Deutsche Telekom: Spitzelaffäre Von wegen großes Opus

Operation "Rheingold": In der Anklageschrift zur Spitzelaffäre bei der Deutschen Telekom sind viele Top-Manager genannt - aber nur als Zeugen.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

Bei der Berliner Firma Network Deutschland GmbH saßen Freunde der Oper und deshalb wurden die dubiosen Dienste des Unternehmens für die Abteilung Konzernsicherheit der Telekom vorzugsweise nach großen Musikwerken benannt. Operation "Rheingold" etwa, der erste Teil des Rings der Nibelungen von Richard Wagner. Als die Bonner Staatsanwaltschaft und Kriminalbeamte im Frühjahr 2008 die Ermittlungen in der gerade bekannt gewordenen Spitzelaffäre des rosa Riesen aufnahmen, gab sich die Fahndergruppe den Namen Alberich - wie der gleichnamige hässliche Zwerg aus "Rheingold".

Die Spitzelaffäre belastet die Deutsche Telekom seit Jahren, jetzt sollen prominente Zeugen aussagen.

(Foto: ap)

Dieser Tage schickten die Strafverfolger die Anklage in dem Spitzelverfahren an die Große Strafkammer beim Landgericht Bonn. So lange die Ermittlungen auch gedauert haben, ein Wagnersches Opus ist es nicht geworden. Der Umfang der Anklage ist mit nur 58 Seiten vergleichsweise gering. Die Namen der vier Angeklagten kennen selbst bei der Telekom nur die Insider. Drei von ihnen haben für den Bonner Konzern gearbeitet; der vierte ist Ralph K. von Network aus Berlin. Ein Opernfreund. Für die große Bühne hat keiner von ihnen das Format.

Die Luft ist raus

Seit feststeht, dass die Ermittler die früheren Telekom-Größen Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel nicht anklagen würden, ist für eine Teil der Öffentlichkeit die Luft aus dem Verfahren. Wenn es vor Gericht zum Finale kommt, werden vermutlich nur prominente Zeugen einige Aufmerksamkeit auslösen. Die Ermittler haben 38 Zeugen aufgelistet. Die bekanntesten sind die Nummern 15, 16 und 17: Telekomchef Rene Obermann sowie Zumwinkel und Ricke. Als weitere Zeugen werden Vorstandsmitglied Manfred Balz, der frühere Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick und Ex-Personalvorstand Heinz Karl Klinkhammer aufgeführt. Unklar ist, ob Zeuge sechs, der Düsseldorfer Spitzenjurist Michael Hoffmann-Becking, auch aussagen wird. Das Amtsgericht Bonn hat ihm ein Zeugnisverweigerungsrecht zugestanden, das die Staatsanwaltschaft allerdings nicht akzeptieren mag.

Zeuge Nummer eins ist der Mann, mit dem die Affäre anfing: Der Journalist Reinhard Kowalewsky, der viele Jahre für Capital gearbeitet hat. Anfang 2005 erschien in dem Wirtschaftsblatt eine von ihm recherchierte Geschichte über die Telekom mit dem Titel "Strahlender Sieger - Vom Schuldenberg zum Rekordgewinn: Vorstandschef Kai-Uwe Ricke erwartet einen Profit von 7,9 Milliarden Euro". Die darin ausgebreiteten Informationen galten für Ricke als vertraulich. Weil früher schon interne Angelegenheiten in die Medien gelangt waren, schaltete er sogleich den damaligen Telekom-Sicherheitschef ein, um Gegenmaßnahmen zu prüfen. Als potentielle Quellen galten Mitglieder des Aufsichtsrates.

Mit am Tisch bei der ersten Besprechung am 20. Januar 2005 saß Klaus Dieter T., Jahrgang 1950, damals Leiter der Abteilung Forensik (KS3), einer Unterabteilung der Telekom-Konzernsicherheit. Ein großer Geheimnistuer mit einem Etat in Höhe von 750. 000 Euro für geheime Aktionen. T. setzte Ralph K. von Network ein, dessen Unternehmen sich unter anderem mit Datenauswertungen beschäftigte. K. bekam den Auftrag, durch Auswertung von Presseveröffentlichungen die Quellen Kowalewskys herauszufinden. Wie macht man das? K., der ein konservativer Mensch ist, meinte, es müsse sich um ein Aufsichtsratsmitglied der Arbeitnehmerseite handeln, aber Konkretes oder Belege hatte er nicht vorzuweisen. So entstand die Idee, die Telefonverbindungsdaten des Journalisten und eines Aufsichtsratsmitglieds auszuwerten. Daraus wurde die "Operation Rheingold", die sich auswuchs. Mehrere Journalisten, sowie etliche Betriebsräte und Mitglieder des Aufsichtsrates wurden ins Visier genommen. Keine Quelle wurde enttarnt, vielleicht sprudelte sie ja auch an einem ganz anderen Ort.

Vorwurf: Versuchte Erpressung

T. und K. bekamen Unterstützung von zwei Managern. Der eine hatte mal bei T-Mobile gearbeitet und kannte dort die richtigen Wege. Er ließ von einem T-Mobile-Mitarbeiter die Verbindungsdaten zu Mobilfunkanschlüssen prüfen. Diese beiden Männer komplettieren die List der Angeklagten. Ein monströses Überwachungssystem lief an, das sehr teuer war. Aus Sicht der Ermittler hat K. viel zu viel Geld für die illegale Arbeit bekommen und T., der seit 2004 klamm gewesen sei, soll insgesamt 355.000 Euro aus dem Unternehmen veruntreut haben. T. bestreitet das. Dessen Kompagnon K. werfen die Ermittler außerdem vor, er habe die Telekom zu erpressen versucht, um noch mehr Geld zu kassieren.

Und was ist mit Zumwinkel und Ricke? Die Ermittler schreiben, es habe sich kein Beleg dafür gefunden, dass die beiden Top-Manager die illegalen Aktionen angeschoben hätten. T. habe sich zwar manchmal gerühmt, die da oben seien eingeweiht, aber damit habe er nur die eigene Wichtigkeit betonen wollen.