Umbruch bei der Deutschen Bank Der riskante Plan des Chefs

Christian Sewing kämpft mit beispiellosem Machtanspruch um die Zukunft der Deutschen Bank - und schreckt nicht davor zurück, sehr viele Menschen um ihre berufliche Existenz zu bringen. Er muss das tun.

Kommentar von Jan Willmroth, Frankfurt

Niemand weiß die Geschichte der deutschen Wirtschaft zu erzählen, ohne irgendwann die Deutsche Bank zu erwähnen. Gegründet vor bald 150 Jahren von Bankiers im Kaiserreich, besorgte das Haus den Geldverkehr für deutsche Warenhändler und finanzierte bald nach seiner Gründung den Aufstieg der deutschen Industrie. Kohle und Stahl, Textilwirtschaft, Chemie und Pharmaindustrie, Dinge zum Anfassen. Jahrzehntelang befeuerte die Deutsche Bank das Wirtschaftswunder, hielt Beteiligungen an wichtigen deutschen Konzernen, finanzierte Kleinbetrieben und Familien den wirtschaftlichen Aufstieg. Noch einmal viele Jahre später, im Heute, geht es der größten Bank in Europas größter Volkswirtschaft so schlecht, dass sie sich zum Teil selbst abschafft, um zu überleben.

Ein brutaler Sanierungsplan kostet drei von neun Vorständen den Job, in etwa jede fünfte der weltweit mehr als 90 000 Stellen soll wegfallen, unprofitable Geschäftsbereiche wird die Bank verkaufen oder schließen. Was vor allem bedeutet: Von großen Teilen des Investmentbankings, das sie innerhalb von 30 Jahren erst bis an die Weltspitze brachte und dann regelmäßig auf die Anklagebank, bleibt nicht viel übrig. Die Deutsche Bank verabschiedet sich aus der ersten Liga globaler Großbanken, wo sie schon länger nicht mehr mitzuhalten weiß. Für die Bank ist das eine Zeitenwende, die einhergeht mit dem Eingeständnis, diesen längst fälligen Umbruch jahrelang verschleppt und wertvolle Zeit verloren zu haben.

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Christian Sewing kämpft um die Zukunft der Bank. Sein Mut verdient Anerkennung

Es ist zugleich ein für dieses Haus beispielloser Machtanspruch, mit dem Konzernchef Christian Sewing die Deutsche Bank auf sich ausrichtet, um durchzuregieren. Seine Vorgänger scheiterten auch, weil ihnen das nie in letzter Konsequenz gelungen war. Sewing macht vor allem Kleinholz aus der Wall-Street-Dependance und beschneidet den Standort London. Er nimmt jenen Einfluss und Gewicht, die den Konzern mit überzogenen Gehältern ausgenommen und ihn mit unanständigen bis illegalen Geschäften dauerhaft beschädigt haben.

Nicht zuletzt hat er nach der Ende April gescheiterten Fusion mit der Commerzbank die Gelegenheit ergriffen und sich gegen Chefkontrolleur Paul Achleitner durchgesetzt, einen alten Verfechter des Investmentbankings: Der wirkt auf einmal schwach gegen den Vorstandschef.

Sewings Vorgehen ist vielleicht die letzte Chance, der Bank und ihren verbleibenden Beschäftigten eine Zukunft zu verschaffen, in der das Institut wieder stabil Geld verdient und Investoren ihm vertrauen. Der Bankchef wird, so oder so, in die Geschichte der deutschen Wirtschaft eingehen: Entweder als derjenige, der die Deutsche Bank gerettet und die Wende geschafft hat, oder als Sachwalter eines Niedergangs, der lange vor ihm seinen Ursprung nahm und nun womöglich nicht mehr aufzuhalten ist. Sewing wirkt entschlossen, er glaubt an seine Bank, sein Mut verdient Anerkennung.

So brutal er vorgehen möchte, so riskant ist der Plan für diese Wende. Wenn er Erfolg hat, steht am Ende im besten Fall eine solide deutsche Bank - mit kleinem d -, die zwar Investmentbank bleibt, als Dienstleister für die europäische Wirtschaft aber zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Der Geist der Anfangsjahre, überliefert im einst eingetragenen Geschäftszweck, wonach die Bank vor allem zur "Förderung und Erleichterung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und den übrigen europäischen Ländern sowie überseeischen Märkten" geschaffen worden war, soll wieder aufleben.

Auf der Suche nach Attributen für den neuen Konzernchef ward Sewing nach seiner Amtsübernahme im Frühjahr 2018 schnell als der frühere Azubi aus Westfalen dargestellt; ohne es zu hinterfragen, galt er auf einmal als "bodenständig", was immer das heißen sollte. Richtig ist: Sewing hat klare Vorstellungen davon, was die Deutsche Bank sein soll, und um diese Vorstellungen durchzusetzen, schreckt er nicht davor zurück, sehr viele Menschen um ihre berufliche Existenz zu bringen. Darunter etliche, die für die Misere nichts können. Er muss das tun, weil zaghafte Maßnahmen nicht mehr helfen.

Das Schicksal dieses Geldinstituts sollte niemanden kaltlassen, allen Skandalen zum Trotz, aus volkswirtschaftlichen, aber auch aus (geo-)politischen Gründen. Deutschland kann den neuen Nationalismus noch so sehr ablehnen oder bekämpfen: Eine Nation ohne Zugriff auf eine große internationale Bank hat in diesen Zeiten einen strategischen Nachteil.

Ob der Abbauplan die Abwärtsspirale aufhält, lässt sich nur mutmaßen: Zu unsicher ist der Verlauf der Konjunktur, zu fragil die Lage an den Kapitalmärkten, zu klar die Aussicht auf lang anhaltende Niedrigzinsen. Es ist eine Schrumpfkur und kein Wachstumsplan. Aber viele kranke Bäume überleben, wenn man sie radikal an den richtigen Stellen beschneidet, auf dass sie wieder ausschlagen und zu neuer Kraft heranwachsen. Hoffentlich funktioniert das auch bei der Deutschen Bank.

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