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Geld:Angst vor dem digitalen Euro?

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Das digitale Bargeld könnte auf dem Handy gespeichert werden, sichtbar auf dem Bildschirm als Faksimile eines Scheins oder einer Münze.

(Foto: Christian Ohde via www.imago-images.de/imago images/Christian Ohde)

Die Einführung des neuen Bargelds durch die EZB rückt näher. Ob die Bürger dazu Vertrauen fassen, hängt davon ab, wie sehr die Privatsphäre geschützt bleibt.

Kommentar von Markus Zydra

Die Bedeutung des Wortes "bar" als "vor den Augen nachzählend" wie es in Wahrigs Wörterbuch heißt, erhielt schon zu mittelhochdeutscher Sprachzeit den besonderen Spin hin zu dem, was man heute als Barzahlung bezeichnet. Viele Menschen mögen es, mit Geldscheinen ihre Rechnung zu begleichen. Sie nehmen gerne auch das Wechselgeld "vor den Augen nachzählend" in Empfang - physisch, in bar und auf die Hand. Das Bargeld verspricht manchen Bürgern ein Plus an Sicherheit. Sie bunkern zu Hause im Safe oder Schuhkarton eiserne Reserven für schlechte Zeiten. Warum auch nicht? Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, wie schnell im Ernstfall die Menschen vor der Bank Schlange stehen müssen, um an Bares zu kommen. Die Nutzung von Bargeld stärkt auch das Freiheitsgefühl, oder genauer, die persönliche Anonymität, weil man Dinge kaufen kann, ohne eine Zahlungsspur zu hinterlassen. Bargeld ist in der deutschen Öffentlichkeit ein sensibles Thema, denn es gibt nicht wenige, die sich vor einem Bargeldverbot fürchten.

Diese Vorrede mag veranschaulichen, wie groß die kommunikative Aufgabe für die Europäische Zentralbank in den nächsten Monaten sein wird. Die Währungshüter arbeiten an einer grundlegenden Erweiterung des Bargeldbegriffs: Zum klassischen Cash aus Metall und Baumwollpapier soll sich in der nahen Zukunft das "digitale Bargeld" gesellen. Der Begriff wirft sofort Fragen auf, denn die Menschen nutzen seit Jahrzehnten die Überweisungsträger ihrer Banken und setzen EC-Karte, Kreditkarte sowie Paypal ein, um Rechnungen zu begleichen. All das sind digitale Zahlungen - aber nicht mit digitalem Bargeld.

Der Unterschied wirkt auf den ersten Blick fast schon haarspalterisch, er ist aber von großer Bedeutung. In unserem Finanzsystem gibt es nämlich zwei Arten von Geld - für das eine stehen die Geschäftsbanken gerade, für das andere die Zentralbanken: Geschäftsbanken, Sparkassen und Volksbanken schaffen Geld aus dem Nichts, beispielsweise durch die Vergabe eines Kredits, der auf dem Konto des Kunden gutgeschrieben wird. Das Entscheidende ist: Geschäftsbanken können pleitegehen, Zentralbanken nicht. Zentralbankgeld, und das ist der Fachbegriff für das altbekannte Bargeld, ist sicherer als das sogenannte Giralgeld der Geschäftsbanken. Erst wenn Menschen ihr Geld in bar am Bankomaten abheben, verwandeln sie dieses unsichere Bankengeld in sicheres Zentralbankgeld.

Die Kernfrage lautet daher: Wird das digitale Bargeld genauso sicher, anonym und vertrauenswürdig ausschauen wie der gute alte Geldschein? Die Konsistenz des neuen Bargelds, die digitale Komponente, nährt den einen oder anderen Zweifel. In der digitalen Welt ist vieles programmierbar, die Einrichtung eines Wertablaufdatums für einen Geldbetrag wäre beispielsweise kein Problem. Dann wären Verbraucher praktisch gezwungen, ihr Bargeld umgehend auszugeben, damit es von einem hohen Strafzins nicht aufgezehrt wird. Auch die Zweckbindung eines "digitalen Bargeldscheins" ist technisch denkbar: Das Geld könnte je nach Programmierung beispielsweise nur für Mineralwasser, aber nicht für Alkohol ausgegeben werden. Die Zahlungen der Bürger mit digitalem Bargeld sind - anders als die mit Geldscheinen aus Papier - für die Behörden leicht zu verfolgen. Die Polizeibehörden profitieren, die Privatsphäre der Bürger würde leiden. Autoritäre Herrschaftssysteme könnten mit der Digitalisierung des Bargelds ihren Überwachungsstaat stärken. China liegt bei der Entwicklung des digitalen Yuan vorne.

In Schweden akzeptieren Restaurants keine Scheine

Die Notenbank beruhigt deshalb: Der programmierbare Euro sei kein Thema, die Abschaffung des klassischen Bargeldes auch nicht. Solange die Menschen Schein und Münze wollten, bleibe es im Sortiment. Doch wer sieht, wie schnell die Bargeldzahlung beispielsweise in Schweden zurückgegangen ist, wo Restaurants keine Geldscheine mehr annehmen, und wenn man sich vor Augen führt, dass auch in Deutschland während der Corona-Pandemie immer mehr Menschen online bestellt und deshalb seltener bar bezahlt haben, der erkennt, dass man diese Entwicklung kaum wird stoppen können.

Die Bedeutung des Begriffes Bargeld erfährt eine Erweiterung, dessen Haptik auch. Das digitale Bargeld könnte auf dem Handy gespeichert werden, sichtbar auf dem Bildschirm als Faksimile eines Scheins. Die junge Generation, die immer digitaler lebt, wird sich kaum an eine als gestrig empfundene Bargeldzahlung klammern. Wichtig ist, dass sie wachsam bleiben. Die Regeln für den digitalen Euro müssen sicherstellen, dass die Privatsphäre der Menschen so weit wie möglich geschützt bleibt.

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