bedeckt München 24°

Deutscher Mittelstand:Was macht eigentlich ... Catharina van Delden?

Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber womit verdienen die Familienunternehmen ihr Geld? Wir stellen einige von ihnen vor. Ein Gespräch mit der Gründerin Catharina van Delden über Gummibärchen, Nagellack und die Produktentwicklung mit der Masse.

Eine feine Büroadresse in München hat Innosabi schon.

(Foto: Innosabi)

Was machen Sie eigentlich?

Innosabi entwickelt Software für das Crowdsourcing. So können Unternehmen schon in einer frühen Phase der Produktentwicklung mit ihren Kunden zusammenzuarbeiten, beispielsweise über soziale Netzwerke. So lässt sich auch die Floprate senken. Das spart auch Geld, denn die Produktentwicklung ist teuer.

So eine Art Marktforschung über Facebook, Twitter und Co.?

Das kann ein Aspekt sein. Die Unternehmen zapfen die Crowd an, um Probleme zu lösen und Ideen einzusammeln. Sie nutzen die Intelligenz der Masse.

Die Firma

Innosabi GmbH

  • Sitz: München
  • Gegründet 2010 von Catharina van Delden, Jan Fischer, Hans-Peter Heid und Moritz Sebastian Wurfbaum
  • Mitarbeiter: 15
  • Umsatz: keine Angabe
  • Gesellschafter: die vier Gründer und zwei Business-Angels mit insgesamt weniger als zehn Prozent

Ein Beispiel, bitte?

Ein aktuelles Beispiel ist der blaue Goldbär von Haribo. Es wurde ja schon lange darüber diskutiert, warum es keinen blauen Bären gibt. Schon in den 70er Jahren ging eine "Sendung mit der Maus" der Frage nach.

War Ihnen das Problem bewusst?

Ja, weil ich an in München Technologie- und Management-orientierte BWL studiert und mich auf Innovation und Marketing in der Lebensmittelindustrie spezialisiert habe.

Gut, Sie wussten, dass es keinen blauen Goldbären gibt, aber haben Sie ihn auch vermisst?

Ich fand die Diskussion spannend, vor allem mit welcher Emotionalität Kunden den blauen Goldbären gefordert haben.

Warum gab es denn keinen?

Weil es keinen Farbstoff natürlicher Herkunft gab, der ein ordentliches Blau lieferte.

Den gibt es jetzt?

Ja, er lässt sich aus Algen gewinnen. Aber Haribo hat den blauen Bären nicht einfach so auf den Markt gebracht, sondern seine Kunden befragt, welche sechs neuen Sorten sie sich wünschen und daraus eine Fan-Edition gemacht. Jede Woche wurde zwischen je zwei Sorten abgestimmt. Das war ganz clever. Haribo hätte ja auf einen Schlag alle zwölf Sorten zur Abstimmung stellen können. So wurden die Internetnutzer sechs Wochen lang auf die Seite geführt und die Spannung stieg.

Wo fand denn die Abstimmung statt?

Auf der Internetseite Goldbären-Fan-Edition.de und über Facebook. Die Technologie für Abstimmung und Auswertung stammt von uns. Der Betreiber der Seite ist Haribo.

Welcher Bär hat es nicht geschafft?

Granatapfel hat gegen den blauen Bären verloren, zum Beispiel.

Wie kam Haribo auf Innosabi?

Wir sind zwar noch klein, aber im Crowdsourcing haben wir uns schon einen Namen gemacht. Viele unserer Wettbewerber sind nur in der Ideengenerierung unterwegs. Wir begleiten unsere Kunden bis zum markreifen Produkt. Wir haben DM geholfen ein neues Duschgel der Eigenmarke Balea auf den Markt zu bringen, und Görtz hat mit uns Tücher entwickelt.

Wie lange dauert so ein Projekt?

Eine einmalige Aktion wie die Gummibärchen nur ein paar Monate. Es gibt aber auch dauerhafte Plattformen, über die etwa Continental ermittelt, welche Steuerung sich die Kunden für neue Traktoren wünschen. Das kann dann Jahre gehen.

