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Digitale Währung in Ecuador:Schluss mit dem Gringo-Geld

Ecuador Scraps Trade Pact Over U.S. Threats In Snowden Case

Präsident Rafael Correa möchte in Ecuador Bitcoins als offizielle Währung einführen.

(Foto: Bloomberg)

Was macht ein Land, das keine eigene Währung mehr hat? Es bastelt sich ein digitales Zahlungsmittel. Mit einer Kunstwährung ähnlich dem Bitcoin will Präsident Correa eine unangenehme Fessel loswerden.

Um eigenwillige Ideen war Ecuadors Präsident nie verlegen. Kurz nach seinem Amtsantritt präsentierte Rafael Correa der Welt den Vorschlag, die Ölvorräte unter dem Nationalpark Yasuní unangetastet zu lassen - sofern die Welt einen Weg finde, das Land für die entgangenen Einnahmen zu entschädigen. Die Welt fand keinen Weg, und der Vorschlag scheiterte.

Als der Wikileaks-Gründer Julian Assange 2012 Asyl suchte, bot Correa ihm Unterschlupf in der ecuadorianischen Botschaft in London an, wo Assange bis heute lebt. Nun tritt Correa mit einer Idee an die Öffentlichkeit, die sowohl die Internetgemeinde, als auch die Finanzmärkte aufhorchen lässt: Das Parlament in Quito hat ein Gesetz erlassen, um eine ureigene ecuadorianische Variante der digitalen Währung Bitcoins als offizielles Zahlungsmittel einzuführen. Es fehlt die Unterschrift des Präsidenten, aber die sei zu erwarten, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Bitcoins gibt es in der digitalen Welt schon länger.

Es ist eine Art Kunstwährung, die hauptsächlich zur Bezahlung bei Online-Diensten verwendet wird. Voraussetzung ist, dass Sender und Empfänger sich einig sind, bei dem System mitzumachen. Bitcoins werden aber auch bei internationalen Geldtransfers eingesetzt, denn man kann mit ihnen teure und umständliche Banküberweisungen umgehen - das ist vor allem für Migranten interessant, die Geld nach Hause schicken. Das hat in der großen ecuadorianischen Migrationsgesellschaft beträchtlichen Wildwuchs entstehen lassen - verbunden mit ungeheuren Risiken, da im Bitcoin-Geschäft die Garantien fehlen. Diesen Urwald wollten Parlament und Präsident stutzen. Der inoffizielle Handel ist nun untersagt. Bitcoins wurden der Ägide der Zentralbank unterstellt.

Die Popularität des Digi-Gelds ist außerdem die Gelegenheit, den ersten Schritt zur Abschaffung eines Zustands zu tun, der Correa nie gefiel: die Währungslosigkeit. Seit 2000 gilt in Ecuador der Dollar, der Sucre wurde nach einer Hyperinflation abgeschafft, er ist nur als Buchwährung im Handel mit linksregierten Ländern der Heimsphäre existent - entfernt vergleichbar mit dem Ecu, dem Vorläufer des Euro.

Correa setzt nicht nur auf Ölreserven

Dass in Ecuador mit den Greenbacks des Gringo bezahlt wird, war für Correa stets eine Peinlichkeit allerersten Ranges - und eine Fessel. Der Staat braucht Devisen, die er zwar durch Rohstoffverkäufe hereinholt. Doch der Finanzbedarf ist enorm, und das hat mit Correas gesellschaftlicher Vision zu tun: Diese garantiert dem 50-jährigen Volkswirtschaftler seit 2006 stabile Wahlsiege, wie es sie zuvor in der Geschichte des Landes nie gab. Aber sie ist auch teuer. Correa will aus Ecuador eine Bildungs- und Wissensgesellschaft machen. Er will die miese Infrastruktur ausbauen, einen neuen Flughafen gibt es bereits, eine U-Bahn im verstopften Quito ist ebenso geplant wie neue Universitäten und sogar eine Wissensstadt. Digitale Ecuadorcoins könnten den angespannten Staatshaushalt entlasten, wenn man Beamte und Auftragnehmer damit bezahlt.

Die Ölreserven allein reichen nicht, um alle ehrgeizigen Ziele zu finanzieren. Außerdem bringen die Bohrungen Correa in Konflikt mit Umweltschützern, die ihm vorwerfen, genauso auf den Extraktivismus, die radikale Ausbeutung von Rohstoffen, zu setzen wie seine Vorgänger. Correa sagt hingegen: Nur wenn wir Rohstoffe exportieren, können wir die Einnahmen erzielen, die wir brauchen, um ein neues Wirtschaftsmodell zu schaffen und langfristig vom Extraktivismus loszukommen. Proteste wischt er weg, gegenüber Gegnern kann Correa ziemlich rabiat werden. Damit macht er sich Teile der Zivilgesellschaft zum Feind, deren Ideen er nach und nach in seine Vision inkorporiert hat: von Yasuní bis zu den Bitcoins.

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Texts konnte man missverständlich davon ausgehen, es handele sich bei der in Ecuador eingeführten digitalen Währung um Bitcoin. Tatsächlich ist es aber eine ecuadorianische Variante dieser Währung.

© SZ vom 12.08.2014/rus
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