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Banken:Dispozinsen steigen selbst in der Corona-Krise

Sonnenuntergang in Frankfurt

Blick auf das Frankfurter Finanzzentrum: Banken beklagen sich über die schwierige Lage - zu Unrecht, finden manche.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Banken verlangen von Kunden fast zehn Prozent Zinsen, wenn deren Konto ins Minus rutscht, zeigt eine neue Studie von Verbraucherschützern. Darunter leiden vor allem Geringverdiener.

Von Harald Freiberger, München

Es ist erst eine Woche her, dass die Bundesbank mit einem Irrglauben aufräumte: Trotz aller Klagen der deutschen Banken über die Negativzinsen, die die EZB von ihnen verlangt, steht der Sektor gut da, zeigte die Zentralbank in ihrem Monatsbericht. Die Ertragslage habe sich nicht verschlechtert im Vergleich zu Zeiten mit positiven Zinsen. Die Banken hätten die Negativzinsen "durch positive Ertragseffekte kompensiert".

Eine neue Studie von Verbraucherschützern zeigt nun einen solchen positiven Effekt auf - der sich für Bankkunden allerdings negativ auswirkt: Obwohl der Leitzins der EZB seit Jahren bei Null ist, halten die Kreditinstitute die Zinsen für ihre Dispokredite hoch. Manche Geldhäuser haben sie sogar in der Corona-Krise erhöht, zeigt eine Auswertung von 1240 Banken mit 3400 verschiedenen Kontomodellen; die Studie erstellte das Verbraucherportal FMH für die "Bürgerbewegung Finanzwende". Demnach verlangen die Banken (Stand: Anfang Oktober) von ihren Kunden im Durchschnitt fast zehn Prozent dafür wenn sie den Dispo in Anspruch nehmen, exakt sind es 9,94 Prozent. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie vor Ausbruch der Corona-Krise.

Spitzenreiter ist die Volksbank Raiffeisenbank Oberbayern Südost

Die Studie zeigt, dass der Dispozins bei den meisten Geldhäusern zwischen neun und elf Prozent liegt. Es gibt aber auch Ausreißer nach oben. Allein 27 Kreditinstitute berechnen bei einzelnen oder mehreren Kontomodellen einen Dispozins von mehr als zwölf Prozent. Spitzenreiter ist die Volksbank Raiffeisenbank Oberbayern Südost, die bei zwei von vier Modellen 13,75 Prozent verlangt. Es folgen die Rosbacher Raiffeisenbank und die Union Bank mit 13,00 Prozent. Bei fast jedem zweiten der insgesamt 3400 Kontomodelle ist der Zinssatz zweistellig, mehr als jede zweite der 1240 Banken hat mindestens ein Konto mit zweistelligen Zinsen.

"Zweistellige Dispozinssätze sind gerade in der derzeitigen Lage absolut unangebracht", sagt Julian Merzbacher, Verbraucherschutzexperte bei "Finanzwende". Die Banken und Sparkassen müssten die Praxis überhöhter Dispozinsen in der Corona-Krise einstellen. Erschreckend sei, dass einige Institute in den letzten Monaten die Dispozinsen sogar noch erhöht hätten. Vor einem halben Jahr werteten die Verbraucherschützer die Zinssätze schon einmal aus. Seitdem hoben einige Kreditinstitute die Dispozinsen an, teilweise vermutlich auch durch automatische Anpassungen.

Nach Ausbruch der Corona-Krise im März gab es einige Geldhäuser, die den Dispozins deutlich senkten, meist von rund zehn auf etwa fünf Prozent. Beispiele waren die Frankfurter Sparkasse, die VR-Bank Coburg oder die Sparkasse Münsterland-Ost. Sie reagierten damit auch auf einen Aufruf von "Finanzwende", die Banken sollten mithelfen, soziale Härten zu vermeiden. Denn häufig sind es gerade Geringverdiener, die den Disporahmen in Anspruch nehmen. Im Juli oder August haben diese Institute den Dispozins jedoch wieder auf die alte Höhe angehoben - so als wäre die Corona-Krise schon vorüber.

Dabei fangen die Probleme für viele Bundesbürger mit dem teilweisen Lockdown jetzt wieder an. "Unverschuldet brechen Menschen wegen Corona Aufträge oder der Arbeitsplatz weg", sagt Verbraucherschützer Merzbacher. "Der Zinshammer kommt bei vielen klammen Personen dann oben drauf und trägt zu einem unnötig hohen Schuldenberg bei." Alle Banken und Sparkassen müssten beim Thema Dispozinsen endlich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden.

Die Zinsen auf Guthaben sind auf breiter Front gesunken, beim Dispo hat sich dagegen kaum etwas bewegt

Es gibt aber auch Kreditinstitute, die den Dispozins niedrig halten. Die GLS Bank und die Skatbank verlangen für das Überziehen des Kontos gar nichts. Generell langen Direktbanken nicht so stark zu; bei ihnen liegt der Zinssatz meist zwischen fünf und acht Prozent. Institute mit Filialnetz dagegen nehmen häufig zehn Prozent und mehr. Dabei ist es egal, ob es sich um Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken oder private Geschäftsbanken handelt.

Bei Zinsen, die Bankkunden zahlen müssen, hat sich der Studie zufolge seit Beginn der Corona-Krise kaum etwas bewegt. Anders sieht es bei den Zinsen aus, die Bankkunden bekommen: Sie sind auf breiter Front gesunken. Inzwischen verlangen 214 von fast 1300 untersuchten Geldhäusern von Privatkunden Negativzinsen, ermittelte das Verbraucherportal biallo.de. Allein in diesem Jahr führten rund 150 Banken einen Negativzins von meist minus 0,5 Prozent für Guthaben auf dem Girokonto oder bei Tagesgeld ein.

Die Banken geben damit den Negativzins weiter, den die Europäische Zentralbank von ihnen für kurzfristig geparktes Geld verlangt. Der Strafzins wird oft schon nach relativ geringen Freibeträgen von 5000, 10 000 oder 50 000 Euro fällig. "Oft hört man lautes Jammern von Bankvorständen, aber wenn man sich die Fakten anschaut, haben vor allem Bankkunden Grund zu klagen", sagt Verbraucherschützer Merzbacher.

© SZ
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