Wie viele Menschen haben sich an der 'wichtigen Entscheidung' über die neuen Goldbären beteiligt?

Die genauen Zahlen veröffentlicht Haribo nicht. Wir dürfen sagen, es war eine sechsstellige Zahl. Das war eine der erfolgreichsten Kampagnen im deutschsprachigen Raum. In den USA gibt es Projekte mit deutlich mehr Teilnehmern, zum Beispiel den Chips-Konfigurator von Lay's. Es gibt auch Firmen, die schreiben Preisgelder in Millionenhöhe aus, da ist die Beteiligung natürlich höher. Bei Haribo gab es jede Menge Gummibärchen zu gewinnen.

Repräsentativ ist diese Art der Volksabstimmung nicht!

Den Anspruch hat sie auch gar nicht. Es ist eher eine Art Kanal für die Unternehmen, in den Dialog mit ihren Kunden zu treten.

Werden Sie pro abgegebene Stimme oder für das Projekt vergütet?

Keines von beiden; die Kunden zahlen für die Miete der Software-Lizenz. Die Software bildet Prozesse aus dem Innovationsmanagement ab. Nur im klassischen Innovationsmanagement habe ich vielleicht 100 Mitarbeiter in der Marketingabteilung, mit der Software kann ich mehrere Tausend Menschen in den Prozess einbeziehen. Der Prozess und die Werkzeuge sind aber immer die gleichen.

Der Haribo-Fall war trotzdem recht einfach: blau oder rot, Heidelbeere oder Granatapfel. Wie läuft denn ein komplexerer Prozess ab?

Da geht es um schwierige Fragen, zum Beispiel wie die Wärmeisolierung einer Outdoor-Jacke aussehen soll, welchen Hochdruckreiniger sich Kunden in Japan wünschen oder welchen Nagellack Frauen wollen. Letztes Jahr haben wir mit Manhattan die Community Colours auf den Markt gebracht, dieses Jahr die Birthday Colours. Die Firma hat in der Produktentwicklung Schritt für Schritt neue Fragen gestellt.

Zum Beispiel?

Welche Themenwelt die Kollektion widerspiegeln soll. In welchen Trend sich die Farben einbetten sollen. Die Leute konnten erst einmal alles äußern, was sie wollen. Die Software ermittelt dann, welches die beliebtesten Looks sind. Dann bewerteten die Kunden in einem zweiten Schritt, welche Looks sie mögen. Aus dem Ergebnis hat Manhattan ausgewählt, was zur Firma passt und umsetzbar ist. Das ist dann die Grundlage für die nächste Frage zu Farbe, Name oder Verpackung. An etwa tausend Mitentwickler hat Manhattan auch Prototypen verschickt mit Klarlack und Pigmenten, so dass die Kunden zuhause ihren eigenen Lack mischen konnten. In solchen Tests kommen dann auch ganz andere Wünsche der Kundinnen an ihren Nagellack zu Tage, an die gar keiner vorher dachte.

Innosabi Crowdsourcing

Wenn die Kunden den Nagellack mitentwickeln sollen, dürfen sie auch mixen.

(Foto: Innosabi)

Was für welche?

Die Deckkraft ist wichtig. Der Lack soll sich leicht entfernen lassen. Eine Kundin berichtete aus den USA, dass Frauen erst weißen Bastelkleber auf den Nagel schmieren und dann den Lack, dann lässt er sich abziehen wie ein Aufkleber. Misslyn, eine Lackmarke von Artdeco, hat ein ähnliches Projekt mit uns gemacht, die hatten einen Lack-Konfigurator.

Aber in beiden Fällen ging es um Nagellack? Führten beide Projekte zum gleichen Ergebnis?

Nein, zu ganz unterschiedlichen. Die Kollektion für Misslyn hatte knalligere Farben.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Artdeco hatte das Thema Sweet Summer vorgeben, das führt einfach zu sommerlicheren Farben. Es hängt auch von der Marke ab. Von Manhattan erwartet die Kundin andere Farben.