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Deutsches Valley:Roboter aus Schwabing

Ein Münchner Start-up hat einen superschlauen, billigen Roboter entwickelt: Er kann Autos bauen, Kaffee kochen oder alten Menschen helfen.

Wenn man Simon Haddadin fragt, welchen Traum er mit seinen Robotern verfolge, erzählt er von seinem Großvater in Jordanien. Der war einmal einer der besten Schachspieler des Landes. "Mit ihm würde ich gerne jeden Sonntag eine Partie Schach spielen." Haddadin säße dann in München, sein Großvater in Jordanien: vor sich das Schachbrett; und auf der anderen Seite ein Roboter, der die Figuren bewegt, mit einem kugelrunden Bildschirm als Kopf, auf dem live das Gesicht des Enkels zu sehen ist.

Der Prototyp für den Roboter steht in der ehemaligen Luitpold-Kaserne in München-Schwabing, wo das Start-up Franka Emika zuhause ist. Der Roboter heißt Garmi, denn in Garmisch-Partenkirchen sollen 2018 die ersten Modelle eingesetzt werden, in einem Pilotprojekt wollen Franka Emika und die Leifheit-Stiftung ihre Fähigkeiten testen. Sie sollen älteren Menschen das Essen bringen, die Pantoffeln, ihnen die Post vorlesen, die Socken aufheben oder eben mit ihnen Schachspielen.

Im Kern besteht Garmi aus zwei Leichtbaurobotern, wie man sie auch in Fabriken einsetzen kann: Sie ähneln dem menschlichen Arm, lassen sich in alle Richtungen drehen, biegen, knicken und sind vollgestopft mit Sensoren, die Menschen und Gegenstände erkennen. Deshalb kommen Leichtbauroboter, anders als herkömmliche Industrieroboter, auch ohne Schutzzäune aus. Die Grundlagen für diese Technologie wurden Ende der 1980er Jahre am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Oberpfaffenhofen entwickelt, wenige Kilometer westlich von München, wo mit Gerhard Hirzinger einer der renommiertesten Roboter-Professoren der Welt tätig war. Ursprünglich ging es darum, mit den Roboterarmen Astronauten im All zu helfen. Später entwickelte ein Team um Haddadin und dessen Bruder Sami daraus einen Roboter für irdische Anwendungen, erst am DLR und seit einigen Jahren im eigenen Unternehmen. Dieser Roboter ist besser, schlauer, feinfühliger und billiger als alle vergleichbaren Geräte. Nur rund 11 000 Euro kostet er, ein Bruchteil dessen, was sonst üblich ist. Er kann ein Teil selbst dann richtig einpassen, wenn nicht alles millimetergenau am richtigen Platz liegt; normale Roboter würde das überfordern. Und man braucht, um ihn zu steuern, auch keinen Spezialcomputer, sondern es reichen Laptop oder Smartphone.

Deshalb interessieren sich Konzerne aus aller Welt für den Roboter aus Schwabing: von Apple bis Foxconn, von VW bis Tesla. Am Montag voriger Woche ist nun, nach Jahren mühseliger Entwicklungsarbeit, die Serienfertigung angelaufen. Franka Emika produziert im Allgäu, bei einem Auftragsfertiger, 700 Roboter werden es bis Jahresende sein - verkauft sind sie alle. Schon bald will Franka Emika 15 000 Stück pro Jahr verkaufen, später noch mehr, bis 2025 - so das ehrgeizige Ziel - insgesamt eine Million. "Was wir vorhaben, ist groß", sagt Haddadin.

Franka Emika tritt damit in einem Markt an, in dem auch der Roboterbauer Kuka aus Augsburg tätig ist, einer der Weltmarktführer. Auch dessen Leichtbauroboter geht auf die Forschungen am DLR zurück. Mittlerweile aber gehört Kuka, samt der mit Steuergeld entwickelten Technologie, einem chinesischen Konzern. Haddadin mag dazu nichts sagen. Nur soviel: "Wir sind patriotisch." Er und seine Mitstreiter wollen ihre Firma in Deutschland halten, sie haben sich daher auch dem Werben von Google widersetzt. Der US-Konzern wollte die Schwabinger Firma mal kaufen, mittlerweile hat Google sich aber vom Robotergeschäft und seinen hochfliegenden Plänen verabschiedet. "Zum Schluss haben sie uns eine Mail geschickt und uns gratuliert", erzählt Haddadin.

In Schwabing haben sie das mit Genugtuung wahrgenommen. "Im Silicon Valley können die nicht das, was wir in Deutschland können. Die verstehen viel vom Internet und der Cloud, aber wenig von Mechatronik und Regelungstechnik", sagt Haddadin. Und darauf kommt es bei Robotern an. Zugleich haben sich Haddadin und seine Leute vom Silicon Valley abgeschaut, wie wichtig eine einfache Benutzeroberfläche ist. Um ihren Roboter in Gang zu bringen, braucht man - anders als bei herkömmlichen Industrierobotern - keine Techniker, die ihn wochenlang programmieren. Sondern man muss auf dem Laptop nur einige Apps anklicken und der Maschine per Hand zeigen, welche Bewegungen sie machen soll. Und los geht's! Denn der Roboter aus Schwabing soll ja nicht bloß in Fabriken eingesetzt werden, sondern auch im Alltag. "Wir wollen, dass jeder sich einen Roboter leisten kann", sagt Haddadin. Inzwischen fragen schon Kleinunternehmer an, die mit dem Roboter ihren Coffeeshop bestücken oder Messer gravieren wollen.

Bits & Pretzels

Simon Haddadin tritt mit seinem Roboter am 25. September auch bei der Gründermesse Bits & Pretzels in München auf. Im "CEO Talk - präsentiert von der Süddeutschen Zeitung" diskutiert er mit Infineon-Chef Reinhard Ploss darüber, wie Mensch und Maschine künftig zusammenarbeiten werden. Im zweiten CEO-Talk der SZ reden Eon-Chef Johannes Teyssen und Christian Bogatu, Gründer des Start-ups Fresh Energy, am 24. September über die Digitalisierung des Energiegeschäfts. Mehr Infos und Karten: www.bitsandpretzels.com

Der Traum von Haddadin mag für deutsche Ohren zu gewaltig klingen. Man kennt das eher aus dem Silicon Valley. Und doch zeigt diese Geschichte, dass hierzulande in Zukunftstechnologien viel mehr passiert, als man gemeinhin glaubt. Finanziert werden die Entwicklungen, anders als in den USA, oft nicht von privaten Risikokapitalfirmen, sondern von staatlichen Forschungseinrichtungen. Im Fall von Franka Emika sind dies das DLR und die Helmholtz-Gesellschaft, dazu bayerisches Wirtschaftsministerium und Bundesregierung. Dies muss nicht schlecht sein.

Allerdings: Wenn Franka Emika vom Start-up mit 90 Mitarbeitern zum großen Unternehmen wachsen will, lässt sich das nicht mehr allein mit staatlichem Geld bewerkstelligen. Und so stellt sie sich bei Franka Emika die Frage, von wem man die notwendigen Millionen annehmen solle: von amerikanischen Risikokapitalfirmen? Oder von deutschen Investoren, die es - mit weniger Geld - auch gibt? Letzteres wäre ihnen lieber.