Deutsche Bank:Der lange Weg zur braven Bank

Screenshot  von Meike Schreiber: l. Ich habe einen Screenshot gemacht von Paul Achleitners Linkedin-Account.

Viel Heiterkeit in New York: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing beendet schwungvoll den Handel an der New York Stock Exchange.

(Foto: NYSE)

Nur noch ein Jahr, dann will die Deutsche Bank die Wende geschafft haben und ein zahmes Institut für Unternehmer sein. Doch davon ist sie weit entfernt.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Die Stimmung schien ausgelassen, vergangene Woche an der New Yorker Börse. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing jedenfalls schwang den Hammer offenbar derart schwungvoll auf die Glocke, die traditionell den Handel an der New York Stock Exchange (NYSE) beendet, dass dies für Heiterkeit seiner mitgereisten Vorstandskollegen und -Kolleginnen sorgte. Aufsichtsratschef Paul Achleitner, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Bank an der NYSE ebenfalls mitgereist, postete das Foto auf dem Karrierenetzwerk Linkedin, wo er neuerdings seine Sicht kundtut, wie einige andere Granden der deutschen Wirtschaft auch. "Ein kraftvoller Moment" sei der Auftritt gewesen, schrieb Achleitner, der kommenden Mai nach zehn Jahren sein Amt übergibt, und ein starkes Symbol für die Verankerung der Deutschen Bank in der US-Wirtschaft.

Für seine Mitteilung erntete er Applaus von Kollegen, die etwa den "Meilenstein" in der Geschichte der Deutschen Bank lobten. Dass der Ausflug des Geldhauses an die Wall Street, der 1999 mit der Übernahme der US-Investmentbank Bankers Trust begann, unter dem Strich viele Milliarden an Aktionärsgeld verbrannt hat, also Summa Summarum alles andere als kraftvoll war, erwähnte Achleitner nicht. Für die Investmentbanker des Hauses, die in der Regel selbst dann noch Boni kassierten, wenn die Geschäfte nicht ganz so rund liefen, hat sich die Sache schließlich trotzdem gelohnt.

Auch am Mittwoch lief es nicht ganz so rund, zumindest am Aktienmarkt, nachdem die Deutsche Bank ihre Quartalszahlen veröffentlicht hatte. Das Geldhaus hat in den vergangenen drei Monaten unter dem Strich zwar knapp 200 Millionen Euro verdient, rund sieben Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Es war also immerhin das fünfte Quartal mit Gewinn in Folge. Unter dem Strich aber entsprach das eben doch nur einer Eigenkapitalrendite von 1,5 Prozent, was weit entfernt ist von den acht Prozent, die Konzernchef Christian Sewing für 2022 anpeilt. Zugleich scheint die Bank wieder etwas laxer mit den Kosten umzugehen.

Stabile Zahlen, schwache Aktie

Die Aktie fiel jedenfalls um mehr als sechs Prozent auf rund 11,10 Euro. Zwar waren die Papiere in den vergangenen Monaten gestiegen, allerdings längst nicht so stark wie die Aktien andere großer Banken. Vor allem die führenden Investmenthäuser wie Goldman Sachs oder JP Morgan profitieren derzeit massiv von der Post-Corona-Erholung der Wirtschaft, dem billigem Zentralbank-Geld und staatlichen Milliardenhilfen für die Realwirtschaft.

Für die Deutsche Bank scheint der Boom im Investmentbanking aber bereits abzuflauen, was vor allem an der Konzentration auf den schwankenden Handel mit Anleihen liegt, nachdem man das Aktiengeschäft aufgegeben hat. "Die Bank hat es bislang nicht geschafft, unabhängiger vom volatilen Investmentbanking zu werden", sagt Benjardin Gärtner, Aktienchef der Fondsgesellschaft Union Investment. Daran werde sich im aktuellen Zinsumfeld nichts ändern. Die Wettbewerber seien besser diversifiziert mit Blick auf ihre Ergebnistreiber.

Glaubt man dem Management, dann gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die Bank den im Juli 2019 ausgerufenen Umbau 2022 erfolgreich abschließen kann. Alle Sparten entwickelten sich wie geplant oder besser, behauptet Sewing bei jeder Gelegenheit - was aber nur stimmt, wenn man die zahlreichen Änderungen des Plans mitdenkt. Eine brave Unternehmerbank mit starker Verankerung im Heimatmarkt ist die Deutsche Bank jedenfalls längst nicht, sondern weiterhin eine Investmentbank, die einen Teil ihrer Erträge in exotischen und riskanten Märkten erwirtschaftet. Und eine, in der weiterhin mächtige Banker in New York, London und anderswo das Sagen haben.

Um den größten Ertragsbringer des Geldhauses zu finden, muss man zum Beispiel von Frankfurt aus Tausende Flugkilometer bis nach Südostasien reisen, wie die Nachrichtenagentur 6 recherchiert hat. Fündig werde man im 18. Stock eines Büroturms mit Blick auf die Marina Bay in Singapur. Dort leite Chetankumar Shah, ein Banker Anfang 50, ein Team, das komplexe Finanzierungen betreut. Das Spektrum der Kunden reiche von asiatischen Tycoons bis zu europäischen Produzenten erneuerbarer Energien. Papiere eines indonesischen Konglomerats gehören ebenso zum Geschäft wie Ramschtitel einer israelischen Reederei. In Frankfurt mögen wenige Shah kennen. In der Buchhaltung der Bank schon: Seine globale Finanzierungs- und Kredithandelsgruppe erwirtschafte jährlich Erträge von geschätzten drei Milliarden Euro, etwa ein Drittel des Investmentbankings. Alles im grünen Bereich also? Wenn die Märkte drehten, könnte sich zeigen, welche Risiken dort lauerten, so das Fazit von Bloomberg.

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