet werden dürfen, konkurrieren immer mehr Firmen. Beides zusammen, die eigenen Fehler und der veränderte Markt, brachten Enercon in Schieflage. Ein weitgehend neues, im vergangenen Jahr eingesetztes Management und das Bündnis mit EWE sollen den ostfriesischen Windkraft-Pionier nun retten. Alois Wobben und seine Familie spielen dabei keine Rolle mehr. Der Windkraft-Pionier hat sich, gesundheitlich angeschlagen, bereits 2012 zurückgezogen und sein Vermögen der Stiftung übertragen, der Enercon gehört. Und ein Neffe von ihm ist im vergangenen Jahr aus der Geschäftsführung ausgeschieden. Im Herbst gab es dann ein Krisentreffen bei Niedersachsens Regierung, die sich um Enercon sorgt.

Ebenso wie die IG Metall, die befürchtet, dass der "Kahlschlag" bei dem Windkraft-Pionier weitergehe. Zuletzt hatte Enercon reihenweise Produktionen stillgelegt, erst für Rotorblätter, vorige Woche eine für Windrad-Türme. Betroffen waren häufig Lohnfertiger, die für Enercon arbeiteten, ohne direkt zum Unternehmen zu gehören. Die Beschäftigten dort standen mitunter über Nacht vor dem Nichts. Das Bündnis mit EWE könnte wenigstens noch vorhandene Arbeitsplätze retten.

Wenn es denn klappt. Harte Verhandlungen sind zu erwarten, und EWE hat zweifelsohne die bessere Ausgangsposition. Der im Gegensatz zu Enercon recht profitable Energieversorger beliefert im Nordwesten Deutschlands und in Brandenburg etwa zwei Millionen Kunden mit Strom, Gas und Telekommunikation, der Jahresumsatz beträgt 5,7 Milliarden Euro. Die in Oldenburg ansässige EWE gehört überwiegend 21 Städten und Landkreisen im Nordwesten der Republik. Vorstandschef Stefan Dohler bezeichnet das geplante Bündnis mit Enercon als "naheliegenden und sinnvollen Schritt". Bis dahin ist es aber noch ein längerer Weg.

© SZ vom 27.04.2020

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