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Deutsche Bank:Wenn die Karriere in vier Taschen passt

People exit the lobby of the U.S. headquarters of Deutsche Bank in New York City

Banker mit weißen Umschlägen verlassen das Hauptgebäude der Deutschen Bank in New York. Wer diese Umschläge bekommt, wird entlassen.

(Foto: REUTERS)

Neben London und Hongkong trifft die erste Kündigungswelle auch das US-Hauptquartier der Deutschen Bank in New York. Ein Ortsbesuch.

Wall Street, Hausnummer 60. 47 Stockwerke hat das Gebäude, es ragt beeindruckende 227 Meter in die Höhe. Seit bald 20 Jahren beherbergt es die US-Zentrale der Deutschen Bank. Weit mehr als 5000 Menschen arbeiten hier. Nichts scheint diesen Koloss erschüttern zu können.

Unten im Erdgeschoss zwängt sich eine Frau mit vier Beuteln und Taschen durch eine der beiden Drehtüren des Hochhauses nach draußen. In einer der Taschen steckt ein graues Luftkissen. Manche legen sich so eines auf ihren Bürostuhl, wenn sie Rückenprobleme haben. Aus einem Jutebeutel ragt der weiße Briefumschlag heraus. Der Umschlag in der Größe etwa eines DIN-A4-Formates ist das Erkennungszeichen. Wer an diesem Montagmorgen so einen Umschlag überreicht bekommen hat, der ist gefeuert.

Es ging alles sehr schnell. Am Wochenende sickerte durch, dass Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sein Geldhaus radikal umbauen will. Am Sonntag hatte er in einer Rundmail an alle Mitarbeiter "tiefe Einschnitte" verkündet. In einer Presseerklärung teilte das Unternehmen am selben Tag mit, bis 2022 etwa 18 000 der weltweit 92 000 Stellen streichen zu wollen. Vor allem will Sewing das Investment-Banking radikal eindampfen und die Gesamtkosten der Bank um ein Viertel herunterfahren.

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Betroffen sind vor allem die Standorte London, Singapur, Hongkong und New York. In London beschäftigt die Deutsche Bank 7000 Mitarbeiter. Einige Hundert haben eine Mail bekommen, pünktlich um acht Uhr am Montagmorgen zur Arbeit zu erscheinen. Ihnen sei dann mitgeteilt worden, dass ihre Zugangskarten ab elf Uhr keine Gültigkeit mehr hätten. Gegen zehn Uhr wurden Dutzende Mitarbeiter mit weißen Umschlägen gesehen, manche von ihnen sollen geweint haben.

Angefangen hat der Kahlschlag in Asien. Nur Stunden nach der Mail-Ankündigung von Sewing begann dort bereits ein neuer Arbeitstag. In Hongkong und Singapur wurden ganze Teams vor die Tür gesetzt. "Die halbe Etage ist weg und die anderen warten nur darauf, dass sie einbestellt werden", sagte ein Aktienhändler in Hongkong. Er sei zusammen mit anderen gekündigten Kollegen direkt aus dem Gebäude geführt worden.

Im Foyer von 60 Wall Street steht ein Service-Schild des Haus-Managements. Es weist die Mitarbeiter darauf hin, dass das "60 Wall Street Cafe", die Hauskantine, bis elf Uhr am Vormittag geschlossen bleibt und es keinen Zugang gibt zu Level A und B. Was dort nicht steht: Dieser Ort ist heute denen vorbehalten, die an diesem Montag ihren letzten Arbeitstag haben. Am Tag nach Sewings Rundmail erfahren die ersten Mitarbeiter in der Cafeteria des Deutsche-Bank-Hauptquartiers in New York, dass sie in diesem Haus keine Zukunft mehr haben.

Die Frau mit den vier Taschen verschnauft kurz, als sie draußen ist. Sie ist eine von jenen, die für 9.30 Uhr in das Cafe zitiert wurden. Wenig später hat sie erfahren, dass mit diesem Tag ihre Karriere bei der Deutschen Bank endet.

Die vier Taschen, ist das alles, was ihr geblieben ist? "So ziemlich", sagt sie und zieht die Taschen noch einmal etwas fester an sich. "Aber das ist schon okay so", sagt sie. "Wandel macht das Leben interessant." Nach Sonntag sei ihr ja klar gewesen, was heute passieren würde. Die Nachrichten aus Deutschland waren eindeutig.

Ihr Name? Sie lächelt, winkt ab und geht. Es ist erstaunlich genug, dass sie überhaupt ein paar Worte wechselt. Wie zu hören ist, gab es hausintern die dringende Anweisung, nicht mit der Presse zu sprechen.

Hier in New York hat es vor allem die Equity-Abteilung getroffen. Wie viele Mitarbeiter genau an diesem Montag ihre Kündigung bekommen haben, ist nicht klar. Von Hunderten ist die Rede. Die Deutsche Bank äußert sich nicht zu den Details der Kündigungswelle.

Es trifft aber alles in allem an diesem Montag wohl nur einen kleinen Teil der Gesamtbelegschaft. Vor den 26 Aufzügen im Erdgeschoss geht es am Mittag immer noch zu wie in einem Bienenstock. Menschen kommen, gehen, mit Kaffeebechern in der Hand. Manche nehmen sich etwas zu essen mit oder kommen mit Essen wieder und fahren mit dem Aufzug in eines der 47 Stockwerke.

Hin und wieder aber kommen Menschen heraus, die einen dieser weißen Umschläge mit sich tragen. Da ist der Mann mit den blauen Sneakers und dem weiß-kariertem Business-Hemd. Er setzt sich noch schnell die Sonnenbrille auf, seinen weißen Umschlag unter dem Arm, bevor er kommentarlos in den Häuserschluchten des Financial Districts verschwindet. Oder der leicht untersetzte Herr mit der Halbglatze. Seine Habseligkeiten hat er in einer Tasche mit dem Deutsche-Bank-Logo verstaut, auch den weißen Umschlag. Er hält sich eine Hand vor das Gesicht, um auf Fotos nicht erkannt zu werden. Auch er: kein Kommentar. Oder die Dame mit dem weißen Haar und dem hellbeigen Blazer. Sie hält ihren weißen Umschlag eng an sich gedrückt, als sie das Haus verlässt. Sagen will auch sie nichts.

Hätten sie sich noch einmal umgedreht, sie hätten vielleicht die großen Bildschirme im Foyer von 60 Wall Street bemerkt. Auf denen präsentiert sich die Deutsche Bank als vorbildlicher Arbeitgeber. Einer, der auch Menschen wie Meg Beimfohr eine Karriere ermöglicht, die als Historikerin zum Unternehmen gekommen ist. Oder der Kunstprojekte fördert wie den "Sommer of Love". Oder der sich der Vielfältigkeit in der Belegschaft verschrieben hat und gerne damit wirbt, dass Menschen aus 147 Nationen für die Deutsche Bank arbeiten. Alles unter dem Stichwort "positive impact", guter Einfluss. Schöne heile Welt. Wie gut, dass sie sich nicht noch einmal umgedreht haben.

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