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Deutsche Staatsanleihen:Wie der Bund mit Schulden Geld verdient

Wie kein zweites Land profitiert die Bundesrepublik von der europäischen Schuldenkrise. Deutschland verkauft mittlerweile Staatsanleihen mit negativer Rendite - Investoren zahlen also Geld dafür, dass sie dem Bund ihr Geld leihen. In der Entwicklung spiegelt sich das Risiko wider, dass der Euro scheitert.

Deutsche Schulden werden immer billiger. Während der Internationale Währungsfonds (IWF) der Euro-Zone als Ganzes gerade erst ein verheerendes Zeugnis für die Krisenpolitik ausgestellt hat, profitiert die Bundesrepublik wie kein zweites Land der Euro-Zone von den Fluchtbewegungen an den Kapitalmärkten.

Zum ersten Mal hat der Bund am Mittwoch eine Staatsanleihe mit negativer Rendite begeben. Eine Versteigerung einer zweijährigen Schatzanweisung ergab am Mittwoch einen Effektivzins von minus 0,06 Prozent, wie die Bundesbank mitteilte. Das bedeutet, dass der Bund sogar für langfristige Kredite einen Überschuss erzielt. Für Investoren, die die Anleihe kaufen, heißt das umgekehrt: Sie legen drauf, bezahlen sogar eine Prämie dafür, dass sie dem Bund für zwei Jahre ihr Geld leihen.

Die Nachfrage nach den Papieren blieb dennoch robust, hieß es. Das Auktionsergebnis spiegelt die Entwicklung an den Sekundärmärkten wider, wo umlaufende Staatsanleihen gehandelt werden. Hier ist die Rendite für zweijährige Staatsanleihen Deutschlands schon seit längerem negativ und lag nach der Auktion am Mittwochnachmittag bei minus 0,065 Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten mit 1,19 Prozent nahe ihres Rekordtiefs von Anfang Juni. Damals lag die Rendite nur noch bei 1,17 Prozent.

Die historisch niedrigen Zinsen sind eine Folge der Schuldenkrise, die Anleger händeringend nach sicheren Anlagen suchen lässt. Während klamme Staaten wie Spanien und Italien ständig in Sorge leben, dass ihr Zinsniveau über sechs oder sieben Prozent steigt, ist es dem Bund bereits mehrfach gelungen, Schulden zum Negativzins aufzunehmen. Allerdings handelte es sich hierbei bislang immer um kurzlaufende Geldmarktpapiere mit Laufzeiten von weniger als einem Jahr.

Auch Frankreich und die Niederlande, die wie Deutschland bei Ratingagenturen eine AAA-Bonität genießen, haben vergangene Woche Kurzläufer zu Negativkonditionen am Markt platzieren können. Schon länger hat dieses Privileg die Schweiz, deren Franken neben dem US- und dem kanadischen Dollar, dem brasilianischen Real sowie den nordeuropäischen Kronenwährungen zu den beliebtesten Fluchtwährungen zählt. Bei herkömmlichen Staatsanleihen - also Wertpapieren mit Laufzeiten von zwei Jahren und mehr - war eine Begebung eines Staatspapiers zu "Strafzinsen" zuvor in der Eurozone noch nie gelungen.

Kleinanleger können zugreifen

Die jüngste Versteigerung spülte dem Bund unmittelbar gut 4,17 Milliarden Euro in die Kasse. Die Differenz zum angestrebten Betrag von fünf Milliarden Euro behielt die deutsche Finanzagentur zurück, um sie, wie gewöhnlich, am freien Markt platzieren zu können. Hier können dann auch Kleinanleger zugreifen. Diese hatten sich allerdings zuletzt wegen der schlechten Renditeaussichten zurückgehalten.

Zu den Hauptkäufern gehören Analysten zufolge große Kapitalsammelstellen wie Versicherungen, Pensionskassen, Banken. Manche Vermögensverwaltungsprodukte sind auf Sicherheit angelegt. "In schlechten Zeiten sind die Manager dieser Produkte dann auch bereit, eine Versicherungsprämie dafür zu bezahlen", erklärt Patrick Jacq, Zinsstratege bei der französischen Bank BNP Paribas.

In der besonderen Nachfrage nach negativ verzinsten Langläufern des Bundes spiegele sich auch das Risiko wider, dass der Euro scheitert, meint Marc Oswald, Börsenstratege bei Monument Securities. "Falls der Euro auseinanderbricht, wollen die Investoren in Anlagen des Landes sein, das danach eine starke Währung hat und nicht in einem mit schwacher Währung."

Auch der IWF verliert offenbar langsam das Vertrauen und die Geduld mit der Eurozone. Im jährlichen Bericht zur Eurozone kommt der IWF zu dem Schluss, dass den EU-Politikern nach wie vor die "grundlegenden Werkzeuge" fehlten, um mit einem der Kernprobleme der Schuldenkrise fertig zu werden - dem Teufelskreis zwischen schwachen Banken und den knappen Kassen der Regierungen. Zugleich forderte der IWF "ehrgeizige" Maßnahmen zur Wachstumsförderung. In der Eurozone bestehe die Gefahr einer Deflation, also der Kombination von Preisverfall und Wirtschaftskrise.

Der IWF forderte die Europäische Zentralbank im Kampf gegen die Krise auf, die Geldpolitik weiter zu lockern. Er empfahl unter anderem weitere Zinssenkungen, einen verstärkten Ankauf von Staatsanleihen besonders gefährdeter Länder in der Eurozone - alles Maßnahmen, die skeptische Investoren weiter in Bundesanleihen treiben dürfte